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Die Stadt als Leinwand

Street Art ist ein weiter Begriff. Unterschiedlichste Medien, aber auch Ansprüche und Konzepte fallen darunter. Der bekannte Graffiti-Künstler Banksy leitet den im Taschen Verlag erschienenen Bildband „Trespass. Die Geschichte der urbanen Kunst.“ ein. Er erinnert sich an das erste, verbotene Sprayen: „Keine Hunde hetzten mich, Gott schleuderte keine keinen Blitzstrahl auf mich herab, und meine Mutter hatte noch nicht mal gemerkt, dass ich weg gewesen war. Das war die Nacht, in der mir klar wurde, dass man ungestraft davonkommen kann.“ Banksy widersetzt sich dem „Betreten Verboten“-Schild. Jene außerinstitutionelle Energie vereint die Zusammenstellung an Arbeiten.___

Überschreiten des Erlaubten

Der Anfang des Bildbands widmet sich den „Spielregeln“ der Street Art. Sie wird durch Tempo und Geheimhaltung bestimmt. Die Ursprünge der Kunstform werden in den 1970er in den USA angesiedelt. Als Prototyp jener außerinstitutionellen Kunstform gilt Philippe Petit. Dieser spannte 1974 ein Seil zwischen die Türme des World Trade Centers. Und balancierte vom einen Teil des sich noch im Bau befindlichen Gebäudes zum anderen.[1] Das Überschreiten des Erlaubten gilt dem Bildband als Titel und Programm. Dem „Trespassing“ wird als wichtiges künstlerisches Ausdrucksmittel in seinen verschiedenen Formen nachgespürt. Im Vorwort räumen räumen Marc und Sara Schiller[2] mit dem Vorurteil auf, Graffiti und artverwandte Medien als Vandalismus zu kennzeichnen. Street Art wird als gesellschaftlich relevanter Mehrwert begriffen. Die KünstlerInnen stellen sich gegen Kommerzialisierung und Privatisierung von öffentlichem Raum. Sie arbeiten unabhängig vom Kunstmarkt und einer öffentlichen Meinung. Dennoch muss das Publikum unweigerlich die Öffentlichkeit sein. Es kann davon gesprochen werden, dass Kunst sich aufdrängt. Die ungefragte Konfrontation mit kreativem Schaffem macht Street Art aus. Darin liegt ihre Anstößigkeit, aber auch ihr Potenzial. Sie erobert Raum und schafft darin Diskurs.___

Vielfalt der Medien

Im Spannungsfeld zwischen Ordnung und Überschreitung bewegen sich die 150 Kunstschaffenden im Bildband. Sie werden nach ihren jeweiligen Intentionen acht Kapiteln zugeordnet. Schlagworte wie „Eroberung des Raumes“, „Anti-Werbung und Konsumkritik“ oder „Abstrakte Botschaften“ vereinen äußerst unterschiedliche Arbeiten. Die Manigfaltigkeit der Medien drückt Freiheit und Kreativität aus. Die Stadt wird zur riesigen Leinwand. Einigen KünstlerInnen kann dieses Paradigma wortwörtlich zugesprochen werden. So bemalt Faile die Israelische Sperrmauer zum Westjordanland 2007 mit einer übergroßen Festschleife. In fröhlicher Manier blickt der palästinensischen Seite der vermeintliche Glückwunsch „With Love and Kisses. Nothing Lasts Forever.“ entgegen. Zur tatsächlichen Leinwand macht Vinchen 2005 eine Betonmauer in Columbus, Ohio. Im Stile des rot-blau-weißen Londoner Sicherheitshinweises wird auf Einkommensunterschiede verwiesen: „Mind the Income Gap“.

Seit den 1970ern macht John Ahearn BewohnerInnen der Bronx sichtbar. Er formt Büsten seiner NachbarInnen und gibt ihnen einen Platz auf den umstehenden Hausfassaden. Der städtische Leinwandbegriff wird so erweitert. Auch das Heidelberg Project in Detroit, Michigan, verändert Fassaden skulptural. Seit 1986 arbeiten BewohnerInnen der Heidelberg Street an einer Art Neueinschreibung ihres verlassenen Viertels. Die Abwanderung hinterließ viele Dinge. So werden Spielsachen, Abfälle, technische Geräte oder Autoreifen zu einem Gesamtkunstwerk. Aufeinander getürmt, zusammengeklebt, und in Verbindung mit Bäumen und Häusern schenken sie der Straße ein Gesicht.

Auch die U-Bahn kann zur Leinwand werden. Improv Everywhere überrascht 2008 mit Aktionskunst Fahrgäste in Ihrem Alltag. In New York erzeugte das Projekt „The Human Mirror“ reale Spiegelbilder. Der Waggon wurde mit Doppelgängern symmetrisch besetzt. Ein anderer Aktionskünstler verschreibt sich einer groß angelegten Historie. Hinter der eingängigen Formensprache von Ron English steht ein durchdachtes System. Dieses kreist um die Kunstfigur MC Supersize. Sie repräsentiert die Mästung der Menschen durch Fastfoodketten. Diese wurden demnach 1955 von Aliens eingeführt. 2005 kommen besagte Aliens auf die Erde, um die gemästeten Menschen zu essen. Plakatwände und Aktionen mit verkleideten McDonalds-Figuren, die zur Fratze verzogen sind, visualisieren Englishs Gedankenkonstrukt.

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Visuelle Entdeckungstour

Für das Buch kann sich Zeit genommen werden. Es lohnt sich, Seite für Seite durchzublättern. Von den abgebildeten Kunstwerken geht eine Faszination aus. Sie bestechen durch Witz, eine oftmals sehr klare Bildsprache, teilweise sehr politische Ideen und nicht zuletzt im dargestellten Facettenreichtum dieser Kunstform. Dabei wird, ganz dem Verlag Taschen entsprechend, das Auge angesprochen. LeserInnen, die sich für ein tieferes theoretisches Verständnis der Hintergründe und Entwicklungsformen von Street Art interessieren, sollten sich einem anderen Buch zuwenden. Die Größe und Haptik des Buches lädt zum Blättern ein. „Trespass“ ist eine kurzweilige Entdeckungstour.

// Wanda Spahl

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EMPFEHLUNG

Carlo McCormick/Marc und Sara Schiller/ Ethel Seno, Trespass. Die Geschichte der urbanen Kunst, Taschen Verlag. Hardcover, 23,5 x 32 cm, 320 Seiten. Preis € 29,99 [button link=“http://www.taschen.com/pages/de/catalogue/art/all/05719/facts.trespass_die_geschichte_der_urbanen_kunst.htm“ size=“small“ bg_color=“#29a6c2″]Buy it![/button]

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[1] 2009 erschien die Dokumentation „Man on Wire“. Die Aktion „Le Coup“ von Philippe Petit wird mit Originalfilmaufnahmen und Interviews von Beteiligten näher beleuchtet.

[2] Marc und Sara Schiller betreiben seit mehr als zehn Jahren die Homepage www.woostercollective.com. Auf dieser stellen sie unter anderem verschiedene Street Art KünstlerInnen vor.