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Während viele Wiener Galerien noch bis Mitte November die Ausstellungen des VIENNAFAIR-Begleitprogramms „Curated by“ zeigen, bieten andere Galerien und Museen bereits wieder neue Highlights und laden zu sich ein. Fanny Hauser präsentiert ihre Ausstellungstipps für den November in Wien…

Bis 14. November zeigt Georg Kargl noch seine durchaus sehenswerte Ausstellung Additive Abstraktion, die im Rahmen der VIENNAFAIR konzipiert wurde. Gleich neben dem Haupteingang der Galerie findet man jedoch Zugang zu einer anderen Räumlichkeit: der Georg Kargl BOX. Für den 2005 eröffneten Ausstellungsraum konnte Georg Kargl den international anerkannten amerikanischen Künstler Richard Artschwager dafür begeistern, sich erstmals mit einer Fassadengestaltung auseinanderzusetzen und diese in Wien als dauerhafte Installation im öffentlichen Raum zu integrieren. Ziel der BOX liegt darin, vor allem junge und aufstrebende Künstler vorzustellen und ihnen einen Raum zu bieten, in dem flexibel und experimentell agiert werden kann. Bis 11. Januar können nun die Arbeiten des irischen Künstlers Gerard Byrne begutachtet werden. Byrne, dessen künstlerische Tätigkeit primär in Zusammenhang mit Fotografie und Video zu bringen ist, beschäftigt sich allem voran mit der Frage nach der Produktion von Bildern und ihrer Vermittlung. Stark von Literatur und Theater beeinflusst zieht Byrne häufig unterschiedliche Materialien hinzu, um dieser Thematik genauer auf den Grund zu gehen. Die aktuelle Ausstellung gibt einen Einblick in seine Recherchearbeit der letzten 10 Jahre, in der Byrne sich vor allem mit dem Mythos um das sagenumwobene Loch Ness-Monster auseinandersetzt. Mit verschiedenen Referenzen wie Fotografien, Texten und Archivmaterialien verwischt Byrne die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion und möchte eine Antwort auf die Frage finden: „Is it possible to capture an image of something that does not exist?“

Nur mehr bis 15. November kann die Ausstellung Silent Work bei Michaela Stock besucht werden. Davon ausgehend, dass die Pflicht der Kunst darin liegt, das soziale Bewusstsein wachzurütteln und einen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen, möchte die Ausstellung jene Pole, die die Aufmerksamkeit des Betrachters und die Kunst belasten, schwächen. Dazu befähigt sind sechs zeitgenössische, kroatische Künstler: Igor Eškinja, Aleksandar Garbin, Antun Maračić, Silvo Šarić, Predrag Todorović und Goran Trbuljak. Während Šarić sich vermehrt mit der räumlichen Wahrnehmung auseinandersetzt und Objekte und Installationen schafft, die bewusst dem Galerieraum entsprechen, wird uns beim Betrachten von Todorovićs Fields, Matrixes bewusst, wie empfindsam das menschliche Auge der sichtbaren Welt gegenüber ist. Infolge einer Vielzahl von linearen Impulsen werden die Metallzeichnungen des Künstlers zu einer atmenden Oberfläche, die aus vielen Anhäufungen besteht, welche wiederum einer endlosen Zahl von Kratzern ausgesetzt sind. Hieraus entsteht schließlich ein dichtes Energiegitter, das Bewegung erzeugt und abhängig vom Winkel des Betrachters seine Richtung ändert.

Eine unkonventionelle Ausstellung, in der nicht die gezeigten Werke, sondern deren Rahmen und Sockel im Zentrum stehen, bietet momentan das weisse Haus im 4. Bezirk. Sowohl KünstlerInnen als auch KuratorInnen müssen sich zwangsläufig immer wieder mit der Bedeutung von Rahmen und Sockeln auseinandersetzen. Die aktuelle Schau widmet sich daher eben diesen Objekten selbst und präsentiert Werke, die sich ebenfalls mit den Instrumenten dieser inszenierten Kunsterhöhung auseinandersetzen und diese transformieren. Zu sehen sind u.a. Arbeiten von Eva Beierheimer, Aldo Giannotti, Markus Hofer,  Franz Riedl und Philipp Schweiger. Die Galerie Hummel präsentiert momentan ihre aktuelle Herbstausstellung Gefühlsspeicher. Die Ausstellung möchte Kunstwerke präsentieren, bei denen das im Kunstwerk erhaltene Gefühl – sei es im abstrakten oder im naturalistischen Bereich – priorisiert dem Betrachter zur Wahrnehmung angeboten wird. Gezeigt werden u.a. Werke von Günter Brus, Man Ray und Franz West.

Freunde der Fotografie werden im November vor allem in der OstLicht Galerie fündig. Die aktuelle Schau zeigt Arbeiten der österreichischen Künstlerin Anja Manfredi und widmet ihr nun eine umfassende Werkschau, die rund 60 Arbeiten umfasst. Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden neuere und neueste Arbeiten der Künstlerin, die mit ausgewählten Stücken ihres bislang unveröffentlichten Frühwerks oder des bekannten Archivs der Bewegungen (2005-2007) konfrontiert werden. Charakteristisch für Manfredis Arbeitsweise ist das Prinzip der Collage, wodurch Verdichtungen erzeugt und Assoziationen geweckt werden sollen.

Ungefähr zeitgleich mit der diesjährigen VIENNAFAIR eröffnete die Albertina ihre neueste Ausstellung Dreaming Russia. Works from the Gazprombank Collection. Bis 1. Dezember gewährt die Albertina einen seltenen Einblick in die Arbeiten junger, russischer GegenwartskünstlerInnen, wobei der Fokus hier vor allem auf der Konzeptkunst Russlands liegt. Anhand 13 ausgewählter Positionen russischer Kunstschaffender (gezeigt werden u.a. Werke von Sergey Bratkov, Olga Chernysheva, Irina Korina und Arseniy Zhilyaev, bedient sich die Albertina verschiedenster Kunstgattungen und präsentiert Malerei wie Fotografie sowie Rauminstallation und Skulptur. Ermöglicht und finanziert wird dies – wie der Titel der Ausstellung bereits verrät – von keinem geringeren, als der drittgrößten Bank Russlands, der Gazprombank. Dass der Hauptsponsor sich nicht nur an der Finanzierung der aktuellen Ausstellung, sondern ebenfalls für die Ölforderung an der Arktis einsetzt, wussten auch zahlreiche Greenpeace-AktivistInnen, die am Tag der Ausstellungseröffnung mit Transparenten und einem schwarzen („Öl“-) Teppich protestierten. Der russische Künstler Leonid Tishkov, der mit einem Foto seiner Private Moon-Serie die Einladungskarte zur Ausstellung hätte zieren sollen, zog seine Teilnahme aus Protest gegen die Ölforderung der Gazprom in der Arktis und gegen die Verhaftung von dagegen protestierenden Greenpeace-Aktivisten zurück. Wer die vielerorts kritisierte Ausstellung ebenfalls meiden, auf die Albertina jedoch nicht verzichten möchte, dem sei noch die Ausstellung Albertina Contemporary empfohlen, die eine Auswahl von etwa 120 Werken aus den Beständen zeitgenössischer Kunst der Albertina zeigt und sich auf die Highlights der Sammlungen des Hauses fokussiert. Zu sehen sind u.a. Werke von Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Markus Lüpertz, Maria Lassnig, Arnulf Rainer und Herbert Brandl.

Wer die Umgebung Wiens gerne einmal näher erkunden möchte, dem sei ein Ausflug in die Sammlung Essl empfohlen. Mit LIKE IT! präsentiert das Essl Museum die erste ausschließlich von Mitgliedern eines sozialen Netzwerks erstellte und kuratierte Museumsausstellung. Die Werke wurden über ein Voting mittels Like-Button auf der Facebook-Seite des Essl Museums ermittelt. Die Schau wird von einer Gruppe von Gastkuratorinnen und -kuratoren eingerichtet, die sich über Facebook bewerben konnten. Gezeigt werden die 30 Werke bzw. Werkserien, welche die meisten „Likes“ erhalten haben, so u.a. Markus Bacher, James Connelly, Patricia Jagicza und Clemens Wolf. Die Ausstellung Sehnsucht Ich hingegen behandelt, anhand von zeitgenössischen Kunstwerken aus der Sammlung Essl die vielfältigen Strategien, über künstlerische Ausdrucksmittel das menschliche Sein und sich Selbst zu begreifen oder auch in Frage zu stellen.  Innerhalb unterschiedlicher Themenkomplexe wie „Junge Menschen“, „Mensch und Gesellschaft“ oder „Blick auf sich selbst“ werden Künstler wie Martin Kippenberger, Maria Lassnig oder Neo Rauch präsentiert. Ein Ausstellungshighlight sind die großformatigen Gobelins des amerikanischen Fotorealisten Chuck Close, die erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt werden.

Deutlich weiter weg gelegen, aber ebenfalls einen Besuch wert, ist die Kunsthalle Krems. Bis Ende Februar kann man dort die Yoko Ono gewidmete Retrospektive besuchen, die rund 200 Werke aus sechs Jahrzehnten ihres Schaffens präsentiert. Mit ihrem aus Objekten, Performances, Filmen, Fotografien, Kompositionen, Installationen, Handlungsanweisungen und Dichtungen bestehenden Gesamtwerk prägte die mittlerweile 80-jährige Witwe John Lennons die künstlerischen Innovationen des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Nach Eröffnung der Ausstellung traf Yoko Ono sich mit dem österreichischen Künstler Ernst Fuchs, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verbindet. Gemeinsam zerschnitten sie mehrere Globen, die sie wieder neu zusammensetzten. Das Video dazu („Globe Mending Piece“) wird bis 21. Dezember in der Hütteldorfer Fuchs-Villa im Rahmen der Ausstellung Interventions gezeigt. Neben dem Ergebnis dieser spontanen Aktion mit Ernst Fuchs können außerdem Onos – zum Teil mit John Lennon geschaffenen – Avantgarde-Filme aus den 1960er und frühen 1970er Jahren („Smile“, „Fly“, „Eye Blink“, „Match“ und „Freedom“) eingesehen werden, die nun in Beziehung zu den Gemälden von Ernst Fuchs gestellt wurden. Im Rahmen der Vernissage wurde außerdem Onos inzwischen in der Kunstwelt legendäre Performance „Cut Piece“ gezeigt, bei der die BesucherInnen einem Model, das unbewegt auf einem Bett liegt, mit Scheren langsam die Kleidung vom Leib schneiden dürfen.

//FANNY HAUSER

                                                                                                                                                                 

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