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Vive la France! – Die drei nackten Fußballspieler des Künstlerduos Pierre et Gilles auf den Plakaten des Leopold Museums zierten vor genau einem Jahr die Straßen Wiens und sorgten – ebenso wie Ilse Haiders gigantischer Mister Big im Museumsquartier – für große Aufregung. Die Ausstellung Nackte Männer konnte von 19.10.2012 bis 4.3.2013 besucht werden und gilt mit ihren fast 200.000 BesucherInnen als eine der erfolgreichsten Ausstellungen des Leopold Museums. Das Musée d’Orsay in Paris übernahm das Konzept des Leopold Museums und beleuchtet nun ebenfalls das Sujet des nackten Mannes in der Bildenden Kunst. Fanny Hauser war vor Ort.

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In seiner aktuellen Ausstellung Masculin/Masculin. L’homme nu dans l’art de 1800 à nos jours.[1] stellt das Musée d’Orsay in Paris den männlichen Akt in der Bildenden Kunst in den Mittelpunkt und deckt eine Zeitspanne von rund 200 Jahren ab. In Kooperation mit dem Leopold Museum in Wien präsentiert das Pariser Museum zur Thematik passende Werke aus Malerei, Bildhauerei, Grafik und Fotografie, die von 1800 bis heute entstanden sind. Um die Proteste, mit denen das Leopold Museum aufgrund ihrer provokanten Plakate konfrontiert wurde zu vermeiden[2], beschloss das Musée d’Orsay an Stelle der nackten Fußballspieler auf einen nackten Rückenakt (Mercure, 2008) des Künstlerduos Pierre et Gilles zurückzugreifen. Ferner stößt man in den Straßen von Paris auf Jean-Baptiste Frederic Desmarais’ neoklassizistischem Le Berger Pâris aus dem Jahre 1787, der die Plakate der Ausstellung ebenfalls ziert. Wer die nackten Fußballspieler dennoch in voller Pracht begutachten möchte, hat noch bis 2. Januar 2014 Zeit die Pariser Ausstellung zu besuchen.

Während die Themenschau des Leopold Museums sich vor allem chronologisch entfaltete und die BesucherInnen mit einer Art Prolog begrüßte (zu sehen waren fünf große Plastiken von u.a. Auguste Rodin und Heimo Zobernig, die das Thema „Nackte Männer“ in der abendländischen Kunst beleuchten sollten), wird die Ausstellung im Musée d’Orsay primär in unterschiedliche Themengebiete unterteilt. Eingeleitet wird die Ausstellung mit dem Idéale classique (Das klassische Ideal), zu welchem nicht nur Gemälde von Jacques-Louis David, Guido Reni und Théodore Géricault zu sehen sind, sondern gleichermaßen Werke von William Blake und Gustave Moreau sowie fotografische Arbeiten von Raymond Voinquel, Hermann Haid und Louis Igout. Zu den zentralen Themen zählen christliche wie auch mythologische Darstellungen männlicher Körper, allen voran jene antiker Götter oder Helden, bei deren Darstellung individuelle Merkmale abgeschwächt wurden. Als Begründer der Ästhetik in Deutschland im 18. Jahrhundert inspirierte vor allem Johann Joachim Winckelmann zahlreiche Künstler dazu, den männlichen Akt der Antike neu zu interpretieren. Die Themenkomplexe Le Nu héroique (Die Aktdarstellung des Helden) und Dur être héro (Von der Schwierigkeit, ein Held zu sein) präsentieren vermehrt moderne und zeitgenössische Werke, darunter Arbeiten von Pablo Picasso, Man Ray und Herbert List. Das Konzept des Helden, der sich nicht nur durch einen vollkommenen Körper, sondern auch durch Tugendhaftigkeit und edle Werte definiert, gilt als Erbe des antiken Griechenlands. Da der mythologische Held jedoch meist gegen eine etablierte Ordnung verstößt, zieht er nicht nur den Zorn der Götter, sondern gleichermaßen die Eifersucht der Menschen auf sich, was ihn nicht selten zum Träger eines dramatischen, oft qualvollen Schicksal macht. Der Maler Johann Heinrich Füssli versuchte dies in Herakles erlegt den Adler des Prometheus (um 1781) zu thematisieren, während Joseph Désiré Court den Tod des Hippolyt (1828) als Bildinhalt wählte. Im Zuge der Männlichkeitskrise des 20. Jahrhunderts wurde der Status des Helden erneuert und dem Zeitgeist angepasst; seine körperlichen Eigenschaften diversifizierten sich, was Porträts von populären Männern wie dem Musiker Eminem oder Yves Saint-Laurent unterstreichen möchten. In Les Dieux du stade (Die Götter des Stadions) werden vor allem jene Werke präsentiert, die sich in die Konzeption des „Sportlers“ eingliedern lassen. Nachdem der männliche Körper im Laufe des 19. Jahrhunderts vermehrt aus einem medizinischen und hygienischen Interesse heraus betrachtet wurde, wurde die athletische Morphologie des Mannes im 20. Jahrhundert zu einem neuen potentiellen Schönheitsideal erhoben, das an die griechisch-römischen Vorbilder erinnert. Zu sehen sind in diesem Zusammenhang u.a. Arbeiten von Karl Sterrer (Der Titan, 1910) und Alexandre Falguière (Lutteurs, 1875), aber auch von zeitgenössischen Künstlern wie Pierre et Gilles (Vive la France, 2006 und Achille, 2011) und Kehinde Wiley (Ecce homo, 2009), die diese Idee in ihren Arbeiten fortsetzen. Die unter dem Titel Nuda Veritas gezeigten Werke untersuchen vor allem die Aussagekraft des Aktes und die damit einhergehende Selbstbefragung unterschiedlicher Künstler im 20. Jahrhundert.

Nicht zuletzt die Arbeiten von Egon Schiele werden hier zahlreich zur Schau gestellt, wurde Schiele doch durch die Ausdrucksstärke des Aktes dazu inspiriert seine existenziellen Ängste in Darstellungen des eigenen Körpers auszudrücken. Wie der Titel des Themenkomplexes Sans complaisance (Schonungslosigkeit) bereits verrät, räumt das Musée d’Orsay auch jenen Künstlern einen Platz in der Ausstellung ein, deren Werke von einer Faszination für die Wirklichkeit durchdrungen sind. Dominiert wird der Raum zweifelsohne von Ron Muecks Dead Dad (1996/97). Die Plastik des australischen Bildhauers, der primär für seinen Hyperrealismus und seine Menschenplastiken bekannt geworden ist, stellt den nackten, liegenden verstorbenen Vater des Künstlers dar. Die hyperrealistische Darstellung lässt einzelne Falten, Poren und Haare erkennen; einzig die minimierte Körpergröße der Figur (102 cm) fällt aus dem wahrheitsgemäßen Konzept der Arbeit heraus. Durch die Größenveränderung der Figur verleiht Mueck dem toten Körper seines Vaters eine Ausdrucksstärke, die mit dem Leichnam auf dem dahinter angebrachten Gemälde von William Bouguereau (Gleichheit vor dem Tod, 1848) verglichen werden kann. Als weiteres Exempel für realistische Bildhauerei wird ferner Auguste Rodins Balzac präsentiert, der unbeschönigt und wirklichkeitsgetreu wiedergegeben wurde. In der Natur erzählt die Geschichte des männlichen Aktes, der im Zuge des technischen Fortschritts und der Urbanisierung innerhalb der Gesellschaft eine neue Bedeutung erhält. Als Ausgleich für die Exzesse und die Entwurzelung, die das moderne Leben mit sich bringt, sehnt sich der Mensch danach, sich im Einklang mit der Natur zu fühlen. Gezeigt werden in diesem Zusammenhang Werke von Edvard Munch, Paul Cézanne, Kolomann Moser und Hippolyte Flandrin, aber auch fotografische Arbeiten von Wilhelm von Gloeden und Robert Mapplethorpe. Von weniger Idylle zeugt jener Ausstellungsabschnitt, der das Publikum mit verschiedenen Werken zum Thema Dans la douleur (Unter Schmerzen) konfrontiert: Der Bruch mit den klassischen Regeln sowie der Untergang des akademischen Aktes beflügelte die KünstlerInnen dazu, den männlichen Körper aus einer neuen Perspektive zu betrachten und den körperlichen Leiden und Qualen Ausdruck zu verleihen. Die Verzerrungen des Körpers können auch Ausdruck psychischer Qualen sein. Auch spiegelt der Schmerz des männlichen Körpers die Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen in der heutigen Epoche wieder: Der nackte Körper kann entwürdigend wirken und die männliche Dominanz in Frage stellen, weshalb auch die französisch-US-amerikanische Bildhauerin Louise Bourgeois für ihren Arch of Hysteria (1993) eine männliche Figur auswählte. Ferner werden u.a. Arbeiten von Francis Bacon (Lying Figure, 1963 und Tryptich – Three people in a room, 1964) und David LaChapelle (Would-Be Martyr and 72 virgins, 2008) gezeigt. Im letzten Teil der Ausstellung gehen zwei scheinbar äußerst konträre Sujets ineinander über: Le Corps glorieux (Der glorreiche Leib) untersucht jene Darstellungen von Heiligen, die zunehmend von katholischen Dogmen abweichen und ihr Hauptaugenmerk auf die Sinnlichkeit der gefolterten Märtyrer-Körper legen. Vor allem die Figur des Heiligen Sebastian, der bereits seit dem 17. Jahrhundert meist als spärlich bekleideter, attraktiver Jüngling dargestellt wurde, ist zentral.[3] Zu sehen sind unterschiedliche Interpretationen des Heiligen, so auch Werke von u.a. Gustave Moreau und Claude Ferdinand Gaillard, aber auch von modernen und zeitgenössischen Künstlern wie Ángel Zárraga oder Alfred Courmes. La Tentation du mâle (Die Versuchung des Mannes) und L’Objet du désir (Das Objekt des Begehrens) leiten abschließend noch in ein Thema über, das im Rahmen einer Ausstellung zu „Nackten Männern“ unausweichlich scheint und untersuchen jene Werke, die im Zuge der Liberalisierung im 20. Jahrhundert eine (oft homosexuelle) Erotik zum Inhalt haben. Während sich die Darstellung körperlicher Anziehung bisher auf private Interieurs beschränkte, wird sie nun in ausschließlich männlichen Kreisen wie in Gemeinschaftsduschen oder unter dem Deckmantel der platonischen Antike unverhüllt zur Schau gestellt. In diesem Zusammenhang präsentiert das Musée d’Orsay u.a. Arbeiten von Jean Cocteau, Andy Warhol und David Hockney. Der männliche Körper war in der Kunst lange Zeit Gegenstand einer „Objektivation”, was sich in der grenzenlosen Bewunderung griechisch-römischer Akte manifestierte. Als im Laufe des 19. Jahrhunderts der weibliche Körper erotisiert wurde, bedeutete dies einen Bruch für die traditionelle Virilität des männlichen Aktes. Im Zuge der Emanzipation des Sexualverhaltens im 20. Jahrhundert wurde der männliche Körper schließlich häufig stark sexuell geprägt und die einst negierten individuellen Merkmale gerieten wieder vermehrt in den Vordergrund. Als zeitgenössisches Exempel können hier nochmals die Arbeiten von Pierre et Gilles herangezogen werden, in denen oftmals mythologische Sujets mit zeitgenössischen Porträts verschmelzen.

Die Ausstellung Masculin/Masculin bietet zweifelsohne einen umfassenden Einblick in das Konzept des nackten Mannes und seiner Entwicklung in der Bildenden Kunst. Wie auch schon das Leopold Museum, bezog das Musée d’Orsay die gezeigten Werke primär aus dem eigenen Bestand sowie aus öffentlichen französischen Sammlungen, wodurch sich die leider etwas spärlich geratene bzw. einseitige Ausrichtung auf das aktuelle Kunstgeschehen und der umso stärkere Fokus auf neoklassizistische Arbeiten möglicherweise erklären lässt. Das Stadtmuseum in München stellte dem Musée d’Orsay insgesamt 15 Fotografien zur Verfügung, während die Werke von Egon Schiele, Richard Gerstl, Kolo Moser und Anton Kolig aus der Sammlung Leopold in Wien übernommen wurden. Zu den insgesamt fünf Kuratoren der Pariser Ausstellung gehört auch Tobias Natter, der ehemalige Direktor des Leopold Museums, der bereits die Wiener Ausstellung gemeinsam mit Elisabeth Leopold kuratierte. Die thematische Konzeption der Ausstellung ist durchaus sinnvoll gewählt und ermöglicht es dem Betrachter/der Betrachterin größere, epochenübergreifende Zusammenhänge zu erkennen, anstatt einer bloß chronologischen Entwicklung zu folgen. Gemälde, Fotografien und Skulpturen werden nebeneinander präsentiert, wodurch nicht nur epochenspezifische Unterschiede deutlich gemacht, sondern gleichsam mediale Kontraste hervorgehoben werden. Die Pariser Ausstellung möchte die bisherigen Grenzen des Museums überschreiten und erhielt wie auch schon die Wiener Themenschau große mediale Aufmerksamkeit. Im Vergleich zur Wiener Ausstellung mutet die Schau im Musée d’Orsay jedoch auffällig zurückhaltend an, was sich nicht zuletzt in der deutlich prüderen Wahl der Ausstellungsplakate manifestiert. Auch die Unterrepräsentanz des weiblichen Geschlechts fällt auf: Widmete das Leopold Museum mit Werken von Maria Lassnig, Louise Bourgeois, Nan Goldin, Elke Krystufek und Katarzyna Kozyra einen seiner drei chronologischen Themenblöcke dem weiblichen Blick auf nackte Männer, fehlt dieser Aspekt in der Pariser Ausstellung bedauerlicherweise fast gänzlich.

Die Tatsache, dass bloß sehr wenige der 200 Exponate bereits im Leopold Museum gezeigt wurden, sowie die beeindruckende Sammlung des Museums und die imposante Architektur des ehemaligen Bahnhofs (Gare d’Orsay), sind jedoch Anreiz genug, dem Musée d’Orsay bei Gelegenheit einen Besuch abzustatten und sich einen weiteren Überblick über 200 Jahre kunsthistorischer Virilität zu verschaffen.

           // Fanny Hauser

 

EMPFEHLUNG

Der begleitende Katalog erschien bei Flammarion und dokumentiert die Ausstellung in rund 300 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen.



[1] Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die vielbeachtete Ausstellung Masculin/Feminin aus dem Jahre 1995/96 im Pariser Centre Pompidou, die damals Fragen zu Genderproblemen erörterte.

[2] Nach einigen Protesten von Seiten der Bürger ließ das Leopold Museum die Ausstellungsplakate zensieren und überklebte den Intimbereich der Abgelichteten mit Balken.

[3] Der Heilige Sebastian überlebte sein erstes Martyrium und verkörpert deshalb den Sieg des Lebens über den Tod. Seine unkonventionelle Darstellungsweise kann hierauf zurückgeführt werden.

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