FACES. EINE GESCHICHTE DES GESICHTS

„Eine Geschichte des Gesichts? Es ist ein gewagter Versuch, sich auf ein Thema einzulassen, das jeden Rahmen sprengt und zum Bild aller Bilder führt, mit denen Menschen leben.“ (S. 7) – Bereits in den einleitenden Worten seines jüngst erschienenen Buches „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ gesteht sich der Kunsthistoriker Hans Belting die Kompliziertheit seines Unterfangens ein, in welchem er den paradoxen Versuch wagt, eine Art „Gesichtsgeschichte“ niederzuschreiben. Dabei beschränkt er sich keineswegs darauf große Werke der Kunstgeschichte zu analysieren und zu beschreiben, sondern liefert außerdem kultur- und sozialanthropologische Einblicke sowie soziohistorische Hintergrundinformationen und einwandfreies Bildmaterial.

Belting positioniert seinen Versuch einer Geschichtsschreibung des menschlichen Gesichtes vor allem in der Geschichte von Porträt und Maske. Das Buch lässt sich grob in drei Teile gliedern, in denen der Autor sich gekonnt von altertümlichen Masken vorchristlicher Kunst über die Selbstbildnisse der Renaissance und des Barocks hin zur medialen Produktion von Gesichtern und Ikonen bewegt.

So verschafft Belting dem Leser im ersten Teil seines Buches „Gesicht und Maske in wechselnden Ansichten“ einen tiefgreifenden Einblick in die Entstehung und Verwendung europäischer und außereuropäischer Masken im Kult sowie deren Einsatz im antiken und mittelalterlichen Theater, der in der Neuzeit mit einer „Vergesichtigung des Theaters“ (S. 63) sein Ende fand, indem die Gesichter die Rolle von Ausdrucksmasken übernahmen. Nach eingehender Analyse der Maskerade im Schauspiel widmet sich der Autor einem naturgeschichtlichen Zugang und erläutert diesen anhand der historischen Entwicklung von Hirnforschung und Gesichtskunde und dem damit einhergehenden Begriff der Physiognomik. Den ersten Teil seines Buches besiegelt der Autor mit „Nachrufen auf das Gesicht“: Hier bezieht Belting sich auf den jungen Rainer Maria Rilke und seine Auseinandersetzung mit den Werken Auguste Rodins, in dessen Diensten sich Rilke Anfang des 20. Jahrhunderts befand. 1902 schrieb Rilke seinen ersten Text über Rodin, in dessen Atelier er sich intensiv mit den von ihm geschaffenen Büsten beschäftigte, sie jedoch stets als „Masken“ bezeichnete. Für Rilke erhielten die Gesichter in der Kunst stets Formen, die sie im Leben immer verloren; sie waren Erinnerungen an das, was sie „einst im Leben gewesen waren“ (S. 112).  Einen weiteren Aspekt dieses Kapitels bildet Antonin Artauds 1947 publizierte Schrift „Le visage humain“ und seine in Paris entstandenen Zeichnungen, auf denen Verstorbene portraitiert werden und in Totenmasken auftreten.

Im zweiten Teil des Buches „Portrait und Maske. Das Gesicht als Repräsentation“ legt der Autor seinen Fokus vor allem auf die „Krise des Gesichts“ und somit auch auf das Genre des (Selbst-) Porträts. Verwandelt sich ein portraitiertes Gesicht für Belting fortwährend in eine starre, bewegungslose Maske, so kann diese Transformation mit dem Genre des Selbstporträts durchbrochen werden, da der Künstler in seinen Selbstporträts stets eine Maske seiner selbst einzufangen und ihr einen subjektiv-authentischen Ausdruck zu verleihen vermag. Exemplarisch hierfür werden Selbstbildnisse großer Maler der Renaissance und des Barocks wie Albrecht Dürer, Caravaggio und Rembrandt gezeigt. In der Porträtkunst erkennt Belting die Eigenart der europäischen Kunst, die er in starkem Kontrast zu außereuropäischen Kulturen sieht, in denen man keinen Porträts, sondern vielmehr tatsächlichen Masken begegnet, die aus völkerkundlichen Museen bekannt sind. Hierin liegt auch die Erklärung dafür, dass Belting in seinem neuesten Buch fast ausnahmslos auf die Kulturgeschichte Europas verweist. Zwei weitere Künstler, denen der Autor im Mittelteil seines Buches Aufmerksamkeit schenkt, sind Vertreter des 20. Jahrhunderts: Im 13. Kapitel widmet er sich ausschließlich den gequält-verzerrten Porträtstudien Francis Bacons, durch die der Maler stets neue Empfindungen im Betrachter zu entfesseln versuchte; wodurch sich folglich auch der Titel des Kapitels „Stumme Schreie im Glaskasten. Das entfesselte Gesicht“ erklären lässt. In Anlehnung an die verschiedenen Serien des portugiesischen Künstlers Jorge Molder  bezieht Belting außerdem Stellung zum Medium der Fotografie, die für ihn eine technisch anders produzierte Form der Porträtkunst darstellt, und erkennt in den Arbeiten Molders eine Verschärfung des Blicks „auf die Krisen, die im Porträt immer präsent waren“ (S. 213).

Den dritten und abschließenden Teil seines Buches situiert der Autor in der zeitgenössischen Kunst: Der Abschnitt „Medien und Masken. Die Produktion von Gesichtern“ erläutert die Entwicklung des Gesichts im Medienzeitalter, in dem „Mediengesichter in der Öffentlichkeit das natürliche Gesicht verdrängt haben“ (S. 214) und ihre technische Produktion in der digitalen Revolution ihre Vollendung fanden. Mehrmals erwähnt werden hier die Arbeiten Andy Warhols, allen voran jene zu Mao Tse-tungs Gesicht, die paradigmatisch für die „Reproduktion einer Reproduktion“ (S. 290) wurden, und durch die die chinesische Staatsikone zu einem Pop-Idol avancierte. In einem weiteren Kapitel stellt Belting sein filmtheoretisches und –historisches Wissen unter Beweis und setzt sich hier mit der Großaufnahme des Gesichts auseinander, die für Belting vor allem in Ingmar Bergmanns 1966 entstandenen Film „Persona“ in doppelter Konstellation zentral ist, stehen die beiden im Close-up gezeigten Gesichter der Protagonistinnen doch in einem ungleichen Dialog. Wie Belting richtig vermerkt, nimmt bereits der Titel des Filmes Bezug auf den antiken Maskenbegriff „persona“ und deutet so auf die Identitätskrisen beider Frauen hin.

Gesichter produzieren Masken.

„Gesichter produzieren Masken“, stellte Hans Belting im Juni 2013 in einem Reflektorium im Wiener Vestibül fest. Beltings Aussage könnte gleichsam als zentrales Thema seines neuesten Werkes verstanden werden: Im Mittelpunkt steht nicht das Gesicht selbst, wie der Titel des Buches verspricht, sondern vielmehr dessen Abbildungen und Darstellungen, die Belting vor allem in der Porträtkunst verankert weiß. Das Gesicht wird so in eine starre, ausdruckslose Maske verwandelt, welche lediglich die Funktion einer Repräsentationsfläche des Gesichtes innehat. Gleichzeitig konstatiert Belting im Genre des Porträts auch immer das Spiegelbild einer gesellschaftlichen Qualität und somit außerdem eine nicht unwesentliche Differenz zwischen Präsenz und Repräsentation. Durch das künstliche, technisch (re-)produzierte Gesicht und die schablonenhafte Entleerung und Verflachung gerät das „Gesicht“ vermehrt in eine Krise, deren Wirkung Hans Belting in seinem Buch zu dokumentieren versucht: Künstler wie Francis Bacon, Jorge Molder, Bruce Naumann, Andy Warhol und Arnulf Rainer (um bloß einige der vertretenen Künstler zu nennen) präsentiert Belting unter dem gemeinsamen Deckmantel eines Versuchs, dem repräsentierten Spiegelbild durch Destruktion künstlicher Masken entgegenzuwirken und der fazialen Krise Ausdruck zu verleihen, was der Autor glaubhaft darzulegen weiß. Auch schildert Belting unter Bezugnahme auf Thomas Machos‘ „faciale Gesellschaft“ und Guy Debords „société du spectacle“ (S. 215), wie unterschiedliche Medien auf die Krise des Gesichts reagieren und bedient sich hierzu der bereits erwähnten Filmstills aus Ingmar Bergmanns „Persona“ oder der amerikanischen Illustrierten „Life“, auf deren Cover aus dem Jahre 1937 die in einem Filmkostüm abgelichtete Schauspielerin Greta Garbo und ihr populäres „face“ zu sehen waren.

Der Kunst- und Kulturhistoriker schafft es in seinem Buch einen umfassenden Bericht über die Geschichte des Gesichts abzulegen, die sich allerdings weniger als eine große Geschichte, sondern vielmehr in Form mehrerer kleiner, aneinandergereihter Diskurse lesen lässt. Im 7. Jahrhundert vor Christus beginnend führt Belting seine LeserInnen durch eine facettenreiche und anregende Zeitreise und arbeitet sich bis in die Gegenwart hinein, mit deren „Cyberfaces“ er sein Buch beendet.

So umfassend und wohl-strukturiert Beltings Werk auch gestaltet ist, so sehr überrascht es, dass er einen durchaus erwähnenswerten Aspekt fast vollständig unbeleuchtet lässt: nämlich den Missbrauch von Gesichtern durch die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten, dessen Erläuterung sinnführend wäre, scheint Belting doch den Anspruch auf eine umfassende Ausleuchtung europäischer Kunst- und Kulturgeschichte zu erheben. Vor allem im ersten Teil seines Buches, in dem Belting einen absolut gelungenen Einblick in die Entwicklung der Neurowissenschaften und der Gesichtskunde gibt, hätte sich ein Exkurs in die Rassenlehre und die Methoden der NS-Propaganda gut eingefügt, entstanden unter den Nationalsozialisten doch zahlreiche rassentheoretische Schriften, deren Einfluss sich letztendlich auch in der Architektur und der Kunst des Dritten Reichs niederschlug und nicht zuletzt zahlreiche „entartete“ Künstler ins Exil zwang. Ferner missbrauchte das nationalsozialistische Regime verschiedene „Gesichter“ bzw. „Masken“ (so beispielsweise die, der beiden mittelalterlichen Skulpturen der „Uta von Naumburg“ und des „Bamberger Reiters“), um anhand dieser „deutschen Gesichter“ die nationalsozialistische Rassenlehre exemplarisch verewigt zu wissen. Auch hier verwandelten sich die Gesichter der einst „Porträtierten“ im Sinne Beltings in Masken, deren Physiognomie Jahrhunderte später zu Propagandazwecken missbraucht wurden und so als repräsentative Spiegelfläche eines gesellschaftspolitischen Zustandes fungierten.

Doch wie Hans Belting bereits in seinen einleitenden Worten und schließlich auch in seinen Schlussworten anführt, handelt es sich bei dem Versuch, eine Geschichte des Gesichts darzustellen um ein „maßloses Thema“ (S. 305), das „jeden Rahmen sprengt“, dem er jedoch zweifelsohne gewachsen ist. Belting schafft es dank jahrelanger Arbeit, guter Recherche und einer gelungenen Argumentation komplizierte Zusammenhänge in einer klaren Sprache zu analysieren und zu erklären, weshalb die Lektüre dieses Werkes – manch unvermeidbarer Lücke zum Trotz – bloß wärmstens empfohlen werden kann. Nicht zuletzt die 134 Abbildungen (58 davon in Farbe) steigern das Lesevergnügen, sind diese doch hervorragend und in ihrer kommentierenden Funktion mit größter Sorgfalt ausgewählt.

Es besteht kein Zweifel, dass auch  Hans Beltings neuestes Werk das Potential hat, bald den Ruf eines Standardwerks zu besitzen – eines scheint klar zu sein: Auch im Alter von 78 Jahren hat Belting sein Gesicht als Kunst- und Kulturhistoriker nicht verloren, sondern macht seinem Namen alle Ehre!

// Fanny Hauser


Hans Belting| Faces. Eine Geschichte des Gesichts.

C.H. Beck Verlag, München 2013. Gebundene Ausgabe: 343 Seiten, 134 Abbildungen. € 29,95