INTERVIEW MIT DEM MALER WOLFANG GRINSCHGL

Grimassen, großformatige und expressive Gesichtsausdrücke werden kombiniert mit Landschaftsmotiven, denen die Vielfalt von Wolken- und Lichtszenarien eingeschrieben sind: In der Galerie LISABIRD Contemporary präsentiert die junge Galeristen Lisa Kandlhofer – nach dem sommerlichen Erfolg des Skulpturenparks in der Villa Bulfon am Wörthersee – nun die Werke des Malers Wolfgang Grinschgl. Seine Arbeiten befinden sich irgendwo in der Schwebe zwischen Furcht einflößend und purer Ästhetik in der Inszenierung der vielen Gesichter seiner Selbst und der Natur. Für ART AND SIGNATURE sprach Talina Bauer mit Wolfgang Grinschgl über seine Ausstellung „Atem“ und seinen Zugang zur Malerei …

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Atem – der Titel deiner neuesten Ausstellung bei LISABIRD Contemporary steht zunächst in enger Relation mit den präsentierten Selbstporträts. Doch werden in dieser Ausstellung auch Landschaftsmalereien präsentiert. Wie verstehst du den Titel „Atem“ in Bezug auf diese Landschaftsbilder sowie die Ausstellung allgemein?

Atem ist ein Produkt in einem Kreislauf von innen nach außen und wieder zurück. So gesehen gibt es einen Austausch zwischen einem Wesen und seiner Umgebung. So substanzlos dieser Austausch auch ist, so gibt es doch eine intime Verbindung zwischen Individuen und deren Umgebung. So wie die Welt mich gestaltet, so gestalte auch ich die Welt. Auch wenn man diese Beeinflussung verabscheut, so findet sie doch statt und niemand kann sich diesem Einfluss und dem gegenseitigen Abfärben ganz entziehen.

Ein sich ständig wiederholendes Motiv in deinen Arbeiten ist das Selbstporträt, bei dem du ein enormes Spektrum an verschiedenen Mimiken, Blicken und auch Maskierungen bietest, sodass es teilweise schwer erkennbar wird, dass es sich immer um ein und dieselbe Person handelt. Mit dem Gedanken eine potentielle Ambivalenz des menschlichen Gesichts zu zeigen, erklärt sich die Wahl des Selbstporträts nicht unbedingt – du könntest theoretisch auch eine andere Person porträtieren.Was fasziniert dich am Selbstporträt so sehr, dass es einen so großen Stellenwert in deinem Werk einnimmt?

Ich sehe mein Gesicht nicht so sehr als mein eigenes, als vielmehr das Produkt verschiedenster Umstände und Einflüsse. Auch als Platzhalter oder Projektionsfläche für jeden beliebigen Menschen, der sich da hineinversetzen will. Auch wenn ich in meiner Person vieles wiedererkennen kann, das für meine Inhalte steht, so ist es mir doch sehr wichtig, dass sich nicht alles auf mich bezieht, sondern sich auch andere Personen wiederfinden können und einen Bezugspunkt zu ihrer eigenen Person entdecken.Die Ambivalenz ist das darstellerische in einem Gesicht und dessen Folgen, die ungewollter Natur sind. Ein Beispiel: wenn ich mich, um eine Frau zu erobern verstelle und damit Erfolg habe, bin ich am Ende selber der Dumme, weil ich nie mehr ich selbst sein kann, ohne Gefahr zu laufen, diese Frau wieder zu verlieren. So gesehen bin ich ein Agent, der seiner eigenen Tarnung auf den Leim ging. Natürlich wäre es ebenso interessant andere Personen zu portraitieren, aber wie kann ich wissen welches das wahre Gesicht jener Person ist und was meine Verfremdung? Dann hätte ich eine Maske, die mir dieser Mensch vorspielt nochmals maskiert und fände genau die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Lüge wieder, nur andersherum.

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Der künstlerische Herstellungsprozess ist bei dir sehr interessant: du fotografierst dich zunächst selber mit jeweils variierenden Ausdrücken und Hilfsmitteln – etwa einer Folie, die du dir übers Gesichts ziehst. Das Ergebnis sind expressive Gesichtsausdrücke, die du in einem nächsten Schritt auf die Leinwand überträgst und einem malerischen Verwandlungsprozess unterziehst. Warum reicht dir die Fotografie als Medium für die Darstellung dieser Expression nicht aus oder was genau bewegt dich zur Malerei?

Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt. Ich komme dabei auf eine sehr schlichte Antwort und zwar ist die Fotografie so omnipräsent, dass man fast schon an ihr vorbeischaut, während die Malerei wieder aus der alltäglichen Bilderschwemme verschwunden ist und schon dadurch einen besonderen Stellenwert kriegt. Abgesehen davon ist dieser direkte Zugriff auf das Material – etwas mit den Fingern zu berühren wie ein Speicher für die menschliche Unzulänglichkeit und damit schon viel sympathischer als pure Technik.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde immer wieder der Tod der Malerei deklariert. Ist es der verzweifelte Versuch die Malerei wiederzubeleben oder wie beurteilst du das Potential und den Wert der gegenwärtigen Malerei?

Ich kann dazu nur sagen, dass die Malerei eine Eigendynamik besitzt, die sich nicht den Mitteln der Analyse unterwerfen kann. Insofern ist Malerei kaum greifbar in ihrer Qualität und ihren Ambitionen. Ich würde diese Rebellion als Definition für Malerei heranziehen. Für mich hat der Tod der Malerei entweder nie oder auch immer wieder stattgefunden und so stellt sich auch gar nicht die Frage nach einer Verzweiflung, denn für mich persönlich war schon immer die Malerei eine Notwendigkeit gegen Tristesse und Hoffnungslosigkeit, sodass sich für mich die Frage ob Malerei tot ist oder nicht, nie gestellt hat. In meinem Fall existiert die Malerei davon völlig unabhängig, weil ich ja auch weitermalen würde, wenn sich nicht einmal ein einziger Mensch dafür interessieren würde.

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Es liegt nahe bei deinen Werken – vor allem den Portraits – an etwas Unheimliches zu denken und wenn man sich an Freuds berühmten Aufsatz über das Unheimliche hält, könnte ja damit unter Anderem gemeint sein, dass uns Dinge gerade deswegen unheimlich sind, weil sie uns bereits irgendwoher bekannt waren – entweder weil wir sie selber einmal erlebt oder bloß weil sie uns bereits in der Phantasie vorkamen, womöglich verdrängt haben und sie uns wiedererscheinen. Möchtest du die Betrachter*innen damit auch in gewisser Weise daran erinnern, dass wir alle unheimliche, skurrile und oft erschreckende Gedanken haben, aber mit Mühe meist verdrängen? Und was möchtest du bei den Betrachter*innen damit auslösen oder bezwecken?

Das finde ich interessant. Meines Wissens ist gerade das unheimlich, was wir nicht kennen – sozusagen die Unwissenheit. Also das genaue Gegenteil der These Freuds. So ist auch die Verschleierung genau dieser Effekt bei dem die Angst durch das Fehlen jeder Mimik entsteht. Dadurch dass nicht erkennbar wird, ob sich ein freundliches oder feindseliges Gesicht vor einem befindet. Natürlich ist auch dafür wieder ein gewisser Erfahrungsschatz vonnöten. Ich finde, dass man sich als intelligenter Mensch auch mit den Schattenseiten der Existenz auseinandersetzen sollte, nämlich um im Bestreben nach Glück nicht über Hindernisse zu stolpern und um diese Schattenseiten zu besiegen. Für mich sind diese unheimlichen Gesichter nie bösartig gewesen, sondern immer auch Spielfiguren auf einem imaginären Spielbrett. Also einfach gesagt ist meine Arbeit ein Spiel und das was ich im Betrachter auslösen will, ist sein eigener Spieldrang.

Ebenso auffällig ist das Moment des Maskierens, Verschleierns, Verzerrens – sehr oft auch mit Hilfe anderer Materialen, wie Folien oder Stoffen und obwohl du diese oft als ästhetische Mittel in deinen Werken einsetzt, erzeugst du damit etwas, das ich als eine gewisse Ästhetik des Hässlichen bezeichnen würde – warum beschäftigt dich die Darstellung des Schmerzhaften, des Hässlichen, des Skurrilen so sehr und warum maskierst du dich dabei auf der Leinwand selbst so oft?

Ich habe dazu die Vermutung, dass ich das alltägliche Leben darin einhüllen und einsperren will – ein Leben das mir sehr oft mehr Angst einjagt als jeder Horrorfilm. Die sogenannte Hässlichkeit ist dabei für mich wie ein Abwehrmittel gegen alles alltäglich Schreckliche. Die Selbstmaskierung ist auch eine Möglichkeit vor meiner eigenen Person zu fliehen und dabei auch das Verstellen sichtbar zu machen, dem wir jeden Tag begegnen.

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Ein zweites, sich wiederholendes Motiv in deinen Werken ist die Landschaftsmalerei mit ihren abstrakten Wolkenformationen. Es wirkt fast so als ob du dir und dem Betrachter damit in gewisser Weise von den Anstrengungen, die die menschliche Seele erzeugt, eine gewisse Art von Auszeit gönnen möchtest. Einerseits die erschreckende, unheimliche, abgründige Menschheit und andererseits die nahezu erhabene, weite, freie Natur – wie spielt das für dich zusammen?

Ja, genauso ist das mit der Natur: sie ist ebenso schön wie auch gewaltig um nicht zu sagen gewalttätig. In einem Moment herrscht die absolute Idylle und im anderen schlägt eine Katastrophe alles kurz und klein. Nachdem man so gerne zwischen Mensch, Zivilisation und Natur trennt, möchte ich sagen, dass das ein Fehler ist. Da gibt es keine Trennung. Aber klar ist, dass diese Gegenüberstellung wie ein Widerspruch wirkt und ja: auch ich möchte diese Auszeit genießen, denn ich weiß, dass alles andere als eine positive Wahrnehmung kontraproduktiv ist. Meine Wolken sind wie ein tiefes Durchatmen und stellen die Energie dafür, wenn es wieder Zeit ist, die Boxhandschuhe anzuziehen.

Du bist selber aus der Stadt wieder zurück ans Land gezogen. Was bedeutet es für dich am Land zu leben?

Purer Luxus! Ich habe wahnsinnig viel Platz und muss ihn mit niemandem teilen. Der Nachteil ist aber auch genau dieser Umstand.

Können Angst, Schrecken und das Unheimliche ästhetisch erfahr- und genießbar sein?

Nicht im realen Leben, außer man wäre eine Art Superheld. Aber auf der Leinwand hat man genug Abstand dazu und kann das sehr wohl genießen, so wie ein lauschiges Plätzchen durch das draußen wütende Gewitter erst so richtig gemütlich wird.

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Inwieweit sind kunsttheoretische Diskurse für dich relevant oder interessant? Siehst du dich als Bestandteil der zeitgenössischen Kunst, verfolgst du aktuelles Kunstgeschehen (beispielsweise in Ausstellungen, auf Messen oder Ähnliches) oder hältst du dich lieber fern davon?

Da muss ich zugeben einiges bewusst verpasst zu haben. Das gehört für mich zu den Dingen die mir ein gewisses Unbehagen bereiten und mich verunsichern. Wahrscheinlich liegt das aber auch daran, dass ich jedes Mal wenn ich den Pinsel weglege, eine Ewigkeit brauche um wieder weitermachen zu können. Da bin ich wie Pettibon, der sagt: Alles, was mich aus der Galerie rausbringt ist gut für mich.

Wer oder was inspiriert dich?

Meine Kindheit und meine Träume und viele andere Künstler.

Vielen lieben Dank für das Interview!

Gerne!

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WOLFGANG GRINSCHGL

Für weitere Informationen zur Ausstellung von Wolfgang Grinschgl besucht auch die Website von LISABIRD Contemporary www.lisabird.at