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Yoko Ono (geb. 1933 in Tokio), ist nicht nur der Name einer berühmten Vertreterin der Fluxusbewegung, sondern auch eine Marke. Jeder hat diesen Namen schon einmal irgendwo gehört oder gelesen, Yoko Ono ist omnipräsent, nicht zuletzt weil sie mit John Lennon verheiratet war. Sie ist eine der ersten, die die konventionelle Betrachtungsweise der Kunst hinterfragten. Mit ihren Instruction Paintings treibt sie den Konzeptualismus auf die Spitze und gibt ihrer Kunst somit einen neuen Horizont. Ono entthront die Kunst, wirft sie von ihrem Sockel und entmachtet den Wert des Originals. Mithilfe ihrer genauen Anweisungen kann jeder zum Ausführenden ihrer Kunst werden, und somit wird das Kunstwerk auch lebendig, es formt sich unentwegt und wird von jedem neu interpretiert und ausgeführt. Dieses Infragestellung des Kunstverständnisses, ihre künstlerischen und humanistischen Intentionen, und ihre unkonventionelle Art ihren Unmut auszudrücken, haben ihren Namen wohl weltweit so berühmt gemacht.

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Instruction Painting erlaubt die Erforschung des Unsichtbaren, der Welt jenseits der bestehenden Konzepte von Zeit und Raum. Dann, manchmal erst einige Zeit später, verschwinden die Anweisungen und geraten vollständig in Vergessenheit.

(Yoko Ono, in: Yoko at Indica, Indica Gallery, London 1966)

Die Instruction Paintings spielen in dem Gesamtwerk Yoko Onos eine zentrale Rolle, es sind poetische Ideen, meist politisch motiviert. Yoko Ono bricht mit den Konventionen und entwickelt ihren eigenen Kunstbegriff. Die äußere Form ihrer Kunst gestaltet sich durch die Verwendung vieler Medien vielfältig, jedoch zieht sich ihre Gesellschaftskritik wie ein roter Faden durch das gesamte Werk und bildet so eine Verbindung zwischen Text, Film, Fotografie und Performance. Yoko Onos Arbeiten in einem musealen Umfeld zu entdecken ist ungemein spannend, weil ihr es gelingt das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter zu lockern, indem sie stark auf interaktive Darstellungsformen setzt. So wird man immer wieder dazu aufgefordert, sich als Betrachter selbst an der Kunst zu beteiligen, und dass nicht nur durch die zahlreich ausgestellten Anweisungen zur Ausführung. Bei ihrem Painting to be stepped on (1961), wird man aus seiner passiven Rollen gelockt, indem man selbst aktiv ein Bild mitgestaltet. Doch auch ihr Air Dispenser (1971) – ein alter Kaugummiautomat mit leeren Plastikkapseln – fordert den Betrachter auf selbst aktiv zu werden. Ein sozialkritischer Kommentar, der aus der starken Auseinandersetzung mit den vier Elementen entstand und die Luft die wir atmen als Ware in einem Automaten präsentiert. Besonders beeindruckend ist aber auch Yoko Onos Verständnis für die leicht zu beeinflussende Psyche des Menschen. Ihre Danger Box (1971), im Wesentlichen einfach nur eine durchsichtige Box aus Plexiglas mit einer kreisrunden Öffnung, konfrontiert einen mit der Kraft der eigenen Imagination. Durch das Anbringen einer Warntafel, die vor dem Reingreifen durch die Öffnung warnt, wird eine innere Barriere aufgebaut, obwohl man mit eigenen Augen sieht, dass sich nichts in der Box befindet. Diese Barriere zu überwinden kostet tatsächlich Mut, und das nur, weil man von einem Schild davor gewarnt wird. Dieses Entwaffnen der menschlichen Psyche ist es was ihr unkonventionelles Werk so außergewöhnlich macht. Neben den interaktiven Ausstellungsstücken werden auch mehrere Filme ihrer Performances gezeigt. Mit Cut Piece (1964) ist eine ihrer bekanntesten Performances vertreten, zu der es auch klare Anweisungen gibt. Yoko Ono sitzt alleine und völlig ruhig da, während nach und nach ZuschauerInnen einzeln zu ihr treten, um mit einer Schere ihre Kleidung zu zerschneiden. Dies ist nur eine von vielen Performances, die so gestaltet wurden, dass sie jeder ausführen kann.  Neben den interaktiven Arbeiten, den Filmen und Fotografien wird auch ihre Beziehung zur Musik thematisiert. Im Großen und Ganzen ist man also sehr darum bemüht die Vielfältigkeit in ihren Arbeiten zu veranschaulichen, was mit Sicherheit keine leichte Aufgabe ist.

Die Retrospektive „Half-A-Wind Show“ in der Kunsthalle Krems bildet ein gutes Beispiel für das tiefgehende künstlerische Spektrum Yoko Onos. An den rund 200 Werken, die aus sechs Jahrzehnten ihres Schaffens gezeigt werden, kann man sowohl Neues, als auch die Konstanten in ihren Werken erkennen. Die Erwartungshaltung bei einer Künstlerin von solch einer weltweiten Präsenz ist unbestritten hoch. Doch Yoko Ono beweist mit dem Aufgreifen von vielen verschiedenen Darstellungsformen – wie Film, Musik, Performance- und Konzeptionskunst – einmal mehr, dass ihr Oeuvre schwer einzuschätzen ist, weil sie durch ihre Vielseitigkeit immer neue Seiten ihres Schaffens präsentiert. Durch die Aufforderung an den Betrachter sich aktiv zu beteiligen, gelingt es ihr das passive Verhältnis zwischen Betrachter und Kunstwerk aufzulösen und jeden zur aktiven Imagination einzuladen. Ausschlaggebend für ihr epochales Gesamtwerk ist dabei sicherlich die immer wieder betonte Kommunikation als zentrales Thema. Ihre vorgegebenen Konzepte sind stark auf das Nötigste reduziert, jegliche Umschreibungen sollen vermieden werden, um alles so einfach und klar wie möglich zu halten. In dem dauerwährenden Kampf zwischen Realität und Identität steht das individuelle Ich den globalen Interessen klar gegenüber. Die Kraft der Kunst und desjenigen, der sie ausführt, bringt dieses Spannungsfeld zum Ausdruck.

// Anna Maria Burgstaller

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EMPFEHLUNG | KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Ingrid Pfeiffer/ Max Hollein (Hrsg.), Yoko Ono. Half-A-Wind Show, 2013, gebundenes Buch, 208 Seiten, 134 farbige Abbildungen, 114 s/w Abbildungen. Für € 39,95,- im Prestel Verlag.

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AUSSTELLUNG | YOKO ONO. HALF-A-WIND SHOW

Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. Februar 2014 in der Kunsthalle Krems. Mehr Infos unter www.kunsthalle.at

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