Linda McCartney – Eine Ausstellung in die Seele einer Fotografin

Bei ihrem Nachnamen denken viele an das berühmte Bandmitglied der Beatles. Doch Linda McCartney ist mehr, als nur die Frau von Paul McCartney. Ihr Gespür für die Fotografie und die Menschen dahinter wird aus diesem Grund nun in einer umfangreichen Retrospektive im Kunsthaus Wien geehrt. 

Die Fotografie Ausstellung zum Lebenswerk der Künstlerin Linda McCartney im Kunsthaus Wien führt den Besucher durch verschiedene Stationen. Es beginnt mit einem Porträt Jimi Hendrix. Die Fotografie stimmt gleich auf die Tonalität ihrer Kunst ein: Hendrix wirkt entspannt, gar nicht wie für ein Porträt inszeniert. Und genau das ist die Gabe von Linda McCartney. Vor ihrer Kamera erstarren und verstellen sich die wenigsten. Ihr ist es gelungen dem Fotografierten das Gefühl zu geben sich entspannen zu können, er selbst sein zu können. Die Fotografien – mit Fokus auf das Zeitalter des Rock ’n’ Roll – zeigen prominente Persönlichkeiten, die dem Betrachter vorkommen wie gewöhnliche Alltagsmenschen. Versunken in ihrer eigenen Welt wird die Stilikone Twiggy im Profil abgelichtet.

Doch teilt Linda McCartney in dieser Retrospektive auch ihr Innerstes in Form  ihres privaten Familienlebens. So zeigt eine Farbfotografie Paul McCartney auf einem Wiesenzaun sitzend: mit dreckiger Hose und Norwegenpullover. Die gemeinsamen Töchter Mary und Stella sind ebenfalls im Bild, haben aber mit der Kamera keinen Blickkontakt – auch hier wieder das Motiv, als ob sie gar nicht da wäre.

Ich habe festgestellt, dass eine Kamera nicht die Seele einfangen kann. Aber der Fotograf vielleicht doch!

Und das kann sie.
Naturthematische Aufnahmen werden ebenfalls ausgestellt, meist in schwarz-weiß und mit der Wirkung von Poesie. Das Nachdenken und Mitfühlen wird angeregt. So zum Beispiel die Farbfotografie „Lucky in daisies“. Zu sehen ist ein zentral platziertes schwarz-weiß geflecktes großes Pferd, welches stolz mit einem Sattel mitten in einem Meer von Margariten steht. Die Farben wirken natürlich. So naturnah, dass dem Betrachter die Erinnerung an der Geruch dieser Blumen in die Nase steigt.

Wenn du etwas siehst, dass dich bewegt und dann abdrückst, dann hast du einen Moment eingefangen.

Ein Zitat von Linda McCartney, das genau die Wirkung ihrer eigenen Fotografien beschreibt. Keines der im Kunsthaus zu sehenden Bilder ist eine gewöhnliche Fotografie: es sind Momente. Eingefangen und auf Papier gedruckt. Das klingt jedoch simpler als es ist: über das Fotografieren als solches hinaus, hat sich die Künstlerin intensiv mit dem Entwickeln von Fotografien beschäftigt. Mit Belichtungszeit, alten Methoden und neuen Möglichkeiten. Beispielhaft sind einige Aufnahmen von Stillleben als Platindrucke ausgestellt. Die Produktion dieser ist seit dem Ersten Weltkrieg sehr teuer und daher selten. Ihre Leidenschaft sich mit den alten Verfahren auseinanderzusetzen treibt Linda McCartney jedoch an neue Wege zu versuchen und das Alte mit dem Neuen zu verbinden.

Ihr Talent und Gespür für den richtigen Moment wird exemplarisch in folgender Fotografie deutlich: zu sehen sind Fans, die eigentlich Linda McCartney bzw. Paul McCartney fotografieren wollen. Jedoch werden jetzt sie der Target der Fotografin. Der Betrachter bleibt stehen, und versteht die  Message nach kurzer Zeit. Jeder ist gleich. Wieder ist es ihr gelungen nichts zu inszenieren, sondern das Echte festzuhalten. Sie fühlt den Moment und hält ihn fest.

Diese Entspanntheit in anderen auszulösen kann sie für sich jedoch nicht nutzen. In Bezug auf ihre eigene Person ist Linda McCartney irgendwie doch schüchtern, selbst wenn sie uns mit ihrer Familie ihr Umfeld zeigt. Das spiegelt sich auch in der Station der Selbstporträts wieder: die Künstlerin ist meist in der Reflexion eines Spiegels festgehalten. Weitere Selbstporträts zeigen die Frau mit gesenktem Blick, verschwommen oder zur Hälfte verdeckt von der Kamera. Und hier wird konkret das dargestellt, was die ganze Zeit vermutet wird: Linda McCartney ist mit der Kamera eins. Die Linse wird zu ihrem Auge, und der Betrachter darf ihre persönliche Welt miterleben. Genau das ist wahrscheinlich auch, was die Intimität, Authentizität und den Erfolg ihrer Fotografie so ausmacht.

Zu sehen im Kunsthaus Wien bis zum 06. Oktober 2013.