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Zeitgleich mit der Langen Nacht der Museen in Wien herrschte am 5. Oktober auch in Paris Ausnahmezustand: Im Rahmen der NUIT BLANCHE 2013 konnten zahlreiche Museen und Galerien bis tief in die Nacht bei freiem Eintritt besucht werden, während sich die öffentlichen Orte der Stadt in Schauplätze beeindruckender Installationen verwandelten. Fanny Hauser präsentiert ihre Highlights.

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Als Pendant zur österreichischen oder deutschen Langen Nacht der Museen ist die NUIT BLANCHE seit mittlerweile 11 Jahren fester Bestandteil der Pariser Kunstszene. Erstmals im Jahre 2002 ins Leben gerufen, genießen die Pariser und Pariserinnen seither die Vorteile dieser nicht enden wollenden „Weißen Nacht“, in der es zahlreiche Ausstellungen in unterschiedlichen Museen und Galerien bei freiem Eintritt zu besuchen gilt. Die tatsächliche Besonderheit der NUIT BLANCHE liegt jedoch darin, dass nicht nur die künstlerischen Institutionen ihre Pforten zu nächtlicher Stunde öffnen, sondern vor allem unzählige Werke im urbanen Raum realisiert werden und sich öffentliche Orte, wie die Place de la République oder der Canal Saint Martin selbst in riesige Ausstellungsflächen verwandeln. Während die viele Galerien der verschiedenen Parcours die Arbeiten ihrer Künstler in gewohnter Manier vorstellen, bieten die Pariser Straßen und Plätze den Künstlern ebenfalls Raum, um neue Ideen großzügig umzusetzen und ermöglichen so einen oft einmaligen Einblick in das aktuelle Kunstgeschehen.

Die eigentlichen Highlights der diesjährigen NUIT BLANCHE lieferten also vor allem jene Künstler, die ihre Installationen und Performances außerhalb des „White Cubes“ präsentierten: Im magistratischen Bezirksamt des 4. Arrondissements siedelte der in Frankreich geborene Didier Faustino seine Installation Memories of tomorrow (2013) an. Sich zwischen Kunst und Architektur bewegend, beschäftigt Faustino sich mit der Beziehung zwischen Körper und Raum und vermengt hierzu meist verschiedenste Medien wie Architektur, Installation, Performance und Video miteinander. In Memories of tomorrow verarbeitet der Künstler die üblicherweise von Ordnungshütern zur Regulierung von demonstrierenden Menschenmengen gebrauchten Metallschranken zu einer Skulptur, die dazu einlädt die vorgegebenen Regeln nochmals zu überdenken. Durch Neuerfindung ihrer klassischen Form erinnert die Barriere in ihrer Ästhetik an jene französischer Gärten, wodurch ein Dialog zwischen Militärarchitektur und eleganten Grünanlagen evoziert wird. Die ganze Nacht über wurde die Skulptur von vier uniformierten Personen bewacht, die populäre Slogans sowie bekannte Lieder neuinterpretierten.

Im selben Gebäude wurde die 1993 entstandene Installation Untitled (Lovers-Paris) des 1996 verstorbenen Künstlers Felix Gonzalez-Torres gezeigt. Gonzalez-Torres starb 1996 an den Folgen von AIDS und verarbeitete seine Krankheit in minimalistischen Installationen und Skulpturen. Meist mit Materialien wie Glühbirnen, Uhren oder Batterien arbeitend, konzipierte der gebürtige Kubaner seine Werke so, dass ihre Reproduzierbarkeit stets gewährleistet war und sie der Öffentlichkeit bis zu ihrem vorprogrammierten Erlöschen präsentiert wurden. Die im magistratischen Bezirksamt gezeigte Installation steht in Verbindung mit den in der Église Saint-Eustache präsentierten Werken Untitled (North) und Untitled (Last Night), die ebenfalls 1993 entstanden sind. Zum ersten Mal seit langem sind die emblematischen Lichterketten des Künstlers wieder in Paris vereint und sind so – trotz ihrer unterschiedlichen Präsentationsorte – miteinander verbunden.

Einen weiteren Höhepunkt der NUIT BLANCHE verdankt man dem in Paris lebenden Künstler Huang Yong Ping. Mit seiner monumentalen Installation Ceinture (2013) konfrontiert der gebürtige Chinese Orient und Okzident  miteinander und versucht die Mythen und Philosophien der beiden unterschiedlichen Welten neu zu interpretieren, um ihre Komplexität und bestehende Widersprüche aufzudecken. Seine Arbeit spiegelt Einflüsse von Yì Jīngs „Buch der Wandlungen“ und dem Zen-Buddhismus, aber auch von Ludwig Wittgenstein und Michel Foucault wieder. Ceinture besteht aus einem etwa 36m langen, gewellten, transparenten Rohr, das unzählige Insekten und Reptilien (Skorpione, Tausendfüßer, Schlangen, Spinnen, Würmer u.a.) beherbergt und die BesucherInnen dazu einlädt,  einen Blick durch das Vivarium zu riskieren. Die Skulptur ist eine Wiederaufnahme des 1993 entstandenen und oft zensierten Werks Théâtre du monde, das ebenfalls Insekten und Reptilien aus unterschiedlichen Ländern der Welt in sich trug. Mit seinem retrospektiven, zeitgleich jedoch prospektiven Charakter wurde das Werk erstmals seit vielen Jahren wieder in der Öffentlichkeit präsentiert.

Durch bestechende Installationen und Performances überzeugte ferner der Parcours Canal Saint Martin. Mit ihrer ephemeren Skulptur Le pendule de Glace zitiert die australische Künstlerin Lily Hibberd den französischen Physiker Jean Bernard Léon Foucault, der mit seinem „foucaultschen Pendel“ den Versuch unternahm, die Rotation der Erde nachzuweisen. Foucault setzte im März 1851 ein 67 Meter langes Pendel im Panthéon in Bewegung. Am unteren Ende des Pendelkörpers befand sich eine Spitze, die mit jeder Schwingung eine Spur in einem Sandbett am Kirchenboden markierte und so den ausreichenden Beweis für die Rotation der Erde lieferte. Hibberd rekonstruierte Foucaults Idee und ließ eine große Eiskugel vom Pont sur le Canal hängen und auf natürlichem Wege schmelzen. Der allmähliche Verlust der Eismasse sollte an die Eisschmelze an Nord- und Südpol und den dadurch resultierenden, verlangsamenden Effekt auf die Erdrotation erinnern und somit ein Bewusstsein für die Folgen des Klimawandels schaffen.

Die in Italien geborene Künstlerin Rosa Barba beschäftigt sich hingegen vielmehr mit dem Medium Film, vor allem jedoch im materiellen Sinne des Wortes. Sie analysiert und dekonstruiert die einzelnen Elemente des Mediums (Text, Licht, Ton, etc.) und verwendet das Filmmaterial, um Werke zu schaffen, die üblicherweise Reflexionen über die Struktur und physische Präsenz des Films als Medium zum Inhalt haben. Bei der Klanginstallation Fosse d’Orchestre handelt es sich um einen Unterwasser-Klangmechanismus, der eine Komposition elektronischer Musik in Umlauf bringt und die Wasseroberfläche des Canal Saint Martin in Vibration versetzt. Die Wasseroberfläche nimmt die Funktion einer sensiblen Platte ein, die den jeweiligen Ton durch entsprechend variierende Wasserstrahlen verrät und auszudrücken vermag. Barbas Installation verwandelt die akustischen Wellen der elektronischen Musik unter Wasser gleichsam in tatsächliche Wasserwellen und ermöglicht es, Musik so sichtbar werden zu lassen.

Ein wahrlich unvergessliches Klangspektakel boten jene Personen, die Karlheinz Stockhausens Helikopter-Streichquartett zu interpretieren wagten. Das wohl exzentrischste Werk des 2007 verstorbenen Komponisten wurde weltweit bisher bloß fünf Mal umgesetzt und nun vom Elysian Quartet abermals interpretiert. Das äußerst aufwendige Stück erfordert nicht nur ein Streichquartett, sondern ebenso vier Helikopter samt Piloten und Tontechnikern und der erforderlichen technischen Ausrüstung. Ziel des Stückes ist es, dass die Musiker jeweils in einem Hubschrauber sitzend musizieren, während ihr Spiel auf eine Leinwand übertragen wird – die Rotorblätter der Hubschrauber fungieren hierbei als zweite Instrumente, deren Klang sich in den Klang der Hauptinstrumente einfügt. Dank der technischen Möglichkeiten können die Klänge direkt in den Hubschraubern gemischt und Live übertragen werden.

Das absolute Highlight der diesjährigen NUIT BLANCHE war allerdings die ephemere Skulptur von Fujiko Nakaya. Als Pionierin dieser speziellen Kunstform, ist Nakaya vor allem für ihre international angesehenen Nebelskulpturen bekannt geworden. Mit Hilfe von Wasserzerstäubern taucht die japanische Künstlerin öffentliche Orte in künstlichen Nebel und besticht durch ein ebenso subtiles wie spektakuläres Erlebnis für die Sinne. Im Rahmen der NUIT BLANCHE 2013 benebelte Nakaya die belebte Place de la République im 10. Arrondissement und sorgte dafür, dass ihre einzigartige Skulptur trotz ihres ephemeren Charakters dauerhaft in Erinnerung bleiben wird.

                // Fanny Hauser

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