Francis Picabia | Appropriation Art

Provokateur, Lebemann, Querdenker, Grenzgänger und ein Werk, das von Stilbrüchen nur so geprägt ist. [1] Vom Impressionismus, der abstrakt-kubistischen Malerei über die bekannten Maschinenbilder, bis hin zur Gründung der Zeitschrift 391, die ihn zum Wegbereiter des Dadaismus machte, offeriert sein Werk eine breite Palette an unterschiedlichen Stilen.

Trotz seiner Freundschaft mit Marcel Duchamp und Man Ray wollte er sich nicht den Surrealisten anschließen. Doch bewegte er sich ständig in ihrem Umfeld, stellte seine Werke mit ihnen gemeinsam aus, sodass am Ende in seinen Werken doch surrealistische Tendenzen ersichtlich werden. „Transparences“ nennen sich diese Werke, die er ab 1927 erarbeitet: Werke, die auf Motive aus längt vergangenen Zeiten der Antike und Renaissance zurückgreifen und deren Bezug in die Gegenwart dennoch ambivalent bleibt. „Die Struktur dieser Transparenzen  [scheint] der halluzinierenden Überlappung von Identitäten zu entsprechen […].“[2]

Picabia vollzieht damit einen entscheidenden Schritt in seiner künstlerischen Arbeitsweise: die Aneignung von Motiven und Vorlagen. Diese Appropriationsstrategien intensiviert Picabia in seiner nächsten Phase von 1938 bis 1944, in der er sich der fotorealistischen Malerei hinwendet. Das Motiv dieser Phase ist der weibliche Akt. Als Vorlage dienen softpornografische Zeitschriften wie etwa „Mon Paris“ oder „Paris Magazine“.[3] Den Erotikmagazinen entnahm er gewisse Fragmente, um sie in einem weiteren Schritt zu paraphrasieren.[4] Er fügte andere Motive hinzu oder ging sogar so weit, dass der ursprüngliche Kontext nicht mehr ersichtlich war.[5]

Lange Zeit wurden seine Akte als Kitsch degradiert; sogar der Vorwurf des Kommerzes stand im Raum.[6] Aus heutiger Perspektive hingegen wurde Picabia mit eben jenen Werken zum wichtigsten Vorgänger der Appropriation-Art erhoben, die eine Aneignung oder einen begrenzten Akt des Kopierens von Vorlagen zur Erarbeitung eines neuen Werkes vollzieht.

„Der Maler trifft seine Wahl, imitiert danach den Gegenstand seiner Wahl, dessen Formveränderung die Kunst ausmacht.“[7] Carole Boulbès schrieb dazu, dass sich aus seinem künstlerischen Prozess ein dreistufiges Modell ableiten lässt: zunächst wird die Quelle gewählt. Im zweiten Schritt erfolgt die Nachahmung und im letzten Schritt vollzieht der Künstler die Formveränderung.[8]

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Empfehlung
Hans-Peter Wipplinger (Hrsg.), Francis Picabia. Ausstellungskatalog Kunsthalle Krems, Walther König 2012.
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[1] Hans-Peter Wipplinger, Prolog, in: Francis Picabia, Kunsthalle Krems, 2012.

[2] Ebd.

[3] Sara Cochran: Gilded Cages. In: Duchamp – Man Ray – Picabia. Ausstellungskatalog Tate Gallery. London 2008, S. 145.

[4] Hans-Peter Wipplinger, Prolog, in: Francis Picabia, Kunsthalle Krems, 2012

[5] Zdenek Felix, Der Satyr mit dem Pinsel, in: Francis Picabia, Kunsthalle Krems 2012.

[6] Ebd.

[7] Zitiert nach Carole Boublès: Francis Picabia (1938-1949), die Akte, die Fotos, das Leben… in: Francis Picabia, fleurs de chair, fleurs d’âme. Ausst.-Kat. Galerie Hauser & Wirth. Köln 1997, S. 41.

[8] Ebd.