Pornografie und Kunst als Vereinigungssymbole

Auch der Satz ist wie ein Körper, der uns einzuladen scheint ihn zu zergliedern, damit sich in einer endlosen Reihe von Anagrammen aufs Neue fügt, was er in Wahrheit enthält.                                                                                                                                       Hans Bellmer

Das Thema der Pornografie nimmt in der modernen sowie zeitgenössischen Kunst eine fundamentale Rolle ein. Diese bezieht sich unter anderem auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Materie des Fetischismus, der Funktion eines ambivalenten Körperbegriffs sowie der Konfrontation mit einer weiterentwickelten gesellschaftlichen Doktrin, welche zur Beständigkeit eines kanonisierten Empfindens einer neuen exhibitionierten Nacktheit unserer Zeit führte. Es ist jedoch notwendig eine klare Abgrenzung des verwendeten Begriffs der Pornografie zu ziehen, da die Thematik in verschiedensten theoretischen Rahmen bearbeitet wird.[1] Es soll keine Spezifizierung der hier besprochenen Werke vorgenommen werden, die sie als pornografisch oder nicht-pornografisch klassifizieren würde, sondern nur Modelle zur Betrachtung des Inhalts dargeboten werden.[2] Im Zentrum der Ausführung steht also die Behauptung, dass sich das Verhältnis von Pornografie zu einem selektiv geprägten Verständnis von Nacktheit, anhand von zeitgenössischen Darstellungen, beziehungsweise Präsentationsformen, in ein gesondertes Feld einordnen lässt.

Der Begriff der Pornografie beinhaltet diverse Komponenten um seinen Geltungsanspruch erheben zu können. Im klassischen Gebrauch verlangt er laut Schroeder eine „Stimulierungstendenz und Anstandsverletzung“[3], welche sich durch eine unrealistische, verzerrte Darstellung und einer Isolierung von Sexualität kennzeichnet. Die Sexualität wird daher auf sich selbst reduziert und der Mensch beziehungsweise der Betrachter durch seinen animalischen, vom Reiz-Reaktions-Modell geprägten, Handlungsspielraum definiert.[4][5] Man kann daher in der praktischen Pornografie – aufgrund der Herabsetzung des Humanwesens auf seine reine geschlechtliche Begierde – von keiner reflektierten Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein des menschlichen Geistes sowie dessen Körper sprechen. Die Pornografie imaginiert eine virtuelle, teilweise obszöne, durch vorherrschenden Exhibitionismus, Voyeurismus sowie Fetischismus regierte artifizielle Welt, die rein auf den Geschlechtsverkehr reduziert wird und daher keinen Wert auf eine erweiternde Beschreibung legt. Diese Prämissen zum Verständnis der pornografischen Rahmenbedingungen allein erlauben keinen klaren Zugang zum Begriff des Nackten laut Jullien[6], da die Ästhetisierung des Körpers auf einer rein stimulierenden Ebene verdeutlicht wird und folglich den ästhetischen Qualitäten des Körpers eine besondere Rolle einräumt. Um ein bedeutendes Beispiel der Moderne anzuführen, welches immer im gleichen Atemzug zur Darstellung nackter Körper genannt werden muss, soll Gustav Courbets Der Ursprung der Welt von 1866 eine exemplarische Stellung markieren. Courbets Gemälde zeigt auf kleinem Format einen unverstellten visuellen Zugang zur Vagina eines liegenden Aktes mit halbbedecktem Oberkörper. Obwohl die erwähnten Bedingungen zur Pornografie hier nicht unmittelbar zutreffen betont Hentschel in ihrem Aufsatz Das pornotopische Begehren der Kunst einen markanten Aspekt im Umgang mit diesem Gemälde: nämlich die Erziehung des Betrachters zum Voyeur. Durch den voyeuristischen Umgang mit dem Gemälde markiert der Betrachter ein notwendiges Entwicklungsstadium zur Etablierung von pornografischen Inhalten in der Kunst. Hierbei wird von einer besonderen Phase des 18. Jahrhunderts gesprochen, als durch einen zunehmenden Überwachungsapparat Pornografie überhaupt erst großflächig entstehen konnte und sie folglich kein Opfer ihrer selbst sondern Teil einer offiziellen, öffentlichen Darstellungskultur wurde.[7] Daher ist die bereits erwähnte Kritik an der pornografischen Darstellung unserer Zeit ein kulturästhetisch archiviertes Procedere, welches die Bedeutsamkeit der gegenseitigen Befruchtung und Entwicklungsgeschichte von Pornografie und Kunst – als Vereinigungssymbole zur Herausbildung einer Kommunikation zwischen Körper und Raum – sowie Betrachter und Objekt allzu gern vernachlässigt.

Wenn man sich mit diesen Überlegungen der Beziehung von Pornografie zur darstellender Kunst als Vereinigungssymbole einem zeitgenössischen Künstler wie Jeff Koons und seiner 1990 entstanden Serie Made in Heaven nähert, werden diese Parallelen durch das Herausarbeiten signifikanter Merkmale ihres kunsttheoretischen Kontextes besser verständlich. Koons bearbeitete in seiner Serie anhand von Fotografien und Skulpturen ein auffällig pornografisches Thema, welches ihn unter anderem beim Sex mit seiner damaligen Verlobten Ilona Staller zeigte. Die Serie Red Butt ist in zwei Bereiche unterteilt: Distance und Close Up. Das Beispiel Red Butt Distance stellt die beiden beim Analverkehr in überstilisierter Verkleidung dar. Bedeutender für diese Diskussion ist jedoch die Ausführung Red Butt Close Up, welche sich nur noch auf den Genitalbereich des Bildes bezieht. Durch das Close Up verschwinden die Gesichter und Körper der Personen. Der Fokus wird einzig und allein auf den Geschlechtsakt gelegt. Im Gegensatz zu Courbets Ursprung der Welt, das ebenfalls einen entindividualisierten weiblichen Torso zeigt, wird bei Koons kein Wert auf eine ästhetische Konzeption im engeren Sinn gelegt. Bei Courbet wird der zentrale Aspekt seines Körpers als ein Mysterium rund um das Geschlecht begriffen und ohne jegliche Art einer körperlichen Stimulation dargestellt. Koons hingegen provoziert durch die ausschnitthafte Darstellung des Analverkehrs eine Verstärkung der sexuellen Konnotation und überführt sie in eine rein objektive Wirkungsebene, welche durch den expliziten Bezug zum Titel Red Butt erneut auf das besagte menschliche Körperteil verweist – und mittels der Farbe der Kleidung noch weiter intensiviert wird. In Bezug auf die Notwendigkeit des Mysteriums der Lust, welches bei Courbet verschleiert und bei Koons propagiert wird, formulierte Michel Foucault die These, dass „zur Lust – in welcher Form auch immer – das Geheimnis, das Unerklärliche, die Fantasie gehört.“[8] Dadurch könnte man sich fragen ob Pornografie überhaupt noch Pornografie ist, wenn sie öffentlich im Museum gezeigt wird und ihre letzte mysteriöse und anrüchige Komponente – ihre Heimlichkeit – verliert. Übertragen auf das Werk bedeutet dies, dass insbesondere durch die eklatante Darstellung des Geschlechtsverkehrs keine Mystik um den Sex möglich ist – anders als bei Courbet, bei dem eine gewisse Spekulation nötig ist, um das Bild zu dechiffrieren und einen stimulierenden Effekt erzwingen zu können. Ein Werk mit einem derart expliziten pornografischen Anspruch verleugnet systematisch seine offenkundigste Inszenierung und versucht sich stattdessen an der benjaminschen Spur, jenem medientechnischen Gegenbegriff zur Aura eines Kunstwerks, das Nähe von etwas verspricht, was im Bild längst verloren scheint, zu orientieren. Weiter gedacht könnte man daher fragen ob sich durch die Dokumentation der Penetration, der Wille zum Wissen um die Sexualität wie sie Foucault bezeichnete, relativiert hat.

Die nackten Körper sollen sich in der Fotografie ausdrücken, zu ihrer Wahrheit finden, die sich als Bestimmung oder gar Verdammung zur Lust definiert. Denn die Lust ist das einzige Moment von Selbstentäußerung und Selbsterfahrung, dass einem radikal aufgeklärten und von jeder metaphysischen Sicherheit verlassenen Subjekt nach de Sade noch bleibt.

Dabei hilft eine visuelle pornografische Praxis, die unverstellt zu dem „Einen ohne Phantasie“[10] und dem Mysterium lockt. Diese Ausführung zu Koons Serie sollte auf einer erweiterten Ebene das Thema der Vereinigungssymbolik von Pornografie und Kunst beleuchten. Es zeigt sich, dass im Rahmen der gängigen Theorie diese Verbindung von offensichtlich distinkten Kategorien eine innerliche Konstante in ihrer Darstellung aufzeigt, welche durch die Eliminierung des foucaultschen Mysteriums – beziehungsweise einer Steigerung der affektiven nackten Körperlichkeit – erzeugt wird. Der Zugang zur Pornografie kann kein singulärer Prozess über artifizielle, etymologisch bedingte Felder sein, denn die Abgrenzung zur Kunst dadurch in einem Rahmen gefasst werden würde, welcher keine Freiheiten des Ausdrucks mehr zulassen könnte und Porno einfach Porno als Porno weiter bestehen würde.

 

 


[1] Anm.: Pornografie: (porne=Dirne / graphein=schreiben) „Einseitig das sexuelle darstellend“. Siehe: Duden-die deutsche Rechtschreibung, Mannheim 2004, S. 759.

[2] Anm.: Es wird daher weder im Interesse dieser Abgrenzung sein, Pornografie anhand seiner filmischen oder gesellschaftlichen Relevanz zu erörtern, noch sie im Kontext einer feministischen oder kulturpolitischen Diskussion zu beleuchten. Daher kann man nur als Anmerkung auf die umstrittenen Theorien einer geschlechterzentrierten Wechselbeziehung der Opfer / Täter Rollen im Rahmen des pornografischen Films verweisen, da sie für die folgende Bearbeitung keine stichhaltige Relevanz aufweisen. Siehe: Eleanor Hartney; Pornography, in: Art Journal, Winter 1991, S. 16-19.

[3] Schröder (1992), S. 17.

[4] Vgl. Schröder (1992), S. 18-19.

[5] Anm.: Für eine Vertiefung in die Kategorisierung von Pornografie, siehe: Lothar Streblow; Erotik, Sex, Pornographie, München 1968.

[6] Vgl. Jullien (2003), S. 11-27.

[7] Vgl. Hentschel (2009), S. 70-72.

[8] Focault (1983), S. 142.

[9] Vgl. Edlinger (2009)j, S. 48.

[10]Flaßpöhler (2007), S. 251.