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Mario Neugebauer ist bekannt für sein Sujet des Automobils – seit vielen Jahren beschäftigt sich der Künstler mit der Beschleunigung, dem Tempo und transportiert damit seine Leidenschaft zum Rennsport in die Kunst. Am 05. Dezember 2013 eröffnet er seine neue Ausstellung αὐτός in der Galerie VIERTELNEUN und präsentiert ausgewählte Arbeiten der letzten Jahre. Sabrina Möller hat Mario in seinem Atelier besucht und mit ihm über seine Arbeiten und die kommende Ausstellung gesprochen…

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Ein immer wiederkehrendes Motiv in deinen Arbeiten ist das Auto, was nicht zuletzt damit zu begründen ist, dass du neben deiner Ausbildung zum Karosseriebauer in einem sehr autofokussierten Umfeld aufgewachsen bist. Warum war es für dich wichtig, diese Thematik nun auch noch in deine Kunst zu transportieren? 

Das ist ein Thema der Authentizität – das geht zurück bis zu meinem zehnten Lebensjahr, als ich Motorradrennen gefahren bin. Ein Teil dieser Ausübung war, dass ich auch selbst für die Instandsetzung des Motorrads verantwortlich war. Woran ich mich immer noch gut und gerne erinnere ist dabei das Auswaschen des Luftfilters mit Benzin, den ich am Schluss noch mit einem speziellen Motorfett abdichten musste. Dieser Vorgang – das Waschen des Filters – geschah mit der Hand. Ich habe heute nach über zwanzig Jahren immer noch diesen Geruch in der Nase, wenn ich daran denke wie meine Hände nach diesem Prozess gerochen haben. Diese Mischung von Benzin mit Fett – den Geruch krieg ich einfach nicht mehr aus dem Kopf!

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… und was hat das nun mit der Kunst zu tun?

Solche Dinge – Banalitäten, Fetischismen und Leidenschaften – möchte man ja nur schwer von sich wegdrängen, wenn man mit einem Kunststudium beginnt. Bei mir war es zunächst der Fall, dass ich alles andere gemacht hatte bis auf dieses Thema. In meinem zweiten Jahr des Studiums war ich nach Franz Graf in der Klasse bei Daniel Richter – ich ging dennoch zu einem Erstgespräch mit Heimo Zobernig. Und das war die zweite gravierende Kerbe in meiner Entwicklung. Er hat sich meine Arbeiten durchgesehen und meinte: „Ja, ganz gut. Nicht schlecht. Man erkennt Talent. Aber… hm… joa!“ Es war also mehr mit einem Lächeln im Gesicht; ganz nach dem Motto: Joa, was soll ich dazu sagen? Und ich dachte nur: Okay, das haut den jetzt nicht gerade von den Socken!

Wir sprachen dann darüber was ich sonst noch mache und ich erzählte ihm, dass ich an einem alten Wagen arbeite… und ich griff dann schon direkt über in die Historik der BMW Geschichte und hatte einfach wirklich was zu sagen. Er meinte darauf nur: „Hey, das ist es doch! Was machst du da? Was tust du da herum? Das ist dein Thema. Dein Ding. Greif das auf, experimentier!“ Ich war zunächst eher schüchtern, schließlich wollte ich nie enden als der Typ, der aus alten Autoteilen Roboter zusammenschweißt oder einen auf technisches Museum macht. Flammeninstallationen, offene Verbrennungsmotoren oder so ein Kack!  

Das waren dann aber letztendlich die Dinge warum ich das Thema dann mehr oder weniger in die Kunst transportiert habe. Und ich finde auch, dass das authentisch ist.

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Du gehst noch einen Schritt weiter, indem du nicht nur inhaltlich immer wieder diese Thematik aufgreifst, sondern vor allem auch Materialien verwendest, die primär im Automobilbereich beheimatet sind. Du experimentierst mit Materialien und verschiedenen Zuständen oder Produktionsverfahren. Was macht diese Materialien für die Kunst so interessant?

Der Titel der kommenden Ausstellung ist aus dem griechischen „αὐτός“ übernommen und ist aufgrund des Fotos auf der Einladung – auf dem der Motor meines Wagens abgebildet ist – eher ein Umbruch, weil das Ganze mehr die Autonomie oder das Selbstbezogene reflektiert. Womit wir auch wieder bei der Authentizität wären…

Die Materialien spielen eine große Rolle, weil es da auch wahnsinnig viele Möglichkeiten gibt, aus den Vollen zu schöpfen und das in die Kunst zu transportieren. Nimmt man etwa die Standobjekte, die ich wahnsinnig gerne bearbeite: Das ist für mich wie Malen im dreidimensionalen Raum. Ich male nicht mit einem Pinsel, aber mit etwas was so ähnlich ausschaut – ein Schweißbrenner – und statt die Pinselhaare in die Farbe zu tauchen kommt vorne eben die Flamme raus. Und mit dieser Flamme kann ich zum Beispiel über das Aluminium „streicheln“. Je nachdem wie lange ich an dem Punkt des Aluminiums verharre, verändert sich die Oberflächenwärme und die Struktur. Je nach Tempo habe ich also einen Streifen gezogen, oder dieser ist viel tiefer. Wenn ich länger verharre spritzt  das Material weg, platzt auf, tropft weg und verhärtet an einer anderen Stelle wieder. So kann ich abstrakt malen und gleichzeitig das Ganze dreidimensional neu aufbauen. Damit entferne ich mich von der strukturierten und bisher als Malerei empfundenen Flachware und Leinwand.

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Was interessiert dich zum Beispiel an dem Material Carbon? Es ist ja nicht nur ein extrem teures Material, es bedarf auch eines gewissen Hintergrundwissens für den Umgang. Kannst du in deiner Kunst über die Verwendung im Automobilbereich hinausgehen und das Material anders inszenieren?

Absolut! Ein gutes Beispiel ist das Pinstriping. Eben erst habe ich einen Maybach Bericht gelesen: Bei der neuen Limousine gibt es nicht nur hundertfache Möglichkeiten der Farbvariation, sondern der Streifen auf der Seitenwand – der letzte Schliff sozusagen – wird von einem Prinstriper, einem Handmaler, ausgeführt. Freehand mit einem Pinstriping-Pinsel aus Eichhörnchen-Schwanzhaar. Das ist eine wahnsinnig tolle Sache! Aber die Pinstriperszene – eine Szene, die sich rund um das Pinstriping und Airbrushing aufgebaut hat – ist aufgrund ihrer technischen Möglichkeiten festgefahren. Aus ihrer Ornamentik kommen sie einfach nicht mehr raus. Es ist immer dieselbe Kacke! Und in der Automobilbranche geht es eher immer darum, dass es leichter, leichter und noch leichter wird. Stabil, kostengünstig und zudem noch leicht. Bei mir fallen diese Komponenten weg. Ich kann mit dem Material machen was ich will.

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Kannst du uns ein Beispiel nennen?

Ein gutes Beispiel wäre mein Sujet vom Brunnen im öffentlichen Raum. Bei dem inszeniere ich einen riesigen Brocken, der wie ein Stück Lavagestein ausschaut – allerdings in der Dimension eines Autos. Bei näherer Betrachtung sieht man, dass es ein schwarzer, verstärkter Kunststoff ist – Carbon. Mit dem Material kann ich alles überziehen. Bei mir muss es weder leicht sein, noch einen Crash kompensieren. Es muss ästhetisch sein und eine Aussage treffen. Darum kann ich mich da sehr frei bewegen.

Ich verwende für meine Außenhaut das, was die Industrie als die Rückseite des Carbons ansieht. Es ist also keine homogene, glatte und makellose Oberfläche, sondern meine sichtbare Seite ist eher rau und hat Unebenheiten. Diese Seite ist sehr haptisch: Wie eine brandneue Jeans, die man auf der Haut trägt. Kommt diese Oberfläche mit Wasser in Berührung, so glättet das Wasser die Unebenheiten und das Licht wird anders gebrochen. Dadurch entsteht ein enormer Spielraum zwischen matten und flachen Flächen sowie denen, wo das Wasser läuft: Es beginnt zu schimmern und es geht in die Tiefe. Dieses Zusammenspiel alleine finde ich schon wahnsinnig toll. Und sowas findet sich in der Automobilbranche natürlich nicht.

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Es gibt bei deinem Brunnen ja eine Crash-Analogie; das Carbon als die übrig gebliebene, komprimierte Masse nach einem Unfall. Wenn man sich nun aber ein wenig mit dem Material beschäftigt, dann weiß man, dass Carbon bei einem Unfall extrem splittern würde. Warum trotzdem die Analogie?

So wie ich es darstelle – es sieht eher wie ein riesiger Lavastein aus – hat es schon einen anderen ästhetischen Standpunkt. Dieser Crash ist ja eigentlich nur ein Nebenaspekt des Geparkten. Mehr oder weniger steht da ein Klumpen herum, der an etwas erinnert. Ich weiß gar nicht, ob der an einen Crash erinnert. Eher an etwas, was vielleicht mal in einer anderen Form war und das durch eine Kaltverformung in diese Position gekommen ist.

In erster Linie geht es mir jedoch nicht um die Verdeutlichung eines Crashes mit der Carbon-Faser, sondern um die Frage der Kinetik. Inwieweit muss sich ein Körper bewegen, um als kinetisch gelten zu können? Oder: Was muss sich bewegen, um Kinetik darzustellen? Ist es zum Stillstand gekommen und kann es sich vorher bewegt haben?

Da gibt es einige Fragen, die ich mir da stellen kann, die aber ganz weit vom Crash und dieser Analogie entfernt sind.

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Gibt es einen inhaltlich motivierten Zugang? Implizieren deine Arbeiten etwa eine Kritik an der Automobilbranche oder ist es rein ein Spiel das formal und durch die Materialien motiviert ist?

Es gab mal eine malerische Serie von mir mit Arbeitern und Schweißern. Ich nannte sie damals: Made in Heaven. Der Titel war angelehnt an Jeff Koons und seine damaligen Freundin Cicciolina. Die Serie war unterteilt: Unten platziert waren die Arbeiten mit Männern, die zwar in den Himmel blickten, aber der Blick zum Himmel war durch ihre Arbeit am Boden immer durch eine rostige Platte verborgen. Die obere Serie hingegen war besetzt durch freilebende, leichtbekleidete Damen, die in einem Liebesbezug mit einem Luxussportwagen standen. Das Thema war da sehr klar die Arbeiterklasse sowie die obere Gesellschaftsschicht. Auf der einen Seite wollen Beide nichts miteinander zu tun haben, aber in der Werkstatt treffen sie dann zusammen. Der Eine muss sich um ein Automobil kümmern, das er nie besitzen wird und der Andere ist froh, dass er es einfach irgendwo hinbringen kann, wo es gewartet und gepflegt wird. Und das ohne sich selber die Hände schmutzig zu machen. Das wäre so ein Knackpunkt.

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Inwieweit unterscheidet sich deine Arbeitsweise als Karosseriebauer von deiner Tätigkeit als Künstler? Gibt es Analogien?

An dieser Stelle zitiere ich gerne Hrdlicka. Ich habe immer dieses Bild im Kopf, wie er mit seinem schweren Hammer in den Stein rein hämmert:

[quote] Ich bin Proletarier, weil Kunst ist Arbeit.[/quote]

Und dabei hämmert er volles Rohr in diesen riesigen Granitblock. Ich finde das schon sehr interessant und es ist eine wirklich gute Aussage, in der ich mich auch selber wiedererkennen kann.

Analogien bestehen zwischen dem Einen und dem Anderen. Beim Arbeiten war ich immer ein Träumer. Ich war sehr präzise und durfte in der Lehrzeit schon an einem 928er Porsche Innentapezierungen ausbessern. Die Vorgesetzten wussten damals schon, dass ich mit viel Geschick und Gefühl an die Sache herantrete. Einmal die Woche gab es im Rahmen der Ausbildung einen Schweißkurs. Während die Anderen schöne Raupen ziehen und schweißen wollten, habe ich immer irgendwelche absurden Bauwerke geschweißt. Im Nachhinein erinnern mich diese Ergebnisse eher an die Mobile’s von Alexander Calder. Ich habe Drähte verschweißt und alles schwebte in der Luft und brannte: Denn ich hatte vorher alles in einen Sprühkleber eingetaucht und dann angezündet. Der Meister hat mich dann natürlich gefragt, ob ich noch ganz richtig im Kopf bin.

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In der Ausstellung wirst du auch deinen 68er BMW – einen 1600ti Rennwagen – präsentieren. Wie wichtig dieser für deine Ausstellung ist, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass die Galerie einen erheblichen Aufwand auf sich nimmt, um das Auto in die Räumlichkeiten zu bekommen. Du hast an dem Wagen nicht nur viel gearbeitet, sondern verwendest ihn ja auch selbst – er ist also kein reines Kunstobjekt. Inwiefern stellt der Wagen dennoch den Kontext zwischen deinen Arbeiten her bzw. was macht ihn so zentral für diese Ausstellung? 

Wenn man den Ausstellungsraum betritt, wird der Wagen an der rechten Seite ganz nah an die Wand geparkt stehen. An der Vorderseite wird ein Rad abmontiert sein, sodass man das Fahrwerk noch betrachten kann. Ganz knapp an das Hinterteil des Wagens positioniert, steht ein Regal. Es wird teilweise mit Getriebeteilen gefüllt sein, die sich aber mit Objekten von mir – die auch aus Autoteilen bestehen – mischen. Unter anderem werden auch irgendwelche Materialien oder Verpackungen zu sehen sein, mit denen man in der Werkstatt arbeitet. Wie etwa 1l Flaschen vom Motoröl, die von der Aufmachung her für mich interessant sind. Alles was ich damit zum Ausdruck bringen möchte sind Gegenüberstellungen. Und in diesem Fall: Die Ausstellungsfläche, die ganz genau das Gegenteil ist von der Werkstattfläche, wie ich sie kenne. Alles ist ist untergebracht auf engsten Raum; archiviert, um später wieder darauf zurückgreifen zu können.

Dieses Zusammenspiel ist ein wahnsinnig interessantes und ich möchte es den Leuten näher bringen, die keinen Zugang zu solchen Räumlichkeiten haben. Ich habe explizit die Ausstellung rund um diesen historisch wertvollen Wagen aufgebaut, weil ich der Meinung bin, dass ein Neuwagen in dieses Konzept nicht passen würde. Ein Neuwagen steht ja in der Form nicht in der Werkstatt; das sind eher Sammlerstücke oder geliebte Fahrzeuge, die wieder aufbereitet werden oder instandgehalten werden. Solche Liebhabergegenstände werden gesammelt wie Kunstobjekte. Und auf dieser Sammlerebene treffen sich die beiden Welten.

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Wen adressierst du mit deinen Arbeiten? Ist es eher der Mann, der deine Leidenschaft zum Auto teilt? Oder gibt es eine Art Message, ein Gefühl das du vermitteln möchtest? Und ist es Geschlechterspezifisch?

Ich hatte schon eine Ausstellung mit dem Titel „Heterokunst für die emanzipierte Frau“. Überraschenderweise treffe ich in der Kunstszene immer wieder auf Männer, die das Thema nicht verstehen. Mein Weg mit dem Thema ist ein schwieriger. Manche empfinden es als zu banal und zu wenig intellektuell. Ja, man kann es als Heterokunst bezeichnen, aber ich habe bei meinen Kolleginnen bemerkt, dass die überhaupt kein Problem damit haben. Vielmehr finden sie das sehr interessant  und es kommt daher auch immer wieder zu Kooperationen mit Damen.

Mit meinen Arbeiten möchte ich den Betrachter einfach begeistern. Ich will ihn in ein Umfeld ziehen, das er so nicht kennt und ihm das Gefühl geben, sich wiederfinden zu können. Manche Leute mit denen ich spreche, sagen etwa: „Mir ist das alles nicht wichtig, das ist nicht mein Ding oder mein Thema. Ich brauch einfach nur einen fahrbaren Untersatz um von A nach B zu gelangen.“ Das sind mir eigentlich immer die Liebsten, die mit solchen Aussagen ein Gespräch mit mir beginnen. Nach einer kurzen Hinterfragung kommt dann nämlich etwa: „Nein ich brauch keine 300 PS. Ich fahre mit dem Fahrrad, aber wenn ich übers Land muss, dann nehme ich den PRIUS.“ Da sind wir dann genau da, wo wir hin wollten. Das heißt er kommuniziert mit seiner Umwelt – nur auf eine andere Art:

Ich fahre mit Hybrid. Ich bin der, der die hässliche Form in Kauf nimmt, um die Umwelt zu schonen. Bitte lacht mich nicht aus, ich bin der, der nur 3,9 Liter Treibstoff auf 100 km verbraucht.Aber er kommuniziert und verbreitet somit seine Wertvorstellungen.

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Dein Sujet lehnt sich ja immer an die Automobilbranche an: sei es durch die Materialität, die Bewegung oder das Tempo … Glaubst du, dass diese Thematik ab irgendeinem Punkt ausgeschöpft sein wird oder siehst du das Potential für eine sich immer fortsetzende Thematisierung ohne sich zu  wiederholen?

Ich glaube, die Branche erfindet sich ständig neu. Und aufgrund dieser Neuerfindung gibt es für mich Themen ohne Ende. Bis hin zu dem, dass die Kommunikation immer günstiger und einfacher, die Fortbewegung mit dem Auto hingegen immer schwieriger und teurer wird. Es gibt keine sinnvollen Alternativen. Der Mensch als Individuum braucht seinen Raum und seine Isolation. Er will nicht mit Hunderten von Fremden in einer überfüllten U-Bahn stehen. Und plötzlich soll alles umgekrempelt werden? Die Fortbewegung soll sich von heute auf morgen für die Umwelt ändern – wo ich absolut dafür bin – aber trotzdem funktioniert das nicht. Es gibt bisher keine sinnvollen Alternativen. Ich glaube aufgrund dessen wird es immer wieder einen neuen Knackpunkt und Umbrüche geben.

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Deine kommende Ausstellung versammelt viele deiner Arbeiten aus den letzten Jahren. Was auffällt ist die Masse an verschiedenen Medien – warum arbeitest du mit so vielen verschiedenen Medien, wenn du dich selber als Maler verstehst?

Ich sehe mich schon eher als Künstler, selbst wenn ich sage, dass ich Malerei studiert hab. Selbst das stimmt nicht ganz, denn ich habe erweiterten malerischen Raum studiert. Sofern ich es für nötig halte, male ich an dem limitierten Medium, um mich auszudrücken. Die Objektkunst und in späterer Folge das Video haben mich erst viel später interessiert. Und ich muss ehrlich sagen: Mit der Objektkunst tu ich mich einfach leichter und das spürt man vielleicht auch ein bisschen. Allerdings: Der Weg ist das Ziel. Wenn ich sagen würde, dass ich in der Malerei angekommen bin – wie beispielsweise Konrad Lueg – das wäre traurig! Das möchte ich auf keinen Fall. Da kämpfe ich lieber weiter bis an mein Lebensende!

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Was findest du daran traurig?

Ich würde es traurig finden, wenn ich sage: Ich habe in der Malerei alles gesagt was zu sagen ist. Ich hatte das Gefühl schon einmal, als ich Musik produziert habe. Es war mir schlichtweg zu simpel. Mir war das Medium zu leicht. Es war einfach keine Challenge mehr. Deswegen bin ich sehr froh, dass das mit der Malerei noch nicht so ist. Und das soll natürlich auch so bleiben. Ich möchte nicht sagen: Ich bin formal ein wahnsinnig geiler Maler. Klar, ich kann alles malen und auch fotorealistisch arbeiten. Aber das ist für mich genauso simpel wie die Produktion von Musik.

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In deinen neuesten Arbeiten versuchst du die Bewegung und das Tempo in das Medium der Malerei – das ja eher als ein langsames Medium betrachtet werden kann – zu transportieren. Die Werke erinnern ein wenig an langzeitbelichtete Fotografien, in denen die Bewegung in Form von Lichtstreifen sichtbar bleibt. Du hast auch selber gesagt, dass du in der Diplomarbeit auch schon mit der Thematik gearbeitet hast. Was ist jetzt anders und was ist die Herausforderung bei dieser neuen Serie?

Bei der Diplomarbeit waren das eher eine Art Kondensstreifen, der zurückbleibt: Man kennt das von Flugzeugen. Diese Kondensstreifen bewegen sich dann perspektivisch auf einen zu. Mal schneller, mal langsamer, mal breiter, mal dünner. Es gab dazu collagierte Vorstudien und eine malerische Auflösung.

Diese Art von Kondensstreifen verschwindet in den neuen Arbeiten. Was zurückbleibt sind nur mehr Fragmente, Andeutungen und ganz minimal gesetzte, schwebende Punkte, die sich in irgendwelche Richtungen von- und zueinander bewegen. Mit wenigen Pinselstrichen versuche ich eine Geschwindigkeit und eine gewisse Unruhe zu erzeugen. Teilweise gibt es auch Andeutungen von schwebenden, skizzierten Autoteilen, die durch den Raum fliegen. Dabei muss ich jedoch aufpassen, dass es nicht zu sehr nach Weltall aussieht. Das darf auf keinen Fall passieren… Gerade mit Schwarz als Hintergrund bist du schnell in der Kombination mit grellen Farben im Weltraumkitsch angekommen.

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Eine zentrale Thematik in der Ausstellung ist die Beschleunigung – doch dieser Begriff impliziert direkt auch das Pendant: Die Entschleunigung. Wie verstehst du den Begriff? Ist er für dich als Tempo-verliebten Autofanatiker negativ konnotiert? Und werden wir in der Ausstellung solche entschleunigten Momente vorfinden?

Für mich ist der Begriff überhaupt nicht negativ konnotiert. Entschleunigen heißt für mich nichts anderes als Verzögern und dafür bedarf es auch einer guten Mechanik und einer guten Bremsanlage. Das hat nichts Negatives, im Gegenteil:  Man muss sich ebenso mit dem Gegenpol befassen. Und darum teilt sich die Ausstellung in zwei Linien auf: Die linke Seite des Raumes widmet sich mehr der Beschleunigung, der Geschwindigkeit und der Fortbewegung. Sie ist eher die unruhige Seite. Auf der rechten Seite hingegen steht beispielsweise ein „verunfallter Motorhaubentisch“: Ein Tisch, den ich aus einer kaputten, schneeweißen Mitsubishi Motorhaube mit weißen Beinchen geschweißt hatte. Durch seine Präsenz positioniert sich dieser ganz bewusst irgendwo zwischen Richard Prince und Franz West. Die rechte Seite hingegen ist eher die kontemplative Seite. Das Entschleunigte, das Stehenbleiben und das Kontemplative wird hier widerspiegelt. Das ist ein Ort, an dem der Betrachter zur Ruhe kommt und sich alles ohne die Aufruhr und diesen Drang, sich schnell durch die Ausstellungsfläche zu bewegen, in sich aufnehmen kann

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Die Farbwahl deiner Arbeiten suggeriert eine Art „Entweder-oder“ Prinzip: Sie sind entweder reduziert auch schwarz, weiß und grau oder absolut knallig. Werke, die sich zwischen diesen zwei Extremen positionieren, sucht man fast schon vergeblich. Warum ist das so?

Da hast du vollkommen Recht. Diese knalligen Momente finden sich vor allem in meinen vorherigen Serien, die eine Art Werbe-Sujet hatten. Ich habe versucht in kürzester Zeit alles in eine Leinwand reinzubuttern, was man nur reinbuttern kann. Reinste Überinformationen. Alles war durchmischt, verwoben, sodass ich am Ende als Künstler kaum noch wusste, was nun mit dem Computer entstanden ist und was nun Malerei ist bzw. was nur so tut als sei es Malerei. Was ist nun gesprayt, wo ist Ölfarbe verwendet worden und wo zeigt sich ein Print? Es gab dann einen Bruch, weil mir auffiel, dass diese Überinformation eher wie hyperrealistischen Malen ist. Es ist dieser banale AHA-Effekt! Du kommst irgendwo rein und hast ein 2x2m großes Bild vor dir und das ballert dich so an! Nicht nur durch die Farbe, sondern auch durch die Verwebung. Und du denkst dir: WOW! Was ist das? Wahnsinn, das ist geil! Wie ist das gemacht? Dann kaufst du es dir und hängst es daheim auf. Aber wenn du tagtäglich daran vorbei gehst, hast du es nach einem Monat satt, weil dich diese Überinformation permanent zuballert.

Werbeflächen machen einen einfach müde – es reicht dir irgendwann. Und dieses Gefühl hatte ich plötzlich und habe mir gedacht: Ich fange mit dem gleichen Arbeitszyklus am Computer an, aber ich nehme nur den Hintergrund und reduziere mich so sehr, dass ich alles andere weglasse, was ich bisher gemacht hatte. Also habe ich nur den Photoshop Hintergrund – das Grid – genommen, der nicht einmal „virtuell real“ ist. Deswegen musste ich ihn vektorgraphisch nachbauen, wodurch ich ihn mehrfach ineinander rein kopieren konnte, um ihn dann in Größe und Fläche verschieben zu können. So entstanden diese farblich reduzierten Arbeiten und damit auch dieser erkennbare Bruch. Es handelt sich um zwei ganz unterschiedliche Serien, die ich dennoch beide sehr schätze…

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Deine Objekte sind auch eher knallig…

… das ist wegen meiner Aufbereitung, die eine große und tragende Rolle spielt. Es war super interessant Teile vom Autoschrottplatz zu kaufen, die komplett unbrauchbar, verdreckt und versifft waren. Die habe ich dann geputzt, gestreichelt und poliert, um sie dann in eine neue Farbpracht zu versetzen. Das war das Thema mit den Objekten: „Aufbereitung“.

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Deine Ausstellung startet in der kommenden Woche… Wie ist der derzeitige Status?

Ich habe noch viel vor. Das Auto muss ich noch fertig machen und die Innentapezierung verlegen, die Sitze, die Konsolen und das Armaturenbrett müssen auch noch bearbeitet werden. Vor allem bin ich schon sehr aufgeregt, weil ich alles sehr genau timen muss. Der Wagen muss genau dann da sein, wenn der Schlosser kommt, um das Hauptportal auszubauen. Anders bekommen wir den Wagen nicht in den Ausstellungsraum – es wird also sehr aufwendig.  Ansonsten sehe ich der Ausstellung positiv entgegen – es wird meine bisher tollste Ausstellung. Es wird einiges zu sehen geben und ich freue mich darauf.

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Wir wünschen dir  viel Erfolg bei deinen weiteren Vorbereitungen und freuen uns auf deine Ausstellung. Vielen Dank für deine Zeit.

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// Dieses Interview  wurde gesponsert von VIERTELNEUN.

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AUSSTELLUNGSTIPP – Mario Neugebauer | αὐτός

Vom 06. Dezember 2013 bis zum 16. Januar 2014 in der Galerie VIERTELNEUN

Eröffnung: am 05. Dezember 2013 ab 19.30 Uhr

Mehr Info’s unter www.viertelneun.com

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