Oskar Kokoschka und Sigmund Freud – eine Konkurrenz?


Expressionismus sollte konkurrieren mit der Entdeckung der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Quantentheorie von Max Planck.

Oskar Kokoschka

Eine Aussage, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzt und schon fast ein wenig größenwahnsinnig klingt. Ist diese Aussage wirklich legitim oder ist sie vielmehr das Ergebnis eines übersteigerten Selbstbewusstseins von Oskar Kokoschka?

Um dieses Zitat nachvollziehen zu können, bedarf es zunächst einer Einordnung in den historischen Kontext: Kokoschka lebte als Schüler von Klimt in einem modernen Wien, das stark von den Ansätzen Sigmund Freuds und Darwin’s Evolutionstheorie geprägt war. Sie bilden einen Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit der Sexualität der Frau. In seinen Zeichnungen machte Klimt die Frau und ihre Gelüste zu seinem Sujet, blieb stilistisch aber weiterhin im Jugendstil verhaftet, sodass er laut Kokoschka „[…]nicht das Innenleben [erreiche].“[2] Kokoschka grenzte sich daher zumindest stilistisch früh von seinem Lehrer ab und versuchte mit einem psychoanalytischen Blick und einen expressionistischen Stil die innere Wahrheit einzufangen.[3]

Das ermöglicht ein Verständnis des Zitates: die Gleichsetzung mit Sigmund Freud und Max Planck ist durch ein gemeinsames, allgemeines Bestreben der Wiener Moderne begründet, tief unter die sichtbare Oberfläche vorzudringen – eine Bewegung in die sich Kokoschka eingliedert.[4] Nicht nur die Theorien von Freud, die in Wien kursierten, inspirierten ihn, sondern auch die Errungenschaften in der Medizin. 1895 wurde die Röntgenstrahlung entdeckt: der Blick unter die Oberfläche des Menschen durch unsichtbare Substanzen löste eine große Faszination aus.[5] Adolf Loos, der eng mit Kokoschka befreundet war, setzte den Blick auf die Frauen von Kokoschka mit der Methode des Röntgen in Analogie.

1905 publizierte Sigmund Freud seine „Drei Abhandlungen zur Sexualtherapie“ und macht damit die kindliche Sexualität zu einem Thema in Wien. Nur ein Jahr später beginnt Kokoschka mit Zeichnungen, die nackte vorpubertäre Kinder zeigen.[6] Für das damalige Publikum war das eine äußert befremdliche Situation, die unterschiedlichste Reaktionen auslöste.

Stehender Mädchenakt, Linke am Kinn von 1907 zeigt vermutlich Lilith Lang im zarten Alter von 14 Jahren.[7] Dem Betrachter springt das Unbehagen über das nackte Posieren förmlich ins Gesicht: der Blick ist verunsichert, die linke Hand am Kinn wirkt verlegen, insgesamt ist die Körperhaltung unnatürlich. Durch die eckigen Konturen bekommt das Mädchen eine knabenhafte Gestalt und das wiederum unterstreicht ihre Jugendlichkeit und sexuelle Unreife. Es sind eben jene Formen, die die unbewussten emotionalen Instinkte seiner Modelle enthüllen und damit einen Zugang unter die Oberfläche ermöglichen.[8]

Der stilistische Bruch mit Klimt offenbart sich nach Cernuschi am Deutlichsten in seinem Selbstbildnis Der Krieger von 1909.[9] Es handelt sich dabei um eine Büste aus Lehm, die mit Farben bemalt wurde. Handabdrücke im Ton, rote Farbe auf den Augenlidern, und intensiv blaue Augen – eine Loslösung Kokoschkas von der abbildhaften Verwendung von Farbe hin zu einem Gebrauch, der der Darstellung extremer Emotionen dient.[10] Nicht zuletzt angetrieben durch Adolf Loos vollzieht Kokoschka einen Prozess von darstellerischer Genauigkeit hin zu reiner Expression.

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[1] Oskar Kokoschka, Mein Leben, München 1971, S. 119.

[2] Oskar Kokoschka zitiert nach Cernuschi, C., Re/Casting Kokoschka: Ethics and Aesthetics, Epistemology and Politics in Fin-de-Siècle Vienna, Plainsboro 2002, S. 101.

[3] Eric Kandel, Das Zeitalter der Erkenntnis, München 2012, S. 158.

[4] Ebd. S. 120.

[5] Ebd. S. 160.

[6] Ebd. S. 160.

[7] Ebd. S. 161-162.

[8] Ebd. S. 162.

[10] Ebd. S. 170.

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