Nach über 30 Jahren wird dem US-amerikanischen Künstler James Turrell endlich wieder eine Einzelausstellung in einem New Yorker Museum gewidmet. Fanny Hauser war vor Ort und berichtet von einem in Licht getauchten Guggenheim Museum und Turrells neuster Arbeit.

Am 21. März 1959 gewann die Stadt New York mit ihren ohnehin bahnbrechenden Hochhäusern und Gebäuden ein weiteres architektonisches Highlight für sich, denn das Solomon R. Guggenheim Museum an der 5th Avenue feierte seine Eröffnung. Zu verdanken hatten die New Yorker und New Yorkerinnen den spiralförmigen Bau niemand geringerem als dem US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Mit seinen Prinzipien organischer Architektur und die Ideen des „Art and Crafts Movement“ reflektierend wurde Wright 1943 mit dem Bau beauftragt und entwarf eine imposante Rotunde, in deren Inneren die Kunstwerke der Künstler und Künstlerinnen in einer schneckenförmigen Steigung erkundet werden konnten. Den ausgestellten Kunstwerken ebenbürtig, avancierte der Bau binnen kürzester Zeit zu einem Wahrzeichen New Yorks – auch heute pilgern Schwärme von Menschen in die 5th Avenue, um sowohl die beeindruckende Sammlung des Museums als auch das revolutionären Gebäude zu besuchen. Von Juni bis September 2013 wird der Bau jedoch auf unkonventioneller Art und Weise genutzt. Der größte Teil der Sammlung ist für die Besucher und Besucherinnen nicht zugänglich – lediglich die Sammlung Thannhauser mit ihren modernen Meisterwerken wie auch eine kleine Ausstellung zur abstrakten Kunst in der Zwischenkriegszeit und Kandinskys geometrisch-abstraktem Spätwerk in Paris können in den Nebenräumen des Baus eingesehen werden. Die Rotunde aber, wird vom US-amerikanischen Land-Art-Künstler James Turrell beherrscht und mit seiner neusten Lichtinstallation selbst zu einem Teil seiner Kunst erhoben. Eigens für das Guggenheim Museum konzipiert, verwandelt der Künstler den Bau nach fast sechsjähriger Planung in „an architecture of space created with light.“

Die James Turrell-Ausstellung besteht in sich aus drei Teilen, wobei der tatsächliche Höhepunkt der Ausstellung schwer zu übersehen ist: Betritt man die Eingangshalle des Museums, so wird man von fünf in der Rotunde aufsteigenden Ellipsen und einem farbintensiven Lichtspiel in Empfang genommen. Trotz der im Raum aufgebauten Sitzbänke, empfiehlt es sich, sich unmittelbar unter die Ellipsen auf den Boden zu legen, da bloß so die optimale Wirkung des Lichtspektakels erzielt werden kann. Dass es sich bei dem Kunstwerk eigentlich um den Innenraum des Guggenheim Museums handelt, vergisst man allerdings bereits nach wenigen Augenblicken, ist Turrells neuste Lichtinstallation doch eigenes für Wrights Rotunde konzipiert, wodurch ein nahezu perfektes Verschmelzen von Architektur und Licht gewährleistet werden kann. Die fünf übereinander aufsteigenden Ellipsen wechseln in weichen Nuancen ihre Farben: Sind sie beim Betreten des Raumes noch leuchtend Rot, gehen sie kurz darauf in ein Pastell-Rosa über, das – nachdem der Raum noch einige Zeit in einem ruhigen Blauton ausgeleuchtet wurde – schließlich in einem strahlenden Grün kulminiert. Mit „Aten Reign“ (2013) taucht Turrell Wrights ikonische Rotunde nicht nur in ein dynamisches Farbspiel mit künstlichem und natürlichem Licht (aus dem Opaion der Rotunde dringt Tageslicht in den Raum, das von dem von den fünf ellipsenförmigen Ringen ausgehenden Kunstlicht umrahmt wird), sondern schafft gleichzeitig die bisher größte Installation, die je für den Frank Lloyd Wright-Bau konzipiert wurde. „Aten Reign“ lässt die BetrachterInnen in ein erhaben-anmutendes Farbspektakel eintauchen und verleiht der einzigartigen Räumlichkeit eine komplett neue Form: Die mit Stoff behängten Rampen und das computergesteuerte LED-Licht verwandeln den zylinderförmigen, knapp 30 Meter hohen Raum so weit, dass er schließlich die Form einer sich stetig verändernden Ellipse annimmt und durch das regelmäßige Changieren der Farben immer wieder in eine neue Stimmung getaucht wird. In Anspielung auf den ägyptischen Sonnengott steht der Titel „Aten Reign“ exemplarisch für James Turrells Kunst, für die die Nutzung von Licht als Material und seine Auswirkungen auf die menschliche Wahrnehmung zentral sind. Mit seiner Kunst strebt Turrell einen Zustand selbstreflexiver Sehkraft an, den er als „seeing yourself seeing“ bezeichnet – in diesem Stadium des Sehvermögens angelangt, sollen die BetrachterInnen sich der Dinglichkeit des Lichts und ihrer eigenen Sinneswahrnehmung bewusst werden und selbst interpretieren, was sie ihrer Wahrnehmung zufolge eigentlich sehen.

Hat man es schließlich geschafft den Blick von Turrells beeindruckender Installation zu wenden und sich wieder vom Boden zu erheben, kann man nun seine Aufmerksamkeit auf die früheren Werke des Künstlers richten. In den weiteren Stockwerken des Baus findet man den Beweis, dass Turrell sich bereits in den 60er und 70er Jahren intensiv mit der Materie des Lichts und dessen Wirkung auf die menschlichen Sinne auseinandergesetzt hat. Um „Afrum I (White)“ aus dem Jahr 1967 näher inspizieren zu können, muss man zunächst an den zahlreichen Aquatinten Turrells vorbeigehen, die einen Überblick über die unterschiedlichen Typen seiner Installationen verschaffen wollen und so einen gelungenen Bogen zu seinen weiteren Werken schlagen. Schließlich betritt man einen abgedunkelten Raum, in dessen Ecke ein weißer Kubus zu schweben scheint: Erst bei genauerer Betrachtung wird klar, dass es sich dabei um keinen tatsächlichen Würfel, sondern viel mehr um ein auf die Wand projiziertes Lichtquadrat handelt, das den Eindruck eines im Raum schwebenden Kubus wiedergibt. Ähnliches suggerieren auch die weiteren Installationen dieser Serie, wie der schmale horizontale Streifen in „Ronin“ (1968), durch welchen die Illusion einer Architektur gegeben wird, die faktisch jedoch nicht existiert.

In der „High Gallery“ der Rotunde stößt man letztendlich auf den dritten Teil der Turrell-Ausstellung. Um in den entsprechenden Raum zu gelangen, muss man sich allerdings rund 30-45 Minuten anstellen. Darf man den gewünschten Raum schließlich betreten, findet man sich selbst in einem spärlich ausgeleuchteten Raum wieder, auf dessen Stirnwand ein monochromes Gemälde zu hängen scheint. Nähert man sich der Wand und fokussiert seinen Blick einige Minuten, so verändert sich die Wahrnehmung: Was für den einen Betrachter/die eine Betrachterin als monochrome Farbfläche in Erscheinung tritt, wirkt auf den Nächsten/die Nächste wie eine nebulöse Leere oder eine Art Portal in einen weiteren Raum. Wie auch die anderen gezeigten Werke, ist „Iltar“ (1976) paradigmatisch für das in den 1960er Jahren entstandene „Light and Space Movement“, zu dessen Vertretern neben James Turrell auch Robert Irwin, Bruce Naumann oder Craig Kauffman zu zählen sind.[1]

Um wieder in das Erdgeschoß zu gelangen, bietet sich erneut der Weg über die spiralförmige Rampe an. Hat Frank Lloyd Wright das Museum noch so konzipiert, dass die BesucherInnen mit dem Aufzug bis in den sechsten Stock hinauffahren, um die ausgestellten Werke von oben nach unten zu studieren, beschließen die KuratorInnen heute selbst, wie die Ausstellungen zu erkunden sind. Im Falle Turrells kann bloß nahegelegt werden, den Museumsbesuch mit „Aten Reign“ beginnen, aber auch enden zu lassen. Bevor es also zurück in die tropische Hitze New Yorks geht, empfiehlt es sich, nochmals in der klimatisierten Eingangshalle einzukehren und sich in den Regenbogenfarben „Aten Reigns“ zu verlieren, denn genau darin liegt schließlich auch Turrells erklärter Wunsch:

[quote]My desire ist to set up a situation to which I take you and let you see. It becomes your experience.[/quote]

                                                                                                                                   // von Fanny Hauser

 

AUSSTELLUNG |

James Turrell – noch bis 25. September 2013 im Guggenheim Museum (New York) zu sehen.

Der begleitende Katalog dokumentiert das Œuvre Turrells sowie den Entstehungsprozess von „Aten Reign“ in insgesamt 128 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen.

 

ZUM KÜNSTLER JAMES TURRELL

James Turrell kam 1943 als Sohn einer Quäkerfamilie zur Welt. Nach Abschluss seines Studiums der Psychologie und der Mathematik am Pomona College in Claremont (Kalifornien) begann er 1966 mit der Arbeit an „Lichträumen“. Turrell lebt und arbeitet in Flagstaff, Arizona, sowie in Maryland.



[1] Das „Light and Space“-Movement ist eine dem Minimalismus und der Op-Art verwandte Bewegung, in deren Mittelpunkt die menschliche Sinneswahrnehmung (z.B. von Licht oder Volumen) sowie der Gebrauch bestimmter Materialien (Glas, Licht, etc.) stehen.