MARIA LASSNIGS SURREALE REALITÄT

Die gebürtige Kärntnerin ist nicht mehr das Mädchen von nebenan. Zwei Mal nahm Maria Lassnig an der documenta teil, eines der wichtigsten Kunstereignisse der Welt. Und dieses Jahr (Frau Lassnig ist mittlerweile 93 Jahre alt) erhielt sie den goldenen Löwen der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk. Und jetzt ist das Lebenswerk in Hamburg zu erleben. Carolina Vinqvist war vor Ort und berichtet…

Die Ausstellung wirkt wie ein Labyrinth – verworren und auf der Suche nach sich selbst. Wie ein Leben, so hat auch ihre Kunst verschiedene Entwicklungsphasen durchlebt. Von frühen expressionistischen Arbeiten aus den Jahren um 1940, Skulpturen aus 1998, Realismus Extremen bis hin zu Comic Inszenierungen. Einmal fragt man sich, ob das dargestellte Ölporträt gleich aus dem Rahmen rauskommt – so real wird gemalt. In anderen Werken braucht man Fantasie, gar Mut zu erraten, was sie einem sagen möchte. Überdimensionale Insekten sind dann auch keine Überraschung mehr. Besucht man heute die Deichtorhallen in Hamburg, betritt man mehr als nur eine Halle. Inmitten der Millionenstadt wird das Leben einer Österreicherin mit einer Retrospektive geehrt. Und das mit 113 Exponaten aus acht Jahrzehnten. Die ausgestellten Kunstwerke erdrücken den Besucher nicht. Sie hängen unschuldig, farbenfroh an der Wand und laden dazu ein, sich das Oeuvre anzuschauen.

Zu sehen sind mehrere Selbstporträts, jedoch nicht immer als solche zu erkennen. Auch hier ein Balanceakt zwischen brutalem Realismus und dem Surrealem. Doch darf man nicht vergessen, dass auch der Realismus dem Auge und dem Geist der Künstlerin entspricht. So zeigt das Bildnis „Zwei Arten zu sein“ aus dem Jahre 2000 eine nackte, provozierende, gesichtslose und eine gekleidete, maskulin wirkende Lassnig. Das Antlitz des angezogenen Porträts starrt ins Leere, fast ohne Aussage und dabei doch enorm ausdrucksstark. Die Ausstellung macht schnell die vorherrschende (Selbst-) Kritik an allem deutlich. Die Malerin selbst sieht sich als hässlich. Grund für diese Annahme kann vom Vater ausgegangen sein, welcher bei ihrer Geburt geweint haben soll, da Lassnig nicht als Junge zur Welt kam. In einem Interview sagte sie, sie könne sich nur schwer von ihren Bildern trennen. Vielleicht weil diese eine Verarbeitung ihres unterdrückten Selbst ist? In Lassnigs Labyrinth findet man auch Kritik an der Gesellschaft. Das Gemälde „Wo sind die Rehe geblieben?“ aus dem Jahre 1993 lässt Raum zur Interpretation. Sind die Rehe mit ihren stereotypischen Attributen in dem Kontext ein Synonym für gutmütige, unschuldige Menschen? Es scheint, als ob Lassnig die Unschuld im Menschen vermisst. Sollte dem so sein, gibt es für die Malerin als Schlussfolgerung nur noch gierige Menschen mit Fokus auf Geld und Sex. Die Deichtorhallen schreiben dazu: „Das zentrale Thema Lassnigs ist die schonungslose Selbstbefragung, dem sie sich auf unterschiedliche Weise ihr ganzes Leben lang widmet.“

In dem Gemälde „Selbstporträt mit Stab“ aus dem Jahre 1971 ist Lassnig zu sehen. Im Hintergrund ist ein präsentes Gemälde ihrer Mutter. Diese scheint jedoch real aus dem Werk hervorzukommen und verschwimmt so mit der selbst Dargestellten. Hier wird dem Besucher verdeutlicht, was die Künstlerin selber gesagt hat. Sie ist nach dem Tod ihrer Mutter zu dieser geworden. Die Mutter wird von Lassnig als stark angesehen wurde. Eine Eigenschaft, die ihr bislang fehlte?

Der Kontrast zu den thematischen Kritiken ist die Farblichkeit der Bilder. Sie ist präsent, lebhaft, neu. Viel Türkis – oft zweifarbig – erfüllen die großen Gemälde und den Raum mit Licht und Atmosphäre. Die meist pastos aufgetragenen Leuchtfarben setzen Akzente. Aber dennoch bleibt es nicht eindimensional. Lassnig schafft es, etwas Kritisches unterhaltend und lebendig zu vermitteln. Neben ihr haben das nicht viele geschafft. Deshalb ist es wohl nicht zu gewagt zu sagen: Lassnig gehört zu den relevantesten und sehenswertesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

// von Carolina Vinqvist

 

EMPFEHLUNG |

Die Ausstellung Maria Lassnig. Der Ort der Bilder ist bis zum 08. September in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen.