Albert Oehlen | Malerei

Es ist ein Moment der Erleichterung, ein fast schon spürbares Aufatmen: der Tod der Malerei? Schwachsinn! Die Ausstellung von Albert Oehlen im mumok beweist das Gegenteil und negiert dennoch keineswegs eine Krise der Malerei. Doch statt diese Krise als eine Tendenz für ihr Aussterben zu lesen, nimmt Oehlen die scheinbaren Feinde der Malerei in seine Bilder auf und macht die Leinwand zu dem Feld, auf dem der Diskurs ausgetragen wird. Das dadurch erweiterte Medium der Malerei wird so zeitgleich zu einem Gegenentwurf zur dominanten Malerei, die das reale Leben ausschließt und rein kontemplative Momente produzieren will.

Riesige Formate, eine schier endlose Farbpalette, Schmierereien, Kleckse, Fingermalereien, Spiegelungen und jede Menge Klischees. Es ist das sogenannte „Überdosis-Prinzip“, wie Ralf Beil es treffend formulierte, dass das Auge des Betrachters in der Konfrontation mit dem Oeuvre von Oehlen in eine ständige, scheinbar orientierungslose Bewegung versetzt.[1] Seine grauen Werke versteht Oehlen dabei als eine Therapie, um seine „Gier nach Farbe“ ständig aufrechtzuerhalten und neu anzutreiben.[2] Sowieso verwendet Oehlen eine breite Palette: es gibt also nicht nur grau oder bunt. Dreckige, schlammige Farbtöne werden mit Klischees kombiniert: Mauerformationen und aufgeklebte Spiegel, die einen Ausweg in den Betrachterraum bieten oder den Betrachter in diese muffigen Räume integrieren. Zeitgleich verweist er damit auf das Klischee der Perspektive oder die integrierten Spiegelmotive in der Malerei. In diese Kategorie, die man auch als die „Gier nach Klischees“ betiteln könnte, fällt auch der Hirsch, der für den Kuratoren Achim Hochdörfer zum Symbol der 80er Jahre Malerei erhoben wird. Ein röhrender Hirsch mit gestutztem Geweih im Frack. Eine Referenz auf die deutsche Spießbürgerlichkeit? Oder doch einfach nur ein Gegenprogramm zur gleichzeitigen aktionistischen Malerei, die in seiner neuesten Serie mittels von Fingermalereien integriert wird?

Ein solches Klischee ist auch das Selbstporträt. In der einzigen Installation der Ausstellung wird das Selbstporträt in seinem ehemaligen Jugendzimmer im Bett platziert. Eine Hand ragt unter der Bettdecke hervor und suggeriert den Akt des Selbstporträtierens. An der gelb gestreiften Tapete der Wand hängt neben anderen Bildern auch ein älteres Plakat von Oehlens Ausstellung in der Secession. Bei diesem Fakt kann man sich kaum ein kurzes Schmunzeln verkneifen: ein Secessionsplakat im mumok. Das Porträt von Oehlen übrigens, das uns auf den Plakaten und dem Künstlerbuch präsentiert wird, ist  kein Selbstporträt: sein Sohn Ernsti hat ihn porträtiert.

Banalitäten versus Hochkunst. Fast schon plakativ wird man mit dem Spiel von Gegensätzen konfrontiert, wenn man plötzlich einem Plakat mit überdimensionalen, schlafenden Teletubbies gegenübersteht. Und diese rundlichen Stofftierchen mit ihren kleinen Antennen auf dem Kopf sind sicherlich nicht gemeint, wenn man behauptet, dass Oehlen die Feinde der Malerei in seine Werke mit aufnimmt. Gemeint sind die neuen Medien, die etwa mittels von schwarz-weißen Computerbildern in die Ausstellung integriert werden. Die pixeligen Arbeiten – die Anfang der 90er Jahre entstanden sind und damit schon fast einen Retro-Charakter in Hinblick auf die Computertechnologie besitzen – werden zum Ausgangsmaterial für diese Werke, die in einem nächsten Arbeitsschritt übermalt oder erweitert werden. Aufgrund der verschiedenen Materialien und der sich damit verändernden Reflexion des Lichtes wird der Arbeitsprozess sichtbar. Der Feind wurde damit in die Malerei integriert, indem das bereits fertige Computerbild zu einem Ausgangsmaterial wird. Doch indem das Computerbild erneut zur Leinwand des Werkes wird, stellt sich ein hierarchisches Moment ein: die Malerei überdeckt, erweitert oder radiert aus.

Doch damit nicht genug. Ein Glanzstück dieser Ausstellung ist der begleitend publizierte Katalog. Nicht nur handelt es sich dabei um ein Künstlerbuch, das von Heimo Zobernig gestaltet wurde; dieses Buch schafft es den Leser in großes Gelächter zu versetzen. Erfrischend und wahnsinnig lustig sprechen Albert Oehlen und Daniel Richter über Material, Produktion und die Kunst allgemein – ohne dabei ernsthafte Momente völlig auszuschließen. Es ist die richtige Mischung, die einem Spaß an der Kunst vermittelt, unterhält und zeitgleich wissenswertes zur Kunst von Oehlen verspricht. Ein Gespräch, bei dem man nur zu gerne dabei gewesen wäre. Doch auch dabei bleibt es nicht! Das Künstlerbuch – mit seiner außergewöhnlichen Gestaltung und fortwährenden Produktion von Fehlern – wird erweitert um ein Gespräch zwischen dem Kuratoren Achim Hochdörfer und Hal Foster: „Oehlen als Schönberg – ein wilder Gedanke“. Mit dem Titel „Die Gang- und die Post-Gang-Malerei von Albert Oehlen“ findet sich auch ein Gespräch zwischen Rochelle Feinstein und Kerstin Stakemeier. Unbedingt lesenswert!

Die Ausstellung Albert Oehlen. Malerei läuft bis zum 20. Oktober 2013 im mumok!

Der Katalog zur Ausstellung ist erhältlich im Buchhandel Walther König | OEHLEN, ALBERT – WIEN, MUMOK – Malerei. Künstlerbuch von Heimo Zobernig. Katalog hrsg. von Achim Hochdörfer. Wien 2013.

 

 


[1] Ralf Beil. Rotlichtbezirk. Vom Eros der Verunreinigung im Oeuvre Albert Oehlens, 2004, in: Ralf Beil (Hrsg.),   Albert Oehlen. Peintures/ Malerei 1980-2004, Musée Cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Zürich 2004.

[2] Ralf Beil. Die Gier nach Farbe. Zehn Fragen an Albert Oehlen, 2004, in: Ralf Beil (Hrsg.),   Albert Oehlen. Peintures/ Malerei 1980-2004, Musée Cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Zürich 2004.