«Die Kunstismen» von Hans Arp und Lissitzky ist ein Vorreiter eines Künstlerbuches aus dem Jahre 1925. Es fungiert als eine fiktive internationale Schau, die die Vielfältigkeit damaliger Kunstströmungen zu erfassen versucht. Der international orientierte Anspruch führte dazu, dass das Buch dreisprachig ausgeführt ist.

Das Buch entstand während eines Kuraufenthaltes von Lissitzky in der Schweiz. Das ursprüngliche Konzept war eine »Letzte Truppenschau aller Ismen 1914-24«, die Lissitzky im letzten »Merz-Heft« publizieren wollte. Kurt Schwitters, der Herausgeber, lehnte ab. Stattdessen konnte Lissitzky Hans Arp begeistern. Die Zusammenarbeit ist als problematisch einzustufen. Es gab profunde Meinungsverschiedenheiten, welche durch Briefe zwischen  Sophie Küppers – seiner späteren Frau – und Lissitzky dokumentiert sind. Leider lässt sich nicht mehr sicher rekonstruieren, wie die Aufgabenteilung letztendlich verlief. Fakt ist aber, dass die typographische Gestaltung von Lissitzky stammt. Die formale Anordnung und Organisation des enthaltenden Bildmaterials fiel damit sicherlich in seinen Aufgabenbereich.

Das Ziel dieser Publikation ist keine historische Aufbereitung, sondern eine Schau der Ismen. Formal unterscheidet sich das Werk in einen 12-seitigen Textteil und einen 48-seitigen Bilderteil. Getrennt werden diese Bereiche durch unterschiedliche Zahlensysteme in der Seitennummerierung. Der Textteil ist mit lateinischen Nummern versehen, der Bildteil mit arabischen Ziffern. Im Textteil werden Zitate zu den einzelnen der 16 behandelten Ismen angeführt, größtenteils von Vertretern der jeweiligen Kunstrichtung. Eingeleitet werden diese mit einem Zitat von Malevich:

 

Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind. Zu unserer Demarkationsgrenze haben die Jahrhunderte die Zeichen gebracht, in ihnen werden wir Unvollkommenheiten erkennen, die zur Getrenntheit und Gegensätzlichkeit führten. Vielleicht werden wir davon nur das Gegensätzliche nehmen, um das System der Einheit aufzubauen.

 

Liest man dieses Zitat im Kontext der Kunstismen, erlaubt das System der Ismen gegensätzliche Strömungen als Einheit zusammenzufassen.

Der Abbildungsteil beginnt mit einem einfachen Diagramm: ein vertikaler Balken der oben mit der Jahreszahl 1925 beschriftet ist, unten mit einem Fragezeichen. Man kann das Diagramm auf zweierlei Weisen lesen: was war vor 1925 oder was kommt danach. Der Bildteil selber beginnt zumindest bei 1925 und vollzieht eine Rückbewegung. Beendet wird der Bildteil ebenso mit einem Diagramm: die Jahreszahl 1914 in zentral angeordnet, von der vier Diagonale ausgehen und wieder zwei Lesearten ermöglichen: die Balken gehen von 1914 aus, oder sie münden dort. Die Diagramme rahmen damit den Bildteil und unterstreichen die zeitliche Eingrenzung.

Die typographische Gliederung des Abbildungsteils ist wie folgt: ein bis drei unterschiedlich groß reproduzierte Kunstwerke werden pro Seite scheinbar frei verteilt. Oben auf der Seite sind die Richtungsbegriffe angegeben – als Kopftext über einem randbündigen schwarzen Balken in einer der drei Sprachen (deutsch, englisch, französisch). Unter diesem Begriff können die auf einer Seite vorgestellten Werke subsumiert werden. Notiert sind auch die Nachnamen der Künstler, das Entstehungsjahr des Werkes und eine Abbildungsnummer, die die Verbindung wiederum mit dem Künstlerverzeichnis im Textteil herstellt, wo dann auch die Werktitel vermerkt sind. In einigen Fällen sind fotografische Künstlerporträts beigegeben, die scheinbar einer subjektiven Beurteilung seitens der Autoren entspringen. Lissitzky und Arp sprengen den Bilderteil an keiner Stelle durch Texte auf und beschränken sich auf eine sogenannte „architektonische Gliederung“ mittels der Typographie. Es gleicht einer imaginären Ausstellung, deren Konzeption aber subjektiv aus der Perspektive des Künstlers vollzogen wird.

Das Titelblatt des Buches konfrontiert den Betrachter bereits mit dieser Gleichsetzung der Ismen und demonstriert dies typographisch. Am linken Rand des weiß grundierten Titelbildes positioniert Lissitzky ein großes schwarzes K für die Kunst mit markanten Serifen. An die Serifen des K schließen sich wie ein Rahmen an die Jahreszahlen 1924 und 1914 an, die den inhaltlich behandelten, zeitlichen Rahmen für diese Publikation vorgeben. Dazwischen sind die Wortstämme der behandelten Richtungen angeordnet, und das ISM als gemeinsame Endung. Das K – die Kunst – vereint die Richtungen oder wird durch sie geformt.