dOCUMENTA (13) | Kassel

Zwischen Juni und September pilgerten Massen an Kunsthistorikern, Künstlern und Kunstliebhaber nach Kassel. Der Name der Stadt wurde in dieser Zeit unweigerlich als ein Synonym für die dOCUMENTA (13) verwendet, die als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst fungiert. Mit über 300 Teilnehmern  prasselte eine Masse an Eindrücken auf die Besucher ein. Stefanie Schneider berichtet retrospektiv von ihren ganz persönlichen Impressionen und welche künstlerischen Arbeiten sich bis heute auf besondere Weise in ihrer Erinnerung verfestigt haben.

Blicke ich auf meine Besuche der dOCUMENTA (13) in Kassel zurück und erinnere mich an die Künstler mit ihren jeweiligen Werken, so wird mir bewusst, dass sich zwei Arbeiten tief in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Das erste Werk, welches sich für mich als ein bedeutungsvolles erwies, entdeckte ich bei meinem ersten Besuch. Die in Bombay lebende indische Künstlerin Nalini Malani entwickelte eine multimediale Installation mit dem Titel »In Search of Vanished Blood«, was übersetzt bedeutet: »Auf der Suche nach verschwundenem Blut«. Um zu dem Werk zu gelangen, muss der Besucher durch einen dunklen Mauergang, der mit einer leichten Rechtskurve in einen Raum führt, in dem sich die eigentliche Installation der Künstlerin befindet.

Der Raum ist mit fünf an der Decke hängenden,  rotierenden Zylindern  –  die auf der Rückseite bemalt sind  –  bestückt. Mittels von Scheinwerfer werden die bemalten Zylinder beleuchtet und erzeugen fesselnde Schattenspiele an den Decken und Wänden des Raumes. Akustische Elemente unterstützen die Wirkung der Bilder, welche sich anfänglich als meditativ, still und idyllisch beschreiben lassen. Doch das vermeintlich zauberhafte Schattenspiel entpuppt sich schnell als ‚idyllische Attrappe‘: traurige Gesichter und geballte Fäuste werden plötzlich an die nun schwarzen Wände projiziert. Laute, aggressive Töne und die damit einhergehende Verdunkelung des Raumes lassen die Wirkung des Zaubers verschwinden und das Gefühl von Macht, Gewalt und Traurigkeit lässt sich nicht abhängen. Die Formen fügen sich zu Bildern im Schattenspiel, die eine Geschichte erzählen, als deren Grundlage das Gedicht des pakistanischen Dichters Faiz Ahmed Faiz fungiert. Malanis Werktitel »In Search of Vanished Blood« zitiert dieses Gedicht und weist zugleich auf das Innere der Arbeit hin: es geht um die 1947 stattgefundene Teilung British Indians in Pakistan und Indien, das direkt mit einem Blutvergießen zwischen den Völkern der Hindus und der Muslime verknüpft war. In Pakistan war von da an der Großteil der Bevölkerung Muslime, so dass viele Nicht-Muslime nach Indien übersiedeln wollten. In den Grenzgebieten der Länder kam es dabei zu unglaublicher Gewalt: Menschen starben – ohne jeglichen Grund.

Der dunkle, rohe Mauereingang kann als Einleitung in diese Thematik – als das Innere der Arbeit in doppelter Weise – verstanden werden. Die Künstlerin beschäftigte sich zweieinhalb Jahre ausschließlich mit dieser Arbeit. Im Gespräch mit Philosophen, vor allem weiblichen, erfuhr sie mehr über die rohe Gewalt, die den Frauen widerfahren ist; und ergänzte durch ausführliche Lektüren ihre Kenntnisse zur dieser Thematik.

Ich erinnere mich noch an einen Ton, an ein Geräusch, das sich so anhörte, als ob eine Frau vergewaltigt wird. Ihre Stimme, ihr Flehen, ihre Schreie, welche sich zu einem zerschmetternden Geräusch potenzierten. Diese Erinnerung blieb. Warum? Weil ich berührt wurde. Weil ich, zwischen all den Formen, die zu Bildern werdend von wahren Schicksalen erzählen, und zwischen all den Tönen –  den leisen und lauten –  in den beabsichtigten Emotionen gefangen war und mich trotz dessen niemals unwohl fühlte. Die Künstlerin verstand es, Poesie und Kritik auf eindrucksvollste Weise zu kombinieren, sodass niemals der Eindruck von Aufdringlichkeit und Plakativität auftrat. Subtil und poetisch, aber auch klar und politisch – so würde ich diese Arbeit von Nalini Malani beschreiben.

Die zweite Arbeit, die mir während meines zweiten Besuches im Gedächtnis blieb, trägt den Titel »For a Thousand Years«. Das kanadische Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller entwickelte ein Kunstprojekt, das durch sehr zarte und dennoch äußerst laute Töne eine unglaubliche Intensität aufbaut und für den Besucher erfahrbar macht. Die Klanginstallation war auf der Karlswiese mitten im Wald zwischen Bäumen verortet; der Besucher wurde jedoch fast automatisch hingeführt, denn die intensiven Geräusche machen hellhörig. Flüsternde Stimmen, schweres Keuchen, zarte Gesänge führen zu dem Brausen von Wind und Sturm, Hufgetrappel von Reitern, klirrenden Schwertern und, völlig unvermittelt, zu bedrohlichen Kriegsgeräuschen in Form von feuerndem Maschinengewehr und detonierenden Bomben. Die Ohren sind konstant gespitzt, ‚die Aufmerksamkeit auf Maximum‘, die Wahrnehmung umso feiner. Die Geräusche scheinen von überallher und von nirgendwo zu kommen und fällt die erste Bombe, ziehen alle instinktiv ihre Köpfe ein.

45 Minuten lauschte ich mit höchster Konzentration und feinster Wahrnehmung. Dabei verrann die Zeit, und ich konnte mich kaum motivieren zu gehen, obwohl die Klangelemente sich nach 25 Minuten wiederholten und der Überraschungseffekt ‚insofern‘ nicht mehr funktionierte. Dennoch war ich bei jedem, zwar schon einmal gehörten Geräusch, betroffen und in gewisser Weise ‚gefangen‘. Jede nicht erwartete Wendung im Klangkonstrukt berührte, der Hörsinn wurde dadurch auf einzigartige Weise angesprochen. Die Lokalisierung des Kunstprojektes in den Wald und die funktionale Umwertung von Baumstämmen zu Hockern waren meiner Meinung nach wesentliche Faktoren, die diese Arbeit als eine herausragende gestalteten.