Chelsea Fringe | Londoner Randzonen in Wien

Noch bis 12. Juni findet ein Ableger der Chelsea Fringe, ein alternatives Festival an der Schnittstelle zwischen Garten und Kunst, in Wien statt. Der Botanische Garten der Universität Wien, einer der Schauplätze des Satellitenprogramms, beheimatet schon länger künstlerische Interventionen.

 

In ihrer jetzigen Form findet die „Chelsea Flower Show“ seit 1913 in London statt. Die britische Royal Horticultural Society fördert mit der Großveranstaltung die klassische Gartenkunst. Tim Richardson, einer der bekanntesten Garten- und Landschaftskritiker, öffnet die Show 2012 freien Konzepten. Als Gegenpol zum etablierten Gartenfestival gründet er die „Chelsea Fringe“. Im gleichnamigen Stadtteil entstehen unter dem Motto „Fringe“- Randzone – künstlerische Installationen, Gemeinschaftsgärten, Happenings, Guerilla Gardenings oder organisierte Spaziergänge durch die Nachbarschaft. Richardson schafft einen Raum für grüne Stadtkonzepte und zeitgenössische Perspektiven auf Landschaft. Die Verbindung von Natur, Mensch und Stadt wird durch unterschiedliche Ausdrucksmittel neu gedacht. Der institutionelle Rahmen wird durchbrochen. Dieses Jahr finden Ableger des jungen Alternativevents in Brighton, Bristol und Wien statt.

(landscape) with flowers: Zwei Ausstellungen am Schnittpunkt von Kunst und Pflanzenzucht

Im Rahmen des Satellitenprogramms der Chelsea Fringe beheimatet Wien, noch bis zum 12. Juni, zwei Ausstellungen in der IG Bildende Kunst in der Gumpendorfer Straße und im Kalthaus des Botanischen Gartens der Universität Wien. Unter dem Titel „(landscape) with flowers“ stehen dabei Verbindungen von Pflanzenzucht und künstlerischen Ansätzen im Vordergrund. So wird die Beziehung von Natürlichkeit und Künstlichkeit, sowie jene zwischen Mensch und Natur thematisiert. In der Zusammenführung von Kunst, Wissenschaft und Botanik werden historische Positionen zeitgenössischen Entwicklungen gegenüber gestellt. Dieses interdisziplinäre Konzept ist interessierten BesucherInnen an zwei Orten zugänglich. Einerseits zeigt die IG Bildende Kunst aktuelle Skurrilitäten wie Eduardo Kacs Projekt „Edunia“. Der Künstler hat eine gentechnisch Kreuzung von sich und einer Petunie hergestellt. Als BetrachterIn stellt sich die Frage nach der sichtbaren Veränderung, die dabei entsteht. Entgegen hohen Erwartungen, besitzt Kacs Kreuzung von sich selbst und einer Blume keine menschlichen Merkmale. Keine Augenbrauen sind zu erkennen, keine Milchzähne, und auch keine anderen Vermenschlichungen. Damit verbleibt das Projekt in der Phantasie der BesucherInnen.

Eröffnung im Kalthaus des Botanischen Gartens der Universität Wien

Bei der Eröffnung der Ausstellung im Kalthaus am 5. Juni gab der Direktor des Botanischen Gartens, Prof. Michael Kiehn, Einblick in seine Sicht über Verbindungen von Botanik und Kunst. Über die Ausstellungsfläche im Kalthaus hinaus finden sich im gesamten Botanischen Garten Kunstinstallationen. Diese beruhen auf einer Kooperation mit der Klasse für Landschaftsdesign der Universität für Angewandte Kunst, die der leitende Professor Mario Terzic 2000 gegründet hat. Kiehn schätzt, wie er es ausdrückt, die „Verstörungen“, die BesucherInnen durch Interventionen der Studierenden erfahren. In subjektiver Auswahl entscheiden er und sein Team über die Projekte, welche ihre BesucherInnen zur Reflexion anregen sollen.

So finden sich im Botanischen Garten temporäre Installationen von Studierenden der Klasse für Landschaftsdesign, als auch permanente künstlerische Eingriffe. Noch bis 12. Juni können im Rahmen der Chelsea Fringe und einem universitären Projekt künstlerische Reflexionen über das Verhältnis von Natur und Kunst bzw. menschliches Eingreifen allgemein betrachtet werden. Ursula Gaisbauer beschäftigt sich unter dem Titel „Regenerative Landschaft“ mit der sich selbst wieder erneuernden und zerstörenden Natur. Eine Plastikkuppel erfüllt zwei Funktionen, die von dem jeweiligen Untergrund abhängen. Einerseits kann auf Baugrund Wachstum gefördert werden, andererseits entzieht sie Grünfläche Leben. Ästhetisch entstehen so grüne bzw. gelbe Kreise, die in der Abgrenzung zum restlichen Untergrund auf dessen wesentliche Merkmale verweisen. Das verblasste Ornament macht das ureigene Wesen von Wiese spürbar. Die Kuppel verweist dabei auf eine Kontingenz, die jeder Natur und Nicht-Natur innewohnt. Sie veranschaulicht die Brüchigkeit zwischen den beiden Kategorien Natur und Nicht-Natur, indem sie diese einem Wechselprozess unterzieht.

In Alice von Altens Projekt „Straining Fields“ sind zwei rote Spanngurte in 10 bzw. 15 Meter Höhe an zwei sich in leichter Schräglage befindlichen Bäumen befestigt. Die Gurte sind am Boden verankert und zitieren den natürlichen Wuchs des Baumes. Die Studentin setzt sich mit der Frage nach der Beherrschung anderer Lebensformen auseinander. Der außernatürliche Eingriff steht im Vordergrund. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen der Autonomie von Natur und der menschlichen Zivilisation. Gleichzeitig zeigt sich ein zerbrechlicher Stolz der beiden jahrzehntelang gewachsenen Bäume. Die Spanngurte repräsentieren zwar die andauernden und unbeschränkten Machtbestrebungen des Homo sapiens, verdeutlichen aber zugleich die natürliche Würde der Unterworfenen.

Temporäre Verstörung

Eine weniger konzeptionelle, sondern emotionalere Vorgehensweise findet sich bei Nora Gutwenger. Das Projekt „15.623“ bezeichnet die Anzahl verzinkter Nägel, die in einem 2012 abgestorbenem Baum stecken. Die Studierende betont in der Beschreibung ihres Projekts, die große Anzahl an negativen Resonanzen, die ihr im Schaffensprozess von PassantInnen entgegengebracht worden sind. Personen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft drückten ihr Unbehagen und ihre Empörung über das Nageln am toten, aber in seiner Form noch erhaltenen, Baum sowohl bei der Studentin als auch der Leitung des Botanischen Gartens aus. Mit Zunahme der benagelten Fläche änderte sich jedoch das Verhältnis zwischen KritikerInnen und BefürworterInnen. Die schiere Masse an Nägeln gibt dem Baum eine neue Oberfläche. Der Kontext hat sich vom aggressiven Angriff zum eigenständigen Objekt gewandelt. Vor allem im Spiel mit dem Licht und mit etwas räumlicher Distanz erscheint die Installation organisch.

Für den Direktor des Botanischen Gartens zeigt sich in den ambivalenten Reaktionen der BesucherInnen eine Chance für seine Institution. Er sieht es zur öffentlichen Aufgabe eines Universitätsgartens dazugehörend, auf eine Art versteckten „Nutzen“ hinzuweisen. Für ihn bildet die Durchbrechung des Gewohnten im Kunstobjekt die Versinnbildlichung dessen, was äußerlich nicht sofort ersichtlich ist. Im gleichen Sinne sieht sich der Botaniker mit Beschwerden von BesucherInnen konfrontiert, die auf Grund der Nicht-Ästhetik eines abgestorbenen Baumes das Fällen dessen fordern. Das Kunstprojekt des benagelten Baumes hilft Kiehn, die ökologische Funktion eines toten Baumes als beispielsweise Nistplatz für Insekten zu erklären. Als ZuhörerIn Kiehns kann man dem nachspüren, was der Umkehrschluss seiner Ausführungen bedeuten würde. Versteckte ökologische Prozesse würden dabei als Sinnbild für den „Nutzen“ von Kunst dienen.

Permanente Kunstinstallationen im Botanischen Garten

Neben diesen temporären Projekten unterstützt der Botanische Garten einige permanente künstlerische Eingriffe. Die Installation „Bambushain“ führt mit Hilfe eines Stegs in das Innere eines dichten Bambuswaldstücks. „Hosta Superstar“ ist in enger Anlehnung an den Konzeptkünstler und Landschaftsarchitekten Tony Heywood konzipiert. Heywood lässt unter Bezeichnungen wie „Glamourlands“ und „Jewelled Sculptures“ große organisch anmutende Figuren entstehen. Sie sind mit einer  funkelnden, oft bunten, kristallinen Schicht überzogen. Das erinnert an Kitsch. Und übt gleichzeitig eine faszinierende Anziehungskraft aus, die in der außerweltlichen Entrücktheit der Figuren liegt. Unter anderem wurde im Rahmen der Kalthauseröffnung auch der Jacquin Hain der Absolventin Sarah Glaser eröffnet. Voraussetzungen für die Umsetzung waren äußerst unfruchtbarer Boden, zwei zu inkludierende Grabsteine und die Wiederbelebung eines Brunnens. Auf der gestalterischen Basis runder Formen findet sich nun ein Ruhepol im Botanischen Garten.

Ausklang der Chelsea Fringe in Wien

Die Chelsea Fringe Wien wird von einer Vortragsreihe begleitet, die in der Universität für angewandte Kunst stattfindet. Am 12. Juni spricht Sarah Cook in diesem Zusammenhang über „Cedric Morris – Artist and Plantbreeder“. Ein anderer Vortrag von Tim Richardson und Tony Heywood über den Stellenwert künstlerischer Zugänge in der Gestaltung und Wahrnehmung von Landschaft hat bereits stattgefunden. Die beiden Landschaftsexperten werden ab Herbst 2013, gemeinsam mit der renommierten Landschaftsarchitektin Martha Schwarz, die Klasse für Landschaftsdesign unter dem Namen „Landschaftskunst“ weiterführen.

Dabei bleibt abzuwarten, inwiefern es den Koryphäen auf ihrem Gebiet gelingen wird, die Zusammenführung von Kunst und Landschaft einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Öffentliche Parks und Plätze bieten Potential Bevölkerungsteile, die sich nicht gezielt mit künstlerischen Interventionen und deren kritischen Potential auseinandersetzen, zur Reflexion anzuregen, zu „verstören“.

 

Weitere Informationen unter http://www.chelseafringe.com/ und http://www.landscapewithflowers.net/