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Ein 68er BMW ist gegenüber von einem mit Getriebeteilen und Motorölflaschen gefüllten Regal im Raum positioniert. Der vordere Reifen des 1600ti Rennwagens ist abmontiert und gibt damit den Blick auf das Fahrwerk frei. In der Kombination mit den im Regal enthaltenen Materialien, die stark durch ihre handwerkliche Funktion konnotiert sind, suggeriert dieses Bild zunächst eine Verortung im Werkstattkontext. Erst bei genauerer Betrachtung eröffnet sich durch den Inhalt des Regales eine weitere Ebene: Denn einige der Autoteile sind bearbeitet und entledigen sich dadurch bis zu einem gewissen Grad ihrer ursprünglichen Funktion und beanspruchen für sich einen ästhetischen Wert.  

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Durch die Platzierung im Ausstellungsraum wird der Wagen von Mario Neugebauer zu einem Sinnbild seines Auto-Fetischs erhoben und als eigenes Kunstwerk inszeniert. Mittels der Verlegung einzelner Objekte aus dem Ort der Werkstatt in den White Cube scheint Neugebauer – in Kombination mit dem Titel der Ausstellung in der Galerie VIERTELNEUN – das Motiv des Autos noch stärker herauszuarbeiten. Doch die Buchstabenanalogie des griechischen Wortes „αὐτός“, die dem Betrachter auf den ersten Blick eine Verbindung zum Auto herstellen lässt, ist trügerisch. Denn der Begriff lässt sich in der Übersetzung vielmehr mit den Adjektiven ‚selbst, eigen, persönlich und unmittelbar‘ konkretisieren. Neugebauer fokussiert demnach mit dem Titel weniger das Motiv des Autos, sondern betont einen gewissen Selbstbezug in Hinblick auf seine Autorenschaft und unterstreicht damit die Authentizität in seinem Werk. Eingebettet in ein Umfeld, das von der Automobilbranche geprägt ist und nicht zuletzt durch seine Ausbildung zum Karosseriebauer, ist Neugebauer eng mit der Thematik des Autos verflochten. Er transportiert mittels des Materials sowie verschiedener Herstellungsprozesse die Automobilbranche in die Kunst und wird damit zu einer Schnittstellen zwischen beiden Bereichen.

In der neuen Ausstellung „αὐτός“ spielt Neugebauer – als Referenz auf den Rennsport und die Fortbewegung allgemein – vor allem mit Dichotomien: Beschleunigung versus Entschleunigung. Die Reduktion der Geschwindigkeit wird dabei seitens Neugebauers‘ keinesfalls als negativ empfunden, vielmehr sieht er darin einen notwendigen Gegenpol. Überträgt man diese beiden Pole in den Automobilsport, so wird deutlich, dass deren Zusammenspiel die Essenz für die permanente Fortbewegung auf den Rennstrecken ist: Die Entschleunigung ist in Kombination mit einer guten Mechanik unerlässlich für eine Kurvenfahrt. Der temporeduzierende Akt – der aus physikalischer Perspektive als Änderung der Bewegung und damit ebenso als Beschleunigung betrachtet wird – ist daher untrennbar mit einer Zunahme des Tempos verknüpft.

Diese Dichotomie wird zum zentralen Charakteristikum für den Aufbau der Ausstellung und für die Positionierung der Arbeiten im Raum. Die kontemplative Seite, als Repräsentant der Entschleunigung, enthält neben dem geparkten Wagen sowie dem Regal ein Objekt aus Carbon: franz012. Überraschend mag zunächst anmuten, dass der Teil der Ausstellung, der sich dem Tempo und der Beschleunigung widmet, vom Medium der Malerei – das als das langsamte Medium gilt – demonstriert wird. Wie kann man die Bewegung und das Tempo auf der Leinwand darstellen? Was zunächst an langzeitbelichtete Fotografien erinnert, ist als eine Reduktion auf wenige Fragmente zu verstehen:

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Was zurückbleibt sind nur mehr Fragmente, Andeutungen und ganz minimal gesetzte, schwebende Punkte, die sich in irgendwelche Richtungen von- und zueinander bewegen. Mit wenigen Pinselstrichen versuche ich eine Geschwindigkeit und eine gewisse Unruhe zu erzeugen. Teilweise gibt es auch Andeutungen von schwebenden, skizzierten Autoteilen, die durch den Raum fliegen.

Mario Neugebauer im Interview

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An den Stellen, an denen die Thematik der Bewegung nicht zum Motiv der Arbeit erhoben wird, werden Analogien mit dem Automobilbereich durch das Material erzielt. In der Kunst hat das Material in den vergangenen Jahren seine rein dienende Funktion abgelegt und seine Relevanz verändert. Bei Neugebauer steht das Material oftmals sogar am Beginn des künstlerischen Prozesses: Die Form des Werkes wird durch seine Materialität begründet und zudem geprägt von der Veränderbarkeit dessen innerhalb verschiedener Arbeitsschritte und industrieller Fertigungsprozesse. Eines dieser Materialien, die stark durch ihre Verwendung im Automobilbereich konnotiert sind, ist Carbon – eine industriell hergestellte Faser aus kohlenstoffhaltigen Elementen, die mit einem Kunststoff kombiniert wird. Charakteristisch für dieses hochpreisige Material ist das geringe Gewicht bei zeitgleich hoher Stabilität. Diese Eigenschaften erheben Carbon zu einem idealen Werkstoff für Bereiche, in denen aus funktionellen Gründen eine leichte Materie für die Erzielung einer hohen Geschwindigkeit benötigt wird: etwa in der Raumfahrt, beim Airbus A380 und natürlich auch im Formel-1 Sport. Neugebauer experimentiert mit den Eigenschaften des schwarzen Werkstoffs: Wie reagiert Carbon etwa, wenn es stundenlang einem Vakuum ausgesetzt wird? Die Faser, die zunächst durch eine textuelle Struktur visuell charakterisiert ist, wird enorm verdichtet und damit zeitgleich stabiler: das Ergebnis ist eine komprimierte, amorphe Form, die an ein Gestein erinnert. Selbst wenn durch die Verdichtung die ursprüngliche Struktur der Fasern visuell nicht mehr ersichtlich ist, bleibt dem Ergebnis dennoch eine Bewegung eingeschrieben, die den Prozess bis zu einem gewissen Grad rekonstruierbar macht.

Neugebauer arbeitet daher auch mit den verschiedenen Zuständen und Eigenschaften des Materials und inwieweit sie miteinander auf verschiedene Einflüsse reagieren. Die verwendeten Materialien sind durch ihre Einbettung im Automobilbereich stark konnotiert und werden daher neben den Bearbeitungs- und Produktionsverfahren dieser Branche zu dem Element, das die Beziehungen zwischen den Arbeiten verschiedenster Medien bei Neugebauer stets  herstellen kann. Die Materialität lässt sich dadurch fast schon als motivisch bezeichnen, indem sie kontextualisiert und stark verflochten ist mit dem Interesse an Bewegung, Kraft und Tempo.

Durch den Import dieser Materialien in die Kunst gelingt es Neugebauer über die Verwendung im Automobilbereich hinauszugehen. Die Befreiung von einer Funktion eröffnet eine breite Palette an Möglichkeiten der Verwendung und den Raum für Experimente. Mehr von den Arbeiten von Neugebauer gibt es im Rahmen seiner Ausstellung αὐτός in der Galerie VIERTELNEUN zu sehen – Eröffnung ist am 05. Dezember 2013 ab 19.30 Uhr.

// Sabrina Möller

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MARIO NEUGEBAUER | ατός

Vom 06. Dezember 2013 bis zum 16. Januar 2014

Eröffnung am 05. Dezember 2013 ab 19.30 Uhr in der Galerie VIERTELNEUN

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