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Kritisch, mit Feindseligkeit gegen alles, gelingt es mir zu korrigieren oder zu übermalen. Nur jetzt wage ich zu zerstören, da mir Besseres daraus erwächst. Fixe, aber undeutliche Vorstellungen erfüllen mich, differenzieren und konkretisieren sich erst während des Zeichnens und gehen in neue über.

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Der österreichische Künstler Arnulf Rainer zählt national und international zu den bemerkenswertesten Repräsentanten der zeitgenössischen Kunst. Bereits im Alter von 15 Jahren fühlt sich Rainer stark der Abstraktion verbunden, so dass er die Nationalpolitische Erziehungsanstalt in Traiskirchen verlässt, nachdem er von seinem Kunsterzieher gezwungen wurde naturalistisch zu zeichnen. Zwei Jahre später kommt er zum ersten Mal mit internationaler zeitgenössischer Kunst bei einer Ausstellung des British Council2 in Klagenfurt in Berührung. Die Schau umfasste Werke von Paul Nash, Stanley Spencer, Henry Moore3 und Francis Bacon4. Später bezeichnet Rainer Kärnten als den Ort in der er seine „Künstlergeburt“ erlebte.

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In seiner frühen Schaffensperiode ist Rainers anfängliche Neigung zum Surrealismus spürbar, in der er fantastische Bilder, vor allem Zeichnungen, hervorbringt. Ab 1950 experimentiert er mit gestischen Strichsetzungen, die mit einer Reduktion des Dargestellten einhergehen und mit den Namen „Zentralisationen“ und „Vertikalgestaltungen“ bedacht wurden. Ein Jahr später besucht er Paris und sieht erstmals Arbeiten von radikalen Vertretern der Moderne5. Von seinem Aufenthalt inspiriert beginnt er mit seinen weltbekannten Übermalungen. Laut Rainers selbst vorgenommener Werkchronologie übermalt er 1952 erstmals ein fremdes Bild und verschreibt sich in Folge formalen Gestaltungsformen.

Zu Beginn sind seine Zumalungen meist homogene schwarze Flächen, die das Bild fast zur Gänze einnehmen. Die Werke erinnern an die amerikanischen Abstract-Expressionism-Künstler, beispielsweise an Mark Rothko, dessen großformatige Ölgemälde mit gestaffelten, monochromen Farbflächen besonders bekannt sind. Der abstrakte Expressionismus wurde von amerikanischen Malern – der „New York School“ – konstituiert und zeichnet sich durch die übergeordnete Bedeutung von Emotion und Spontanität im Vergleich zu Reglementierung und Perfektion aus. Die neue Abstraktion sollte sich ausschließlich auf die optischen Sinneswahrnehmungen berufen.

Künstlerkollegen wie Sam Francis, Victor Vasarely,  Emilio Vedova und Georges Mathieu6 stellen Rainer Arbeiten zum Übermalen zur Verfügung. Diese Werke und weitere Fotografien und Graphiken bilden den Ausgangspunkt für Rainers Arbeit und inspirieren ihn durch Form, Farbe und Motive. Er beraubt sie ihrer ursprünglichen Bedeutung und sublimiert sie im Gegenzug mit einem Stück seiner Selbst. Obwohl er ein bestehendes Werk übermalt, zitiert er fragmentarische Auszüge daraus.

Ein gewisser positiver Kontakt zur überarbeiteten Bildform war für mich notwendig. Obwohl nicht ausschließlich, so betreibe ich die künstlerische Arbeit doch in erster Linie als Selbstgespräch. Wie sich etwa der Traum im Tiefschlaf fortsetzt, so ist die Übermalung die Entwicklung dieses Selbstgesprächs in ein Schweigen.7

„Im Gegensatz zur aktionalen Übermalung vollzieht sich die monochrome Übermalung langsam. Denn es ist ein passiver schöpferischer Vorgang, das heißt, der Maler muss mit Geduld erhorchen und abwarten, bis sich die nächstfolgende zu übermalende Stelle unangenehm bemerkbar macht. Der organisch schöpferische Akt ist hier also vielleicht noch wesentlicher als das fertige Bild; denn die Teilnahme an der schrittweisen Umnachtung beziehungsweise Ertränkung des Bildes, seinem allmählichen Eingehen in die Ruhe und Sichtbarkeit (der „große Ozean“) könnte man vergleichen mit dem Erlangen der Kontemplation im religiösen Leben. Aus Bewegung und Akten wird eine einzige Zuständlichkeit, aus der Vielheit eine einzige Leere. Die Fülle dieser Leere repräsentiert Absolutes, und der Künstler muss permanent der heroische Zunichtemacher sein, weil er der Gläubiger ist.“8

Seine Fingermalerei erhebt die Bilder von einer Gegenständlichkeit in die Welt der Emotionen und der Grundbedürfnisse des Menschen, wie die eigene Existenz zu bezeugen. Wesentliches ist mit einer Beschreibung der Oberfläche nicht gesagt. Dafür verwendet er oftmals die Farbe Rot, die das Blut und somit den Lebenssaft symbolisiert. Durch den Einsatz des Körpers wirkt sein Werk unkontrollierter, instinktiver und spontaner. Das Wühlen und Formen mit den bloßen Händen sind Metaphern für Gestaltung und Zerstörung.

Auch in seinen Serien „Kosmos“ und „Geologica“ spielen diese beiden Themen eine zentrale Rolle. Die erdigen Grundtöne dominieren die runden Bilder. Das Schütten von Farbe, Zerkratzen, Zerschneiden, Beschmieren kreiert und zerstört gleichermaßen.

In den 1960er Jahren entsteht die Serie der „Face Farces“ und der „Body Poses“, in welcher Rainer ebenfalls seinen eigenen Körper und die Fotografie nutzt.  Als sich der Wiener Aktionismus9 am Höhepunkt befindet, beginnt Rainer mit einem Fotoautomaten zu arbeiten und seine Mimik und Körpersprache zu dokumentieren. Viele der darauf vorhandenen Requisiten wie Nylonstrümpfe, Schwämme, Gummibänder usw. nützt er  als entstellendes Hilfsmittel, baut sie in seine Grimassen mit ein und sind eine Anspielung auf die Wiener Aktionisten und die Materialaktionen10 von Otto Muehl.

Die Grimassen und Körpersprache bilden für Rainer eine primäre Ausdrucksform, da sie laut etlichen – von ihm befragten – Anthropologen als die erste Form des Selbst-Ausdruck und der Kommunikation des Menschen gilt. Mitte der 70er Jahre steigert Rainer seine ausdrucksstarken Fotos durch die Bildserie der Frauenposen und Totenmasken.

Die Posen der Schlangenfrauen übten eine starke Anziehungskraft auf Rainer aus, die ihn zu besonders dynamische Pinselstrichen und aufregende Formschöpfungen inspirierten.

Die Fotos berührten mich so sehr, dass ich mit verschiedenen graphischen Korrekturen eingriff und versuchte, durch Formänderung und Farbgebung diese eigenartigen Darbietungen zum Blühen zu bringen.

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Rainers Werk dreht sich um Ausdrucksformen und Konfrontationen. So fasziniert ihn auch der Tod als größte Konfrontation jedes Lebewesens. 1976 beginnt er seine Serie „Ewiges Antlitz“, die Fotografien von Toten zeigt, die – durch Rainers beitragen – verdeckt, zerkratzt und mit Farbe überschüttete Gesichter zeigen.  Einige Jahre später ersetzt er diese Fotografien durch angefertigte Abgüsse der Toten, die dramatischer wirken.  Die Sterbemasken platziert er in einer Holzkiste, schäumt sie ein, um den Eindruck zu erwecken, dass sie auf einem Kissen liegen und beginnt sein Werk als Maler.

Die Serien „Erstes Licht“ und „Der Künstler als Wellenwackler“ heben Fotografien vom Bildhintergrund in den Vordergrund. Doch nutzt Rainer diese nicht um dokumentarisch wiederzugeben, sondern um eine Subjektivität in seinen Aufnahmen zu konservieren. Durch Materialien, die eine Lichtbrechung erzeugen, erzielt er abstrakte Farbflecken in seinen Fotografien.

Trotz der Hinwendung zur Fotografie, bleibt der Künstler der Malerei treu: „Heute, auch mit anderen künstlerischen Problemen beschäftigt, male ich an diesen Werken, soweit sie noch in meinem Besitz sind, durchschnittlich einen Pinselstrich im Monat. Bis zu meinem Ableben werden sie sich so noch stark verändern.„12

// Ines Sigl

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EMPFEHLUNG

Arnulf Rainer, Rainer Kosmos, Verlag für moderne Kunst, 2012. Preis € 30,-.

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1 Arnulf Rainer, 1970. Arnulf Rainer über seine Arbeit.  In: Protokolle. Zeitschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik, 1, 1974, S. 147 f. In leicht gekürzter Fassung zuerst erschienen in: Kunst-Spiegel, 3, 1972, S.6.f

2 britische, gemeinnützige Einrichtung zur Förderung internationaler Beziehungen.

3 Künstler der britischen Moderne

4 Irischer Maler, der sich vor allem mit der Darstellung des Körpers auseinandersetzte.

5 Georges Mathieu, Jackson Pollock, Jean-Paul Riopelle,…

6 Vertreter der Moderne

7 Arnulf Rainer, 1973. Von den Übermalungen zur Zumalung. Text zu einem (bezeichnenderweise) nicht realisierten Buchvorhaben. In: Sammlung Cremer. Europäische Avantgarde 1905 bis 1970, Ausst. – Kat. Kunsthalle Tübingen, Tübingen 1973, S. 121

8 Arnulf Rainer, 1960. Die Lautstärke und das Pathos. In: monochrome malerei, Ausst. –Kat. Städtisches Museum. Schloss Morsbroich, Leverkusen, Leverkusen 1960, o.S.

9 Aktionskunst, in der eine Gruppe Wiener Künstler in den 1960er und 70er Jahren durch das             Brechen von Tabus die nur am Konsum orientierte Gesellschaft provozierten.

10 Aktionisten versuchten, die kulturelle Anordnung und Verdrängung des Körpers sichtbar zu machen und aufzubrechen

11 Arnulf Rainer, 1978. Rainer, Arnulf: Verrenkte Frauen. Eine Körpersprachserie. In: Kunstforum International. Die aktuelle Zeitschrift für alle Bereiche der bildenden Kunst, 26, 1978, S.5

12 Arnulf Rainer, 1970. Rainer, Arnulf: „Ich wusste nicht wozu…“ In: Arnulf Rainer. Übermalungen 1954-1964. Ausst. –Kat. Galerie Schöttle, München, München 1970, o.S.