El Lissitzky | Axiome seiner Typographie

Das Sehen ist nämlich auch eine K. […] so ist K. eine Erfindung unseres Geistes, ein Komplex, der das Rationale mit dem Imaginären verbindet, das Physische mit dem Mathematischen […].

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Die Verflechtung des Körpers mit der Welt erfolgt – im Sinne von Maurice Merleau-Ponty – über den Blick: durch ein Sehen und Gesehen werden, Tasten und Betastet werden. [2] Mittels des Blickes nimmt das Sinnesorgan des Auges Reize auf und leitet die entsprechenden Informationen an das zuständige sensorische Gehirnareal weiter. An diesem Ort wird der primäre Sinneseindruck produziert, welcher noch nicht mit der visuellen Wahrnehmung in Analogie zu setzen ist.  Die Wahrnehmung vollzieht sich erst anhand eines prozessualen Abgleichs der primären Sinneseindrücke mit bereits vorhandenen Erfahrungen des jeweiligen Subjektes. Jener Prozess wird in seiner Komplexität erweitert, wenn mehrere Eindrücke über die verschiedenen Sinnesorgane des menschlichen Körpers als Information in den Arealen des Gehirns eingehen.

Zu Beginn seiner Topographie der Typographie vollzieht El Lissitzky daher eine bewusste Vergegenwärtigung der Trennung zwischen Sehen und Hören.[3] Die Reduktion auf die visuelle Wahrnehmung ist folglich als die Grundmotivation für die Entwicklung seiner Typographie zu verstehen. Sie impliziert, dass sich das gedruckte Wort aufgrund der fehlenden Akustik lediglich über den Blick des betrachtenden Subjektes dem Gehirn mitteilt. Der Grundsatz  „Optik statt Phonetik“ [4] motiviert infolgedessen zu einer Typographie, welche trotz fehlender Akustik wesentliche Betonungen und damit Ausdrucks- und Gefühlsebenen des Wortes transportieren kann.

 

[quote]Denn seine Gedanken [des Schriftstellers] kommen zu ihnen durch das Auge und nicht durch das Ohr. Darum soll die typographische Plastik durch ihre Optik das tun, was die Stimme und die Geste des Redners für seine Gedanken schafft.[/quote]  

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Zur Funktion des Wortes wird die Mitteilung von Begriffen definiert, die Gestaltung des Begriffes selber erfolgt hingegen mit den Buchstaben.[6] Substanziell ist in diesem Zusammenhang die „Ökonomie des Ausdrucks“[7] als ein Gleichgewicht zwischen dem Ausdruck und der Optik, zur Vermeidung von Übertreibungen oder als eine Reduktion auf das Wesentliche.

Basierend auf dem Gedanken der Reduktion fokussiert Lissitzky präzise, klare Formen zur Vermeidung ästhetischer Gefühlsergüsse, ohne die Direktheit der Sprache zu untergraben.[8] Klarheit und Präzision der Formen ermöglichen nicht nur eine schnelle Lesbarkeit, sie sollen dem betrachtenden Subjekt darüber hinaus zu einer als natürlich gegebenen Orientierung im Text verhelfen.[9] Zum Axiom der Typographie erhebt Lissitzky die Mittel zur Gestaltung des Buchstabens: die Elemente sind beschränkt auf die Waagerechte, die Senkrechte, die Schiefe und den Boden; aus deren Kombination in waagerechter und senkrechter Richtung die Konstruktion des Buchstabens erfolgt.[10] Der gerade Winkel der Buchstabenelemente zueinander in Richtung der Flächengrenze suggeriert durch sein statisches Erscheinungsbild Ruhe. Modifizieren lässt sich diese Wirkung durch die diagonale Platzierung des Winkels zur Flächengrenze, die Wahrnehmung des Schriftbildes wird vom Subjekt infolgedessen als dynamisch empfunden.[11]

 

 


[1] El Lissitzky, K. und Panogeomtrie, 1925, in:  C. Einstein/ P.Westheim, Europa-Almanach, Potsdam 1925, Seite 103-113.

[2] Kleiner 2009, S.93.

[3] El Lissitzky, Topographie der Typographie, 1923, in: „Merz“, Nr. 4, Juli 1923.

[4] Ebd.

[5] El Lissitzky, Typographische Tatsachen, 1925, in: Gutenberg-Festschrift, Mainz 1925.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8]  Ursprünglich arbeitete auch Lissitzky mit einem zierlichen Ornament – siehe „Das Zieglein“ (1919). Von dieser ästhetischen Verschönerung distanzierte Lissitzky sich allerdings schnell. Vgl: N. Chardshijew, Der Buchgestalter El Lissitzky, 1962, in: Die Kunst des Buches, Moskau 1962

[9]SIE haben den Tag in 24 Stunden aufgeteilt. Für überschwängliche Gefühlsergüsse ist keine Stunde mehr. Immer knapper wird das Gesprächsgebilde. Die Geste scharf geprägt. Ebenso die Typographie. […] SIE sind von ihrem ersten Tag an von bedrucktem Papier begleitet und ihr Auge ist prächtig trainiert, sich in diesem spezifischen Gebiet schnell, präzis, ohne irren zurechtzufinden. Sie werfen ihre Blicke mit derselben Sicherheit in diese Wälder, wie der Australier seinen Bumerang. […] SIE verlangen klare Gebilde für Ihre Augen. Die sind nur aus eindeutigen Elementen zusammensetzbar.“  aus: El Lissitzky, Typographische Tatsachen, in: Gutenberg Festschrift, Mainz 1925.

[10] El Lissitzky, Typographische Tatsachen, 1925, in: Gutenberg-Festschrift, Mainz 1925.

[11] Ebd.