Zu Besuch bei Georg Baselitz | Benjamin Katz porträtiert

Die Oberfläche einer Fotografie suggeriert ein Abbild der Wirklichkeit. Doch diese scheinbare Wirklichkeit kann ebenso die Realität maskieren, indem sie vorgibt etwas zu sein. Dazu muss ein Motiv nicht einmal bewusst konstruiert oder inszeniert werden. Es ist eher so, dass die Anwesenheit einer Kamera häufig dazu führt, dass wir uns verändern: für das Bild, oder um uns bewusst oder unbewusst auf eine gewisse Art und Weise zu präsentieren. Und das meint nicht nur rein das Formale im Sinne einer Körperhaltung sondern auch den Transport und die Vermittlung von Emotionen. Desto vertrauter uns ein Fotograf ist, desto eher sind wir bereit unser Innerstes zu zeigen und uns weniger zu verstellen.

Dass dieses Vertrauensverhältnis zwischen dem Fotografen und dem Porträtierten zu völlig anderen Bildqualitäten führen kann, zeigt die Publikation der Fotoserie von Benjamin Katz über den zeitgenössischen Künstler Georg Baselitz. Seit dem gemeinsamen Studium im Jahr 1957 an der Kunstakademie in Berlin verbindet die Beiden eine tiefe Freundschaft und auch eine Zusammenarbeit: Katz stellte etwa 1963 die Werke von Baselitz in seiner Galerie, die er gemeinsam mit Michael Werner führte, aus und löste damit einen regelrechten Skandal aus. Ein onanierender Junge? Das bekannte Werk „Die große Nacht im Eimer“ wurde kurzerhand beschlagnahmt. Es folgte ein zweijähriger Prozess bis die Rückgabe der Bilder erzielt werden konnte.

Benjamin Katz entdeckt die Fotografie über ein Jahrzehnt später für sich. Von einem Freund bekam er eine analoge Kamera geschenkt, die fortan zu seinem stetigen Begleiter erhoben wurde. Als Künstler und Kunsthändler verschaffte er sich einen ganz eigenen Zugang zu den Künstlern und in ihre Ateliers –  eine Positionierung abseits von den großen Veranstaltungen. Ein Blick hinter die Fassade von Hochglanzfotografien seitens der Presse, oder Porträts. Ein ganz persönlicher Zugang, der den Künstler mit seinem ganzen Spektrum an Emotionen einfangen kann.

Die fotografischen Aufnahmen von Baselitz sind vor allem geprägt durch ihre Vielseitigkeit. Man könnte fast meinen, es wurden unterschiedliche Personen porträtiert. Vom Rauschebart mit Brille und farbverschmierter Hose, über den Anzugträger hin zum Aufnahmen mit Motorsäge und Zigarre. Es ist eine Mischung aus inszenierten Rollen und Schnappschüssen, die völlig frei aus der Situation heraus entstehen oder ganz persönliche Momente zeigen. Etwa beim Spielen mit den Hunden im Park, beim Behauen eines Holzblocks oder eben stolz stehend vorm Guggenheim Museum in New York mit seinem Katalog. In gleicher Weise verändert sich das Atelier: vom Schloss Derneburg hin zum Atelier am Ammersee. Vom chaotischen Ort, der mit Baumstämmen und Holzspänen übersät zu sein scheint, bis hin zu ordentlich an der Wand platzierten Leinwänden.

Der Fotoband mit seinen hochwertigen Abbildungen wird anlässlich von Baselitz 75. Geburtstag vom Hirmer Verlag herausgebracht. Textuell begleitet werden die Fotografien von Cornelia Gockel mit dem Titel „Katz und Baselitz – Bilder einer Freundschaft“. Wer auch einmal zu Besuch bei Georg Baselitz sein möchte, erhält den Fotoband für € 34,90 im Hirmer Verlag.