Das Wittgenstein-Haus oder „Ein Haus in Bewegung“ Teil I

Wer bei dem von Ludwig Wittgenstein entworfenen Haus in der Wiener Kundmanngasse eine gebaute Philosophie erwartet, liegt falsch und wird dennoch keineswegs enttäuscht. Die Ästhetik des Hauses basiert auf purer Präzision, Einfachheit, Klarheit, exakten Proportionen und einem besonderen Verständnis für Mechanik.

Auf ungewöhnliche Art und Weise fügt sich das von 1926-28 errichtete Haus städtebautechnisch ein: gerahmt von Mehrfamilienhäusern und Straßen ist es auf erhöhtem Niveau, umgeben von einer Außenmauer, platziert. Wie ein Sockel präsentiert die Mauer das Anwesen und wirkt zeitgleich wie ein Schutzmantel. Der Zugang wurde 1976 von der Kundmanngasse in die Parkgasse verlegt – heute gibt es hier einen Treppenaufgang, während man zuvor mit dem Wagen um das Gebäude herum bis vor die Haustüre fahren konnte. Dabei ist zu erwähnen, dass die Kinder „natürlich“ frühzeitig aussteigen mussten, und es ihnen lediglich erlaubt war, über den Dienstboteneingang das Haus zu betreten.

Das Eintreten in das Haus gleicht einer zeremoniellen Eingangsgeste. Drei Räume schließen sich direkt hintereinander an: der Eingangsbereich, der Vorraum und die Halle mit einem Treppenaufgang. Die ersten beiden Räume sind auf die Halle ausgerichtet: die geöffneten Türen stärken die dynamische Ausrichtung auf die Halle. Wesentlich gestärkt wird dieser Effekt durch die Bodenfugen im Vorraum, die wie eine gezeichnete Linie auf die Halle ausgerichtet sind. Die Wirkung der Elemente Boden und Tür sind dabei so enorm, dass der Vorraum im Durchschreiten nicht in seiner tatsächlichen quadratischen Form wahrgenommen wird.

Von der zentral angelegten Halle aus schließen sich die Gesellschaftsräume an. In seiner heutigen Wirkung würde man die Architektur des Raumes als funktionalistisch modern bezeichnen: das Weiß der Wände wirkt konventionell zu dem dunkelgrauen, stumpfen Terrazzo-Boden. Das entspricht allerdings keineswegs der Intention von Wittgenstein, noch seinem ursprünglichen Zustand. Der kritische Zustand des Hauses ist unter anderem das Ergebnis eines Umbaus im Jahre 1976, der durch das bulgarische Institut durchgeführt wurde.

Der hochwertige Terrazzo-Boden wurde vor Ort individuell zugeschnitten, sodass das Fugensystem auf die Räume ausgerichtet werden konnte. Der dunkelgraue Boden war glänzend und reflektierte das Licht, so wie es heute noch an kleinen Stellen der Treppe zu erkennen ist. Die Wände in der Halle hatten einen Außenputz. Der Raum hatte dadurch eine doppelte Wirkung: er ist außen und innen zugleich. Ein statisch ruhender Innenraum, der in seiner zentralen Lage für die umliegenden Räume zu einem Außenraum wird.

Die Türen, die von der Halle in die einzelnen Räume führen, sind nicht identisch. Sie variieren zwischen reinen Metalltüren als geschlossenen Flächen, transluzente Glastüren deuten an und durchsichtige Glastüren ermöglichen eine Raumeinsicht. Die Metallfarbe der Türen ist heute bräunlich-grün, sie war zuvor hellgrau. Von der Halle aus sind alle Türen – bis auf eine – Glastüren. Diese Tür, auf die auch großteils die Bodenfugen ausgerichtet sind, ist eine geschlossene Metalltür, die zum Saal des Hauses führt, in dem die Gäste empfangen wurden. Die Tür ist 10cm niedriger und 5cm breiter als die Übrigen. Es sind feinste Differenzierungen: so wurde die Türklinke etwa 12cm niedriger gesetzt, bei den anderen Türen ist sie auf einer ungewöhnliche Höhe von 154cm. Diese Doppeltür hat die Masse von 150kg pro Seitenflügel – ein Gewicht, dass man in der Bewegung der Tür keinesfalls spürt. Und das, obwohl sie lediglich auf einem Punkt aufliegt.

Das Gewicht wird durch die Mechanik in eine scheinbare Schwerelosigkeit transformiert. Und genau diese Mechanik steht für das „Haus in Bewegung“ so wie Bernhard Leitner es nannte.[1] Leitner meint damit das „Haus im Gebrauch“ – nicht im Sinne von Funktionalität sondern im Umgang mit der Architektur.[2] In der Bewegung wird durch die feine Mechanik das Gewicht negiert, wie sich auch noch an anderen Stellen des Hauses zeigen wird.

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Wie die anderen Räume funktionieren, und welche technischen Finessen Ludwig Wittgenstein dort konzipiert hat, lesen Sie im zweiten Teil.

 

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[1] Bernard Leitner,  Das Wittgenstein-Haus, in: Günter Abel (Hrsg.), Ludwig Wittgenstein. Ingenieur. Philosoph. Künstler, Berlin 2007.

[2] Ebd.