Richard Serra | Der Weg zur frühen Stahlskulptur

Zu der Zeit, als ich in Paris lebte, hatte ich noch keine Skulptur gemacht […]

Der Prozess von der Malerei zur Skulptur im Werk von Serra wurde durch ein einschneidendes Erlebnis vollzogen: die Konfrontation mit den Meninas von Diego Velazquez.

Velazquez was very important. That ended it for me. […]I realized there was a split between the interior illusion of space and the projected space I was standing in, and that I was the subject of the painting and Velazquez was looking at me. That really bothered me – that I was the subject of the painting – because I didn’t think I could make a painting in which the viewer was its subject. I wasn’t interested in mirrors.

Die Faszination Serras, dass der Betrachter zum Subjekt bei den Meninas wird, hat ihn dazu inspiriert diese Integration des Betrachters zu übernehmen; ohne sich dabei mit Spiegeln oder der Malerei zu beschäftigen. Ein Urbild, das eine prägende Funktion für das weitere Schaffen Serras übernimmt. Hin zu den monumentalen Stahlskulpturen, die Erfahrungsräume für den Betrachter eröffnen, bedarf es eines weiteren Erlebnisses.

Für seine Skulpturen verwendete Serra ursprünglich vulkanisierten Gummi, so etwa bei To Lift: Serra legte „eine rechteckige Gummiplatte auf den Boden, ergriff sie in der Mitte einer ihrer Längskanten und zog sie nach oben.“[1] In seiner Arbeit mit Blei im Atelier von Jasper Johns gelang Serra der entscheidende Schritt hin zu seinen heutigen monumentalen Stahlskulpturen. Er platzierte eine kleine Metallplatte, die ihm als eine Art Werkzeug diente, in der Ecke des Raumes um seine Arbeiten aus Blei zu „formen“. Sie war im 45° Winkel zur Wand positioniert und Serra schleuderte flüssiges Blei in diese Ecke hinein. Das Blei erstarrte – der Akt wurde wiederholt, bis die Arbeit Splash Piece: Casting vollendet war.

Ich sag wie die Ecke zum strukturellen Halt wurde. Das führte mich zu einer Gruppe von Werken bei denen ich durch den Einschub von Platten in die Wandecken Räume neu definierte. [2]

Die Dimension der Stahlplatten nahm zu. Der Stahl definierte von nun an nicht nur den Raum, in dem Serras Werke platziert sind, sondern erforderte die peripatetische Wahrnehmung des Betrachters. Angelehnt an Splash Piece: Casting erfolgt 1969-1971 die Arbeit Strike: To Roberto and Rudy. Die Stahlplatte misst die Maße 246,4 x 731,5 x 3,8 cm. Strike wurde direkt in der Ecke platziert, wodurch eine Teilung des Raumes vollzogen werden konnte. Um die Arbeit in ihrer Ganzheit erfassen zu können, muss der Betrachter sie umschreiten. Der sich bewegende Betrachter wird abwechselnd mit Flächen und Linien konfrontiert.[3] Eine Installation aus Stahl erfolgt aber erst wenig später mit der Arbeit Circuit im Jahre 1972. Die Arbeit besteht aus vier Stahlplatten, die jeweils – wie auch bei Strike – in die Ecken des Raumes platziert sind. Alle vier Platten zielen auf einen gemeinsamen Mittelpunkt ab – eine kleine Öffnung bleibt in der Mitte vorhanden, und konfrontiert den Betrachter mit vier gleichen Räumen, Linien und Stahlmassen. [4]

 


[1] „For instance, enacting the verb ‚to lift‘ I took a rectilinear sheet of rubber lying flat on the floor, grabbed it from its edge on one side in the center, and lifted it up.” (Richard Serra, zit. Nach Kynaston McShine, A Conversation about Work with Richard Serra, in: Mc Shine und Lynne Cooke, Richard Serra: Sculpture: Forty Years, Ausst.-Kat. The Museum of Modern Art, New York 2007, S. 19)

[2] Aus einem Interview mit Douglas Crimp im Jahre 1980.

[3] Raphäel Bouvier, Richard Serra: Frühe Stahlinstallationen, in: Oliver Wick (Hrsg.), Constantin Brancusi. Richard Serra. A Handbook of Possibilities, Hatje Cantz 2011.

[4] Raphäel Bouvier, Richard Serra: Frühe Stahlinstallationen, in: Oliver Wick (Hrsg.), Constantin Brancusi. Richard Serra. A Handbook of Possibilities, Hatje Cantz 2011.