HUNDERTWASSER. JAPAN UND DIE AVANTGARDE.

Foto von mir. Aufnahme eines Wiener Kanalgitters. Schmutzig und mit Abfällen bedeckt war es mir doch ein Ausgangspunkt vielerlei Betrachtungen. Die gefährliche Magie des regelmäßigen Gitters ist sehr beeindruckend. Dieses einfache Kanalgitter kommt mir vor wie das Kerkerfenster unserer Zivilisation. Bloß die Unregelmäßigkeit des Schmutzes, der draufliegt, wirkt paradoxerweise wie etwas Befreiendes, das uns vor geistig materieller Nacktheit der geradlinigen Strukturen unserer modernen Zeit befreit.

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Nach der Retrospektive „The Albertina Exhibition of Hundertwassers Complete Graphic Work“ wurde es in den österreichischen, staatlichen Museen erst mal ruhig um Friedensreich Hundertwasser. 47 Jahre später ruft das Belvedere in der Orangerie das Frühwerk des Künstlers, das vor allem die Schaffensperiode von 1949-1964 umfasst, wieder in Erinnerung. Dazu erscheint ein Ausstellungskatalog, der nicht „nur“ das Ausstellungskonzept thematisiert, sondern durchaus als Monographie fungiert.

In den 1950er Jahren wird auch die westliche Welt von der fernöstlichen Zen-Philosophie durchtränkt. Man ist sich einig, dass das zerrüttete Europa eine neue Ausdrucksform fordert,  die gesellschaftspolitischen Themen gerecht wird. So werden ausgehend von Frankreich informelle und abstrakte Künstler lanciert zu denen unter anderen auch Hundertwasser zählt. Durch seinen Parisaufenthalt  1949 gerät er in Berührung mit dieser innovativen Kunstrichtung. Hundertwasser sagt in Folge der geraden Linie der Architekturmoderne den Kampf an und setzt sich in seinen Manifesten für eine schöpferische Gesellschaft und eine selbstschaffende Umwelt ein. Seine Fotografien zeigen, wie geschickt er sich und Linien des Straßenalltags dazu in Szene setzt. In seinen Gemälden legt er den Schwerpunkt in seinen „Transautomatismus“, der bei dem aktiven Betrachter eine bewegliche Bilderreihe auslösen soll und so mit diesem interagiert. Ferner ermöglicht dieser Transautomatismus die universelle Darstellung grenzenloser Realitäten. Die Formen und Farben seiner Werke scheinen Instinkten des Unterbewusstseins zu folgen und stehen somit im Kontrast zur „gesitteten“ Ästhetik vergangener Jahre. Die japanische Tageszeitung „Manichi Shimbun“ findet 1961 die passenden Worte als es die Werke Hundertwassers mit „Landschaften im Hirninneren“ vergleicht.

Im Kapitel „Hundertwasser im Geflecht der künstlerischen Avantgarde“ bezieht sich Robert Fleck auf Hundertwassers Jahre in Paris, nachdem er den Maler René Brô in Italien kennenlernte und mit diesem in Frankreich arbeitete. Durch die kollektiven Werke erreicht Hundertwasser angesichts einer neuen Farbintensität und der Formidee der Spirale eine neue Stufe seines künstlerischen Schaffens, die ihm nicht zuletzt dazu verhilft in der Galerie Paul Facchetti‘s auszustellen. Während er in Paris schon stadtbekannt ist und mit Hilfe der Familie Dumage und René Brô ein eigenes Atelier aufbauen kann, bestreitet er in Österreich in den 1950er Jahren nur zwei Ausstellungen: darunter seine erste Einzelausstellung im Art Club in Wien. Nach seinem Erfolg im Österreichischen Pavillon der Biennale von Venedig 1962 verändert sich seine künstlerische Positionierung. Begünstigt wurde dieser Durchbruch durch seinen sechs monatigen Aufenthalt in Japan, wo er vor allem traditionelle, japanische Materialien verwendet und so den Bezug zur japanischen Denkweise und Kultur in seinen Bildern stärken konnte. Unabhängig voneinander werden nun in Bremen und in Wien Ausstellungen durchgeführt, die Hundertwasser in der europäischen Kunstgeschichte verankern sollen – mit besonderem Augenmerk auf sein Schaffen von 1950-1960.

Der Autor weist ein für Hundertwasser bedeutsames Kommunikations-Netzwerk auf, zu dem auch Yves Klein zählt und dessen Schaffen und Biographie in Form eines kleinen Exkurses erläutert wird. Dass diese Bekanntschaft in eine Freundschaft mündet, verwundert nicht angesichts der ähnlichen Wahrnehmung und Überzeugungen die sich in den Schriften der beiden Künstler entnehmen lassen. Obgleich sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht begegnet waren. Betont wird vor allem das nonkonformistische Dasein Hundertwassers, gestützt auf Aussagen von Zeitgenossen. Pierre Restany beschreibt Hundertwasser nach seiner ersten Begegnung als „faszinierenden Protagonist seines selbstgewählten Außenseitertums.“[2] Durch Restany ergeben sich nun neue Kontakte und Möglichkeiten.

Erstmals beginnt Hundertwasser sich mit performativer Kunst zu beschäftigen. Es folgen Nacktreden gegen den Rationalismus in der Architektur, die sogenannte „Fensterrechtsdemonstration“[1] und die „Linie von Hamburg“[2], in der Studenten, Künstler und Besucher eine nicht enden wollende Linie in der Universität in Hamburg zogen. Diese wurde schlussendlich dann doch von der Hochschulleitung beendet. Robert Fleck sieht mögliche performative Anregungen von Yves Klein kommend, da sie demselben Prinzip folgen. Allerdings ist für ihn ebenso eine Beeinflussung von der Literaturgruppe Oulipo[3] denkbar. Als Beispiel zieht er einen Katalogtext von Hundertwasser heran, der formale Ähnlichkeiten mit einem Oulipo-Text aufweist.

Die Publikation umfasst in sechs Kapiteln eine detaillierte Beschreibung der Anfänge Hundertwassers, die von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen[4] verfasst wurde.  Obwohl die Chronologie zum Teil aufgegeben wird und sich einiges wiederholt, wird die Entwicklungsgeschichte Hundertwassers in den Abschnitten unterschiedlich vertieft und ist daher trotz erneutem Vorkommen der Informationen flüssig lesbar und klar verständlich.  Der Druck ist durch viele Abbildungen bereichert, die den künstlerischen Werdegang von Hundertwasser veranschaulichen. Sehr informativ sind auch beigefügte Zeitungsartikel, die während Hundertwassers produktiven Perioden veröffentlicht wurden.

Anhand dieses Kataloges wird der Leser durch seine Aufenthalte in Wien, Frankreich und Japan geführt. Doch beschränkt es man sich dabei nicht nur auf seine Werke, sondern stellt auch den Menschen Hundertwasser vor: mit seinen Marotten, seinem Privatleben und seinen Eigenheiten.

 // Ines Sigl

 

BUCHTIPP | HUNDERTWASSER. JAPAN UND DIE AVANTGARDE

Agnes Husslein-Arco, Harald Krejci und Axel Köhne (Hrsg.), Hundertwasser. Japan und die Avantgarde, Hirmer Verlag, 2013. € 45,-

 

 

 

[1] Friedensreich Hundertwasser, Manuskript: Erklärungen zu Fotos von Bildern von mir, Wien 1952

[2} Pierre Restany, „Le feu qui brille“, in: Caen 1996 übersetzt von Robert Fleck.

 


[1] Das Fensterrecht besagt, dass jeder Bewohner die Außenfassade um sein Fenster soweit bemalen darf, wie sein Arm reicht. Mit dieser Forderung setzt sich Hundertwasser für den Schöpfergeist des Menschen ein.

[2] Bei Weltmusik und Vorträgen aus Büchern wurde 1859 eine unendliche Linie durch ein Klassenzimmer der Hamburger Hochschule der Künste gezogen.  Schließlich sollte die Linie durch die Stadt führen und in der Galerie Brockstedt in Haverstehude enden.

[3] Oulipo ist ein Autorenkreis, der 1960 entsteht und der Sprache eine neue Basis gibt. So kommt beispielsweise im  Roman  „La Disparition“ von Georges Perec nie der Buchstaben „e“ vor.

[4] Agnes Husslein-Arco, Tomoko Mamine, Robert Fleck, Axel Köhne, Harald Krejci, Shin’ichiro Osaki, Andrea Hubin