Christian Mayer | Reinszenierungen

Im Jahr 1802 publizierte die weltbekannte Keramikfirma Wedgwood eine Anleitung zur Herstellung von „sun pictures“: fotografische Bilder, die mithilfe von Sonnenlicht auf mit Silbernitrat beschichtetem Leder und Papier erzeugt wurden.1 Ihr Erfinder ist Thomas Wegdwood, Sohn von Firmengründer Josiah Wegdwood, der in einer Retrospektive zum Pionier der Fotografie erhoben wurde. Als Motiv für diese „sun pictures“ sollten, laut Anleitung, die Wedgwood Porzellanobjekte fungieren. Entgegen dem Zeitgeschmack des 18. Jahrhunderts verzichteten diese auf üppiges Dekor, um sich – orientiert an etruskischen Vasen – auf elegante, industriell herstellbare und damit reproduzierbare Formen zu fokussieren.

Zeitgleich mit dem Niedergang der insolventen Firma Wedgwood erhält diese einen erneuten Höhepunkt in der Arbeit „Black Basalt“ von Christian Mayer.2 Der Titel thematisiert die Materialität des Porzellans – schwarz und vermarktet als ebenso widerstandsfähig wie Basalt. Die Ausstellung „Black Basalt“ zeigt das Ergebnis einer Durchführung der von Wedgwood publizierten Anleitung.3 Die haptischen Körper des schwarzen, widerstandsfähigen Porzellans wurden reduziert auf eine zweidimensionale Fläche aus Leder – ein strapazierfähiges Material, das selber auf eine mehr als 5.000 Jahre alte Geschichte zurückblickt. Der Vorgang selber ist unendlich wiederholbar; hingegen sind die Endprodukte nicht reproduzierbar. Der Entwicklungsprozess der „sun pictures“ ist schwer kontrollierbar, sodass die Ergebnisse von einem gewissen Zufallsmoment beherrscht werden.4 Sie existieren nur als Original und sind somit technisch im Rahmen dieses Arbeitsvorganges nicht zu vervielfältigen. Durch die Verwendung des Mediums der „sun pictures“ erzielt Mayer eine Spezifität, die die Fotografie im „Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ als theoretisches Objekt längst verloren hat.5

Gegenwärtige Ereignisse dienen als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Medien und historischen Kontexten für Christian Mayer. Die Firma Wedgwood erhält in der parallel zu ihrer Insolvenz verlaufenden Ausstellung zeitgleich ein historisches Moment. Die Gegenüberstellung der „sun pictures“ zu dem originalen Porzellan gibt den Objekten eine Art musealen Charakter. Durch die temporale Ambivalenz der Publikation der Anleitung und ihrer Durchführung erfolgt eine Reinszenierung des Mediums der „sun pictures“. Die Vergangenheit wird in die Gegenwart transportiert.

Medienreflexion ist für Mayer in seinen Arbeiten eine nahezu unvermeindliche künstlerische Praxis, in die er das betrachtende Subjekt einbindet. Seine Arbeiten regen an über die Vergänglichkeit technischer Errungenschaft in der sinnlich wahrnehmbaren Welt auf geistiger Ebene nachzudenken. In „Venedig in Wien in Venedig“ aus dem Jahr 2003 wird die Fotografie auf subtile Art und Weise zum alles ermöglichendem Medium. Ein Spiel mit Identitäten und die Täuschung des Betrachters durch die Verlegung von Orten wird zum Ziel dieser Arbeit.6

Eine venezianische Wohnung als Ort des Austausches: Fotografien von Venedig an den Wänden der Wohnung wurden ersetzt durch Bilder vom Themenpark „Venedig in Wien“, der von 1895 bis 1901 eine detailgetreue Rekonstruktion Venedigs im Wiener Prater lieferte. An einer Wand wurde eine Tapete des Wiener Dogenhofes, in Anlehnung an den venezianischen Dogenpalast erbaut, angebracht. Genutzt wurde sie als Fotowand vor der die Besucher posierten. Das Ergebnis sind Fotografien, die wirken, als wäre der Besucher in Wien vor dem Dogenhof positioniert. Venedig wurde 1900 nach Wien verlegt und durch die Fotografien wiederum nach Venedig zurückgebracht.
Der Wechsel von Original und Kopie war für den Besucher nicht erkennbar.7 Die glatte Oberfläche der Fotografie steht für eine Abbildung der Wirklichkeit – sie fungiert als Beweis. Bei Christian Mayer wird die Fotografie vielmehr zur eine Art Maskierung der realen Welt. Eine strukturelle Ironie, die einen Gegensatz bildet zwischen der haptischen, glatten Oberfläche des Fotopapiers und dem Geflecht der Scheinwelt, die sich hinter der Maske befindet.8 Die Fotografie befindet sich in einer Art Schwebezustand zwischen Material und Erinnerung – sie bleibt lediglich eine Spur der Wirklichkeit, indem sie die Erfahrung des Fotografen vor Ort impliziert und somit ihre Verbindung zur externen Welt nicht völlig untergraben kann.

Die Arbeiten von Christian Mayer gehen von einem starken Orts- und Zeitbezug aus, den er jeweils in Frage stellt und überprüft. Dabei ist seine Vorgehensweise keinesfalls mit der eines Archäologen oder Historikers in Analogie zu setzen. Es handelt sich nicht um eine aktive Suche nach längst Vergessenem sondern vielmehr um Reinszenierungen, die ihren Ausgang in gegenwärtigen Ereignissen suchen.9

 

Christian Mayer

* 1976 in Sigmaringen, Deutschland. Mayer lebt und arbeitet in Wien. 

Mehr Informationen zu Christian Mayer finden Sie auf der Homepage der Wiener Galerie Mezzanin.



                                                                                                                                                 

1 Andreas Schlaegel, Die Werkzeuge und die Werkstatt, in: Spike Ausgabe 25, Herbst 2010.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Rosalind E. Krauss, Reinventing the Medium: Introduction to Photograph, 1999, in: George Baker, James Coleman, Cambridge Mass. 2003.
6 Vielen Dank an das Interview mit Christian Mayer in Wien am 03. Mai 2012.
7 Christian Egger, Forscher des Dazwischen. Retter des Kontexts, in: Parnass Kunstmagazin, Heft 3/ 2007, September/ Oktober 2007.
8 Vgl. Roland Barthes, Mythologies, Paris 1957.