Richard Serra | The Matter of Time 

Being lost throws you back on yourself, and it might make you anxious to have to choose a direction without knowing where you’ll end up.

Richard Serra

Die Orientierung als kognitive Fähigkeit ist dem Menschen nicht angeboren, sie vollzieht sich als Lernprozess aus der individuellen Erfahrung und variiert in ihrer Ausprägung. Im urbanen Umfeld wird die Orientierung durch den Zielpunkt und das System von Wegen vorgegeben. Statt sich im ungewohnten Terrain auf seine subjektive Wahrnehmung zu verlassen, navigiert einen das Handy, oder in der altmodischen Variante: der Stadtplan. Das innere Orientierungssystem wird in einen Ruhezustand versetzt; der Mensch verlässt sich auf die technischen Medien. Beim Eintritt in die monumentale Installation The Matter of Time von Richard Serra hat der Betrachter weder einen Plan in der Hand, noch kann einen das Handy navigieren – die Sinneserweiterungen finden keine Anwendung. Der Intention der Installation wohnt eine fast schon romantische Idee inne: um sich in dem skulpturalen Feld zurecht zu finden wird der Betrachter auf sich selbst verwiesen und reaktiviert seine erlernte Orientierung. Der Endpunkt der Installation bleibt bis zuletzt maskiert, sodass sich keine zielorientierte Bewegung vollzieht. Der Betrachter wird viel mehr mit einer gewissen Unendlichkeit als auch Unsicherheit konfrontiert und immer wieder überrascht.

Die Herausforderung dieser Installation ist es, die gesamte Galerie des Guggenheim Museum Bilbao zu gestalten. Der Schwerpunkt ist nicht die Entwicklung neuer skulpturaler Formen, sondern die Inszenierung der Negativräume mithilfe eines vorhandenen topologischen Formenvokabulars. Acht Stahlkolosse strukturieren den Raum und offerieren unbegrenzte Möglichkeiten der Begehung. Durch die Platzierung im Raum entstehen unterschiedliche Wegqualitäten, Passagen und Räume – nicht nur zwischen den Skulpturen sondern auch im Dialog mit der Architektur.

 

Ich glaube, dass wenn Skulptur überhaupt ein Potential hat, dann das, sich ihren eigenen Ort und Raum zu schaffen und sich in Widerspruch zu den Räumen und Orten zu stellen, für die sie gemacht wurde.

Richard Serra

Der erste Blickpunkt für die Installation The Matter of Time ist im Atrium des Guggenheim Museum Bilbao.3 Ein lichtdurchfluteter, 50 Meter hoher Raum, der als Ort der Ankunft und Orientierung betrachtet wird. Ein Ort mit einem System von Wegen, von dem die drei Ebenen der Galerieräume abgeleitet werden. Die halbrunde Säule im Atrium verdeckt den Eingang der Galerie und leitet den Betrachter links oder rechts um sie herum. Im Umschreiten der Säule sieht sich der Betrachter dem Eingang der Galerie gegenüber. Aus dieser Position ist es – im Rahmen der permanenten Installation – nicht möglich den gesamten Galerieraum zu überblicken, sodass sich kein Gefühl für Dimension des Raumes ergibt. Stattdessen wird der Betrachter an dieser Stelle mit Fragmenten konfrontiert, die sich imaginär noch nicht zu einer Struktur zusammenfügen lassen. Mit dem Eintritt in die Galerie vollzieht sich ein spürbarer Übergang vom Ort der Orientierung hin zu einem Ort, an dem der Betrachter mit Orientierungslosigkeit konfrontiert wird.

Vier Meter hohe, fünf Zentimeter dicke, geschwungene Stahlplatten stehen in völliger Balance unbefestigt auf der Erde. Das skulpturale Feld der Installation erfordert einen Betrachter, der sich mit seinem haptischen Vermögen völlig involvieren lässt. Der Betrachter wird zum wesentlichen Element von Serras Arbeiten, indem er den Raum wahrnimmt und erfährt, sich erinnert und antizipiert. Eine peripatetische Wahrnehmung, durch die der sich bewegende Betrachter nicht nur mit einer perspektivischen Mehrdimensionalität konfrontiert wird, sondern auch mit verschiedenen Zeiterfahrungen.

Als Eröffnungsfigur fungiert die bisher größte Torqued Spiral, die vom Eingang der Galerie gesehen linksseitig platziert ist. Sie soll in dieser Auseinandersetzung als exemplarische Skulptur für die Formensprache von Serra behandelt werden. Sieben Stahlplatten wurden zur Erzielung dieser komplexen Struktur benötigt. Archimedische Spiralen drehen im gleichen Rhythmus aus dem Zentrum, sodass man sich durch Antizipation schnell in der Form zurecht finden würde. Bei den Torqued Spirals handelt es sich daher um logarithmische Spiralen, die in ihren Intervallen variieren. Die Struktur der Skulpturen wird dadurch so unerwartet, dass die Gefahr besteht, die Form nicht zu erkennen. Der Drehmoment in der Oberfläche der Stahlwände verstärkt ihre Komplexität. Die Drehung erfolgt im Uhrzeigersinn, gegenläufig zu der Bewegung des den Galerieraum betretenden Betrachters.4

Die Torqued Spiral etabliert beim Betrachter einen völligen Überraschungseffekt. Die Form der Spirale ist dem Betrachter unbekannt, sodass er die Passage ohne einen Zielpunkt betritt. Mit jedem Schritt verändert sich die Form der Spirale. Das Licht variiert zwischen hell und dunkel, die Wände neigen sich mal nach innen, mal nach außen. Die Wahrnehmung des Betrachters divergiert mit der Form- und Lichtsituation in der Passage: mal wirkt der Gang beklemmend, dann weitet er sich; die Reaktion erfolgt physisch und psychisch. An der dunkelsten Stelle der Passage angekommen, wird der Betrachter mit dem nächsten Schritt überraschend mit einer hellen, platzartigen Öffnung konfrontiert. Es entsteht ein Gefühl der Erleichterung, man atmet auf. Durch die Drehungen der Spirale erscheint es anfangs, dass sich die Wände in dieser Öffnung weiter bewegen und in eine Art Schwebezustand transformiert werden.

Die Spirale setzt das innere Orientierungssystem völlig außer Kraft. Der Betrachter wird dadurch zu Beginn der Installation durch die ungewohnten Impressionen auf einen gewissen Nullpunkt reduziert, in dem ihm Vorkenntnisse nicht helfen. Ein Defizit tritt ein, sodass sich der Betrachter völlig auf das Selbst konzentrieren muss, um sich neu aus sich selbst heraus zu orientieren. Die Wahrnehmung und das Orientierungssystem des Subjektes wird bewusst aktiviert. In den Passagen hingegen wird der Betrachter geleitet und muss sich für keinen Weg entscheiden, die Zeiterfahrung des Subjektes variiert in und außerhalb der einzelnen Skulpturen.

__(Auszug aus der Bachelorarbeit von Sabrina Möller zum Thema Richard Serra’s The Matter of Time. Über den Akt der Platzierung. geschrieben bei Univ.Prof. Dr. Friedrich Teja Bach, April 2012)

 

1 Hal Foster, The Art-Architecture Complex, London/ New York 2011, S. 236.

2 Richard Serra, Richard Serra. Schriften Interviews 1970-1989, Zürich 1990, S. 109-110.

3 Vielen Dank für diesen Hinweis an Herrn Univ.-Prof. Dr. Friedrich Teja Bach

4 Vielen Dank für diesen Hinweis an Herrn Univ.-Prof. Dr. Friedrich Teja Bach