EMIR HAVERIC | GEFANGENES LICHT

Bewegte, weiche Farbschlieren präsentieren sich auf schwarzem Grund. An einigen Stellen formieren sie sich zu intensiv gelben oder tieforangen Farbflächen. Erst bei genauerer Betrachtung verschärfen sich die schemenhaften Konturen des Farbenspiels hin zu schillerenden Karpfen – umgeben von der mächtig wirkenden, schwarzen Masse des nächtlichen Gewässers.

Die Werke von Emir Haveric befinden sich in der Schwebe zwischen Fotografie und Malerei, Realität und Künstlichkeit. Sie sind eine Abstraktion der Realität, ohne dass die Abstraktion ausschließlich durch die Hand des Künstlers vollzogen wird. Haveric setzt auf den richtigen Moment: Es sind oft wenige Sekunden, in denen die Natur oder die moderne Welt uns ein abstrahiertes Bild ihrer Selbst präsentieren. Momente, die in der Schnelllebigkeit unserer Zeit schnell verloren gehen oder schlichtweg übersehen werden, indem unsere Wahrnehmung durch die Masse an Impressionen stets bis ins Unermessliche gefordert wird. Vielleicht fungiert die Kamera mit ihrem Objektiv und der variablen Belichtungszeit vielmehr als eine Erweiterung des menschlichen Blicks. Die für das menschliche Auge flüssigen Bewegungen, werden mittels der Fotografie bei „Koi“ sichtbar gemacht. Ein einfaches Experiment demonstriert diese Sichtbarmachung der Bewegung: fotografiert man bei Nacht eine sich bewegende Person oder nicht fixierte Lichter, so wird die Bewegung mit Farbschlieren auf dem Foto sichtbar. Dadurch wird der Fotografie eine Bewegung eingeschrieben, die sie zu mehr als nur einer winzigen Momentaufnahme macht: mittels der Schlieren wird die Bewegung beziehungsweise werden die Bewegungsvektoren sichtbar und so ein gewisser zeitlicher Prozess rekonstruierbar gemacht. Die Dynamik des Fotos unterstreicht damit wesentlich das, was Haveric als die größte Herausforderung betrachtet: das Einfangen eines Momentes. Ein solcher Moment, als kurzes Zeitintervall, ist damit einem größeren Kontext zugehörig und impliziert – abgeleitet vom lateinischen Begriff momentum – bereits eine Bewegung.

Sowohl die weichen Konturen wie auch starke Kontraste verleihen seinen Arbeiten eine fast schon malerische Qualität. Mithilfe von verschiedenen technischen Parametern, die uns die digitale Bildbearbeitung heute offeriert, versucht Haveric die eingefangene Abstraktion zu unterstreichen und erzeugt fast schon kontemplative Momente. In dem Werk „Bäume“ geht er sogar noch einen Schritt weiter, um die Diskrepanz zwischen der Fotografie und der Malerei völlig aufzuheben und damit beiden Medien in einem Werk zu vereinen: Er fügt der Fotografie gemalte Elemente hinzu, die erst bei einer genauen Betrachtung als solche zu entlarven sind. Haveric grenzt sich ganz bewusst vom Fotorealismus ab und gliedert sich ein in eine Generation, die die Möglichkeiten der klassischen Fotografie mittels von digitalen Verfremdungstechniken wesentlich erweitert. Die Bearbeitung von Fotografien ermöglicht es nicht nur deren Abstraktion zu erweitern, sondern kann auch zur Konstruktion einer Hyperrealität verwendet werden. Gerade mit solchen, durch eine Bildsynthese erzeugte Fotografien, hat sich Haveric bereits einen Namen gemacht: Er gehört zu besten Werbefotografen der Automobilbranche. Nun präsentiert der aus Sarajevo stammende Künstler erstmals in Europa seine rein künstlerischen Arbeiten – ohne dabei völlig auf Verweise zu seiner Arbeit als Werbefotograf zu verzichten.

So verweisen die schwarzen Strukturen, die einen grauen Raum durchdringen, auf eine Autofahrt – als ein durch Tempo und Lärm geprägter Vorgang. Positioniert man sich als Betrachter vor dieses großformatige Werk, scheinen die schwarzen Strukturen außerhalb des Bildformates bereits ihren Ursprung zu haben. Die Schnelligkeit und Zielgerichtetheit auf ein schwarzes, nicht definierbares Zentrum im Bild vermag den Ausstellungsraum völlig in sich aufzusaugen. Eine enorme Tiefenwirkung, mit der Haveric nicht zuletzt auch die schiere Unendlichkeit linear verlaufender Autobahnen aufgreift. Das Formvokabular von „Lost Highway“ bildet dabei einen Kontrast zu den amorphen Formen seiner Kois und demonstriert erneut, dass es ihm weniger um die Suche nach einem Motiv, sondern um die Momente geht. Dennoch – die glatte Oberfläche der Fotografie suggeriert immer wieder ein Abbild der Wirklichkeit zu sein. Nichtsdestotrotz fungiert sie oftmals vielmehr als eine Maskierung der Formen, indem die abgebildete Realität nur noch schwer erkennbar ist. Und gerade das eröffnet einen Reflexionsraum für den Betrachter. Die Abstraktion der Realität führt zu einer Integration des betrachtenden Subjektes in diese Arbeiten: gelenkt von den jeweiligen Erfahrungen und Wahrnehmungen wird der Raum für eigene Assoziationen frei gegeben.

YOUNG BLOOD

Die Arbeiten von Haveric bilden den Auftakt zu der neuen Ausstellungreihe „YOUNG BLOOD“, die eine Präsentationsfläche für junge, wenig bekannte Künstler bieten soll. Die aus Malaysia stammende Kuratorin Yvonne Boland hat mit der Wahl des Ortes einen Dialog zwischen dem Ausstellungsraum und den präsentierten Arbeiten von Haveric geschaffen. Den Titel der Ausstellung „Gefangenes Licht“ interpretiert sie damit auf doppelter Ebene: Im Kellergewölbe der ehemaligen Oberpostdirektion in Hamburg – mit seinem rustikalen Mauerwerk – wird mittels von gezielt gesetzten Bodenbeleuchtungen eine imposante Kulisse und Lichtinszenierung geboten. Als zentraler Faktor des Raumkonzepts werden die Arbeiten von Haveric damit keinesfalls negiert, sondern vielmehr inszeniert und thematisch aufgegriffen. Gefangenes Licht auf doppelter Ebene: Auf den Fotografien von Haveric und im Kellergewölbe der Oberpostdirektion. Statt auf Quantität setzt die Kuratorin auf Qualität – reduziert auf zehn Fotografien und zwei Video-Installationen. Nicht nur die Wahl der Arbeiten, sondern auch das Konzept „YOUNG BLOOD“ von Yvonne Boland überzeugen.

Aufgrund der positiven Resonanz wurde die Ausstellung verlängert und ist nun noch bis zum 15. September 2013 in Hamburg in der ehemaligen Oberpostdirektion zu betrachten. Und nicht nur das: die Ausstellung wird Teil der Hamburg Art Week. Ein wahrlich gelungener Start, der vor allem auch neugierig macht, wie Boland die Ausstellungsreihe „YOUNG BLOOD“ fortsetzen wird.

// Text von Sabrina Möller

 

EMPFEHLUNG | „Gefangenes Licht“ von Emir Haveric ist noch bis zum 15. September 2013 in der ehemaligen Oberpostdirektion am Stephansplatz 3 in Hamburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11.00 bis 19.00 Uhr sowie nach Vereinbarung. Weitere Informationen findet ihr unter der FB Page von YOUNG BLOOD

 

EMIR HAVERIC | ZUR PERSON

Geboren 1973 in Sarajevo lebt und arbeitet Haveric heute in Hamburg, wo er als Fotograf und Regisseur tätig ist. Seine Arbeiten als Werbefotograf wurden bereits mit verschiedenen Preisen gewürdigt: Effie Award, One Show, New York Photo Festival.