Interview mit Filius de Lacroix | Papier im Schatten nackter Körper

Pornografie und Papier | Erzogen von „Porno-Hippie-Katholiken“ sind die pornografischen Szenerien in den Arbeiten von Filius de Lacroix zu seinem Markenzeichen geworden. Seine Werkzeuge reduzierte er dabei auf ein Stanley-Messer und das Skalpell. Das Material Papier fungiert zeitgleich als singuläres Medium seiner pornografischen Motive. Das flache Papier wird mit dem Messer durch de Lacroix so bearbeitet, dass mit dem Spiel von Licht und Schatten Körper sichtbar werden: nackt, unszensiert und dennoch höchst ästhetisch. Unser Redakteur Daniel Lippitsch sprach mit Filius de Lacroix über seine Werke und fragte ganz genau nach … 

 

Daniel Lippitsch | Um ein Werk entsprechend verstehen zu können finde ich es immer ratsam über den ersten inhaltlichen Zugang zu sprechen. Wie würdest du diesen Zugang zur Pornografie in deiner aktuellen Serie herleiten?

Filius de Lacroix | Ich war durch meine Eltern bereits von klein auf mit dem Thema der Freizügigkeit konfrontiert. Meine Eltern könnte ich irgendwie als „Porno-Hippie-Katholiken“ definieren. Sie propagierten diesen modernen Gedanken der höher gebildeten Hippieschichten und ich bin dadurch immer offen mit Pornoheften wie Hustler, Playboy, Louie konfrontiert worden. Wir besuchten FKK Strände und es war Gang und Gebe, dass meine Eltern nackt im Garten rumliefen. Mein Vater fotografierte seit seinem 24. Lebensjahr. Sie machten Fotosessions im Keller  und betrieben einen sehr freien Umgang mit Nacktheit und Pornografie. Dieser freie Umgang zwang mich dann logischerweise in meiner Jugend zu einer totalen Verweigerung dieser Lebenseinstellung. Dieses Aufgreifen des Pornothemas in der Serie sehe ich dadurch zwangsweise als eine gewisse Aufarbeitung meiner Vorgeschichte, welche jedoch von mir in einem neuen, ästhetischen Kontext begriffen wird.

Daniel Lippitsch | Sind daher die Motive generell eher alltäglich gewählt und nicht explizit an einem Fetisch orientiert, ein Trend der in der Kunstproduktion der letzten Jahre immer populärer wurde?

Filius de Lacroix | Ich arbeite bewusst nicht mit einem speziellen Fetisch in meinen Bildern, sondern nur mit Dingen die im klassischen Porno ebenfalls vorkommen. Es sind alltägliche Situationen, die von jedem betrieben werden und das auch zeigen, nur eben in einer überspitzten Form.
In der Serie herrscht diesbezüglich ein starker Pluralismus. Es gibt relativ alltägliche Situationen in welchen die Figuren sich eher sittlich geben und mit einer gewissen Verspieltheit umgehen. Andere wiederum zergehen in der Zurschaustellung ihrer Körper. Ich würde dabei aber nicht von einem logischerweise implizierten Fetisch sprechen, sondern von Elementen des klassischen Pornofilms. Es sind daher definitiv Alltagssituationen, die nur leider oft hinter verschlossenen Türen stattfinden…

Daniel Lippitsch | Deine aktuelle Serie begibt sich also in die Dunkelzonen des Alltags und überführt diesen Aspekt in eine angepasste Bildsprache. In deinem gerade in Entwicklung befindlichen Projekt spielen jedoch Faktoren des emotionalen Ausdrucks eine bedeutende Rolle, wie verhalten sich diese zu ihrem Sujet?

Filius de Lacroix | Hier geht es mir darum, nicht mehr nur noch das zu zeigen was faktisch körperlich passiert, sondern um die reine Emotion von Menschen in extrem Phasen wie Trauer, Tod, Freude, Schmerz, Orgasmus etc. Ich versuche auch hier möglichst nach dem menschlichen Modell zu arbeiten. Wenn man die Gesichter in diesen Situationen auf ihre Grundmimik zurücksetzt, erkennt man zwischen den Ausdrücken keinen Unterschied mehr und die Emotionen relativieren sich zu einer Form.

Daniel Lippitsch | Die Suche nach einer archetypischen Darstellungsform für Emotionen?

Filius de Lacroix | Wenn die Emotion ehrlich gereift und unverstellt ist und bildnerisch konkret minimalisiert wurde, findet man vielleicht einen Archetypus.

Daniel Lippitsch | Diese Bearbeitung von Emotionen und Körpern zeigt sich bei deinen Arbeiten in Form einer relativ archivierten Arbeitsweise: dem Scherenschnitt. Warum ausgerechnet diese Methode und wie gehst du mit den formellen Beschränkungen dieser Technik um?

Filius de Lacroix | Die Technik erlaubt eine gewisse Distanziertheit zum Objekt. Der Scherenschnitt ist bestimmt eine in Vergessenheit geratene Technik, speziell in Bezug auf die Anwendung bei klassischem Papier, da sich die Prägung von Papier viel unkomplizierter und einfacher handhaben lässt als das Papier zu schneiden. Die Konzeption und die Umsetzung eines Motivs ist daher immer ein langwieriger Prozess, da ich den Schnitt immer spiegelverkehrt von der Rückseite des Blattes ansetzen muss. Wichtig ist für mich das Öffnen des Bildes durch die Zerstörung des Materials weil es ja komplett zerschnitten wird und daher irreparabel ist.
Die Verwendung von Papier faszinierte mich außerdem schon immer, da es ein unglaublich vergängliches Medium ist welches mit der Zeit wächst und sich dadurch entwickelt. Ich betone auch immer das meine Bilder nicht unter Verschluss gehalten werden sollen, sie sollen vergilben, sie sollen Spuren der Zeit aufnehmen und sich in ihr Umfeld integrieren-ähnlich wie ein Buch.

Daniel Lippitsch | Genau genommen handelt es sich daher um eine umgekehrte Variante des Scherenschnitts indem du die Bildfläche von der Rückseite, spiegelverkehrt schneidest und damit deine Grundfläche im eigentlichen Sinn zerstörst und von der Zwei- in die Dreidimensionalität hebst.

Filius de Lacroix | Die Technik des spiegelverkehrten Schneidens stellt für mich immer eine Auseinandersetzung mit der Fleischlichkeit des Materials dar. Wichtig ist für mich außerdem das Öffnen des Bildes durch die Zerstörung. Die Inspiration gründet in einem Zitat eines Kunstkritikers über Lucio Fontanas Entwürfe des unendlichen Raumes seiner geschlitzten oder durchlöcherten Leinwände der 1950/60er, welcher meinte, dass Fontana durch die Schnittwerke das Dahinter des Bildes öffnet.-Mein philosophischer Zugang zu der Auseinandersetzung mit dem Material und der Technik basiert auf drei Ebenen: Betrachter Standpunkt, Öffnung des Bildes durch den Schnitt und das Dahinter des Bildes.

Daniel Lippitsch | Einen Punkt wollte ich noch ansprechen: Indem du deine Bilder komplett monochrom hältst und durch die bloße Verwendung von Weiß und Schatten eine Ästhetisierung des obszönen Inhalts schaffst, kann man dabei überhaupt noch von einem pornografischen Inhalt sprechen, wenn wir zum Beispiel an die Kategorien von Kreplow denken, oder eher vielleicht von einer erotischen, glatten Körperlichkeit des Dargestellten?

Filius de Lacroix | Ich würde nicht von einer klaren erotischen Darstellung sprechen, sondern eher von einem abstrakten Begriff von Nacktheit. Meine Bilder sollen durch eine klare Distanzierung zu Farben oder zweidimensionalen Konstruktionen ihre Bildsprache entwickeln. Ich muss dabei immer auf die Funktion eines binären Systems denken. Da es zum Einen keine direkte Verwendung von Farbe gibt, und nur durch Schatten eine Dramatisierung erzeugt wird, und es sichzum Anderen um eine Brechung des Materials durch die Zerstörung der Bildfläche handelt. Die Spannung bewegt sich daher immer zwischen den Polen von 0 und 1.

Daniel Lippitsch | Da nun aber  eine inhaltlich stark emotionaisierte beziehungsweise für einen gewissen Zweck aufgeladenen Darstellung immer Echoräume von Bedeutungszuweisungen erzeugen, kann man nicht von einer klaren Unterteilung der Begriffe Erotik und Pornografie sprechen.

Filius de Lacroix | Genau, da sich die Bilder immer im binären Spannungsverhältnis denken lassen, steht es nur dem Betrachter und der subjektiven Einschätzung zur Verfügung ob es eine erotische oder pornografische Darstellung sein soll. Es ist definitiv kein bewegtes Bild, daher kein Porno, aber inhaltlich an Klassikern wie Deep Throat, welche in ihrem Zynismus zu dem Thema glänzen, orientiert.

Daniel Lippitsch | Warum dann die Entscheidung zu Gunsten der monochromen Darstellung im Kontrast zu den emotionalen Bildinhalten?

Filius de Lacroix | Für mich war es immer klar, dass keine Farben verwendet werden, da jegliche Farben immer ein Gefühl implizieren. Durch die Verwendung von Weiß als Grundfarbe und dem Einsatz von Schatten, welche durch die Umgebung definiert sind, werden jegliche emotionalen Konnotationen eliminiert und der Inhalt, beziehungsweise die Form der Bilder, kann klar in ihre Dreischichtigkeit unterteilt werden und das ohne jegliche Barrieren.

Daniel Lippitsch | Vielen Dank für deine Zeit!

Filius de Lacroix

Filius de Lacroix arbeitet und lebt in Wien. Er unterrichtet Design an der New Design University St. Pölten.