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Der Name Freud ist wohl nicht gerade historisch unbehaftet. So ziemlich jeder dürfte diesen berühmten Nachnamen als erstes mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud assoziieren. Aber der Familienstammbaum hat noch mehr außergewöhnliche Persönlichkeiten zu bieten: Lucian Freud.

Lucian Freud (1922-2011), Enkel des berühmten Begründers der Psychoanalyse, ist einer der bedeutendsten und wohl am schwierigsten zu positionierender Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts. Er wurde in Berlin geboren, emigrierte mit 11 Jahren während des 2. Weltkriegs nach England, und bekam schon früh von seinem Großvater Bilder der „alten Meister“ geschenkt, die ihn in seinen Arbeiten immer wieder beeinflussten. Viele markante  Werke aus seiner fast 70 jährigen Schaffenszeit sind nun von 8.Oktober bis 6. Jänner 2014 im Kunsthistorischen Museum Wien ausgestellt. Es handelt sich um die erste Ausstellung in Österreich zu seinem Werk. Der Kurator Jasper Sharp wählte die chronologisch geordneten Bilder in Zusammenarbeit mit Freud selbst aus, um seine stilistische Entwicklung gut nachvollziehbar darzulegen. Genau 10 Jahre nach der Ausstellung „Francis Bacon und die Bildtradition“, ist nun wieder ein zeitgenössischer Künstler in dem historischen Museum zu sehen. Umso bezeichnender, dass Francis Bacon eine enge Freundschaft zu Freud pflegte.

Für Freud war es wichtig, dass seine Bilder nicht in den gleichen Räumen mit den historischen Gemälden hängen, aber auch nicht gänzlich davon getrennt werden. Er wollte, dass sein Oeuvre in einem neutralen Umfeld betrachtet wird, um so in einem möglichst historisch freien Kontext gesehen zu werden. Seine persönliche Beziehung zu historischen Gemälden war hingegen zentral für seine künstlerische Entwicklung. So fertigte er, wie viele andere zuvor, Reproduktionen von Tizian, Dürer oder Brueghel des Älteren.  Doch ist sein Stil, wenn auch von der Vergangenheit inspiriert, ein für seine Zeit völlig neuer – und zudem abseits aller Moden. Seine Kunst ist zwischen den Zeiten: zu modern für alles Dagewesene, aber auch zu sehr an Vergangenem orientiert für seine Zeitgenossen. Somit hat Freud es geschafft auch über seine Zeit hinaus bekannt zu bleiben, nicht zuletzt, weil er das, was er macht, mit solch einer Konsequenz verfolgt, dass man ihm seine Aktualität und Genialität schwer absprechen kann.

Man with a Feather (Self-Portrait), entstand 1943 und ist Freud erstes bedeutendes Selbstbildnis. In solchen frühen Arbeiten bediente er sich noch eines Zobelhaarpinsels und brachte seine Motive mit akribischer Kleinstarbeit auf die Leinwand. Während der Hintergrund eine starke surreale Atmosphäre schafft, zeigt die lineare Malweise deutlich Freuds Interesse an der nordeuropäischen Malerei. Ab den 1950ern begann Freud stehend mit groben Schweineborstenpinseln zu arbeiten, was er wohl dem Einfluss von Francis Bacon zu verdanken hat, und sein Stil wurde zunehmend lockerer und sinnlicher. In seinem Self-Portrait, um 1956, kann man diese stilistische Entwicklung, und auch seine Arbeitsweise, gut nachvollziehen, denn dieses Bild blieb unvollendet.  Er beginnt im Zentrum der Komposition direkt mit Ölfarbe die, mit Kohle vorgezeichnete, Skizze zu überarbeiten. In den 60er Jahren begann er dann mit den für ihn so typischen Portraits von völlig Nackten. Naked Girl markierte 1966 den Anfang seiner Nacktportraits. Das Modell liegt ausgestreckt auf einer Decke im Atelier. Bisher hatte sich Freud nur auf den Kopf konzentriert, doch nun zeigt er einen schonungslos beleuchteten nackten Körper, der durch ebendiese Nacktheit hilflos und schwach wirkt. Durch seine monumentalen Leinwände, die er ab den 1980ern benutzt, wird es unmöglich für den Betrachter sich dieser geballten Nacktheit und der damit einhergehenden Hilflosigkeit zu entziehen. In dem großformatigen Gemälde Benefits Supervisor Sleeping von 1995 zeigt er einmal mehr schonungslose Nacktheit, mit besonderem Interesse auf die muskellosen Fleischberge, die für ihn eine ganz bemerkenswerte Form bekommen. Freud ist gar nicht daran interessiert hier irgendetwas zu beschönigen, ganz im Gegenteil: die wunden, abgescheuerten Stellen waren besonders die Details, die seinen Blick auf sich zogen.

Sein Gesamtwerk ist breitgefächert und bemerkenswert ehrlich. Er bediente sich an einer Palette von Gattungen wie Portraits, Stillleben und Landschaftsbildern, dabei malt er immer mit Öl auf Leinwand. Doch am meisten fasziniert er mit seinen schonungslos ehrlichen Selbstportraits. Seine Risikobereitschaft, Disziplin und Beharrlichkeit prägen seinen Blick auf die Welt und zeigen sich deutlich in seinen Werken. Seiner unnachgiebigen Beobachtung ist es zu verdanken, dass sein Umgang mit Farbe völlig neue Dimensionen annimmt. Die später expressive Malweise führt zu einer verstärkten Betonung der Kontrastierung der Farbe und deren Umsetzung in menschliches Fleisch. Der pastose Farbauftrag führt zu einer reliefartigen Oberfläche und einer erstaunlich detailreichen menschlichen Physiognomie. Mit verantwortlich für dieses künstlerische Ergebnis ist sicherlich auch der enorme Zeitaufwand, den Freud für ein Bild benötigt. So sind seine Portraitsitzungen zeitintensiv und fordernd für ihn selbst, sowie für seine meist unprofessionellen Modelle. Die Sitzungen fanden dreimal pro Arbeitstag statt, zweimal davon bei natürlichem Tageslicht sowie einmal bei elektrischer Beleuchtung. Für ihn war dieser Tagesablauf wichtig, er hat es sogar geschafft bis zwei Wochen vor seinen Tod noch jeden Tag zu malen.

Lucian Freud war ein Kind der Aufklärung mit dem dauergültigen Anspruch auf Kunst, die erstaunen doch auch verstören sowie nicht minder verführen soll. Mit seinem schonungslosen Stil, seiner Disziplin und seiner Orientierung an der Vergangenheit gelang  es ihm eine zeitlose Kunst zu schaffen, die bestimmt nicht nur jetzt sondern noch in vielen Jahren überraschen wird.

 // ANNA MARIA BURGSTALLER

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Katalog zur Ausstellung

Sabine Haag/ Jasper Sharp (Hrsg.), Lucian Freud, 240 Seiten, Gebunden, 24 x 28cm, 2013, Prestel Verlag für    € 39,95 [button link=“http://www.randomhouse.de/Buch/Lucian-Freud/Sabine-Haag/e446876.rhd“ size=“small“ bg_color=“#4aa0b3″]Buy it![/button]
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