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Es hat 25 Jahre gedauert, bis die außergewöhnlich dynamischen Werke des in Vergessenheit geratenen österreichischen Bildhauers Andreas Urteil (1933-1963) wieder in einer Museumsausstellung zu sehen sind. Doch das Warten hat sich gelohnt, denn das 21er Haus präsentiert sein umfangreiches Werk in der Ausstellung „Zeit und Form“ in konsequent nachvollziehbaren Entwicklungsstufen. Nach so langer Windstille um den Künstler ist es wohl umso wichtiger bei seinen Wurzeln zu beginnen.

Denn Andrea Urteils Wurzeln liegen klar in der präzisen handwerklichen Ausführung selbst, kommt er doch aus einer traditionellen Steinmetzfamilie. Nach abgeschlossener Gesellenprüfung wurde er 1953 Schüler von Fritz Wotruba, der ihm die Wichtigkeit einer durchdachten Konstruktion näher brachte. Doch er hielt sich nicht lange allzu eng an seinen Lehrer, sondern entwickelte schnell ein international beachtetes und eigenständiges Werk. Anhand der rund 30 gezeigten Arbeiten kann man seine Entwicklung von der klassischen Bildhauerei bis hin zu seinem ganz eigenen konstruierten aber doch expressionistischen Stil nachvollziehen. Sein Werk umfasst Arbeiten aus vielen verschiedenen Materialen wie Ton, Gips, Bronze, Stein und Holz. Bei seinen frühen Werken spürt man eine präzisiert ausgeführte Auseinandersetzung mit der Renaissanceskulptur, was bei den europäischen Bildhauern der 1950er Jahre nicht unüblich war. Diese Antikenrezeption wird an der Gipsfigur Jüngling, schleudernd (David) (1949) deutlich, außerdem beweist Urteil hier die perfekte Beherrschung seines Handwerkes. Durch die starke Thematisierung von Bewegungsabläufen könnte man ihm leicht eine inhaltliche Fortführung des Futurismus unterstellen. Jedoch war Urteil ein Bildhauer der Nachkriegszeit und die Dinge hatten sich geändert. Wurden im Futurismus Maschinen noch hoch gelobt und als Inbegriff der Zukunft schlechthin gesehen, begann man nach den schrecklichen Ereignissen des 2. Weltkrieges den Menschen selbst wieder mehr in den Mittelpunkt der Kunst zu stellen.  So ging es bei Urteils bildhauerischen Experimenten keineswegs um die Fortsetzung des Futurismus, vielmehr verfolgte er das von Wotruba propagierte Festhalten an der menschlichen Figur und dessen komplexen Bewegungsabläufe. Seine Inspiration kam dabei stark aus dem Bereich der abstrakten Malerei – nicht zuletzt, weil er viele Maler als Freunde hatte, die ihn inspirierten.

Fritz Wotruba verbrachte in seinen Unterrichtsstunden viel Zeit damit seinen Schülern das strenge Konstruieren und Durchdenken der Skulpturen und Plastiken näherzubringen. Außerdem wollte er, dass die menschliche Dimension als Ausgangspunkt nicht aus den Augen verloren wird. So wirken Urteils Werke, vor allem die späteren, zwar in ihrer Oberflächenstruktur expressiv, jedoch sind sie streng konstruiert, wie er es  gelernt hatte. Seine Arbeiten bis 1957 rezipieren mit ihrer klassisch-figurativen Erscheinung noch stark  Werke von Wotruba selbst, doch nach und nach findet Urteil seinen eigenen Platz in der Bildhauerei. Mit der fortschreitenden Emanzipation des Schülers kann man stärker abstrahierte Gestaltungsweisen in seinem Werk beobachten. Im Jahre 1958 kam es dann endgültig zum Wechsel hin zu einer informellen Darstellungsweise. In diesem Jahr entstanden dann auch die erste imaginären Werke, wie imaginärer Reiter (1958) und imaginäre Figur (1958). Diese Werke weisen noch eine kleinteiligere organische Formensprache auf, die stark an menschliche Knochen und Wirbel erinnert. Es entstanden dynamisierte, komplexe und rhythmische Plastiken, die ab den 1960ern immer organischere Elemente aufwiesen. An der Bronzefigur Figur, gedreht (1961) lassen sich Zerklüftungen, Furchungen sowie knochen- und wulstartige Strukturen erkennen. Diese organischen Elemente werden von da an bezeichnet für sein Werk und sind in Bronzefiguren wie Der Fechter (1960), oder auch Der Wächter (1962) präzisiert durchdacht und expressionistisch anmutend ausgearbeitet.

Sein in nur wenigen Jahren entwickeltes, variationsreiches Formenvokabular mit wandlungsfähigen Formenelementen, lässt die Frage aufkommen, wie sich das jäh abgebrochene Werk von Urteil wohl entwickelt hätte. Mit seinen dynamischen Formenbewegungen, organischen Elementen und informellen Darstellungsweisen hat Andreas Urteil einen Weg gefunden die Krise der Bildhauerei in der Nachkriegszeit zu überwinden und die Formen der klassischen Skulptur aufzubrechen, ohne sie dabei ganz zu zerstören. Die intensive Beschäftigung mit der Dynamisierung der Form, sowie das Aufsprengen der Gattungsgrenzen führten selbst in seiner kurzen Schaffensphase dazu, dass seine Formensprache international Anklang fand. Umso wichtiger scheint es, sich diese künstlerische Position in Erinnerung zu rufen, denn sein Oeuvre ist zu umfangreich, um es unerwähnt in Vergessenheit geraten zu lassen.

// Anna Maria Burgstaller

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