Beim Betreten der Ausstellung ‚Digital Frictions‘ betritt man auch ein Stück weit die Zukunft. So scheint es zumindest. Regiert wird diese von diversen digital-orientierten Kunstobjekten. Zu Beginn lädt eine Kopfapparatur zum ausprobieren und entdecken ein: Wie wird Licht hörbar gemacht? Umso heller es wird, umso lauter werden die Geräusche um einen herum. Eine andere Arbeit visualisiert Zeit mithilfe von Zeitraffern aus Licht. David Osthoff zeigt mit dieser Videoinstallation „Privatsphären“ die Veränderung einer Wiener Wohnhausfassade bei Nacht. Zu sehen ist die Entwicklung von 30 Nächten. Seine Idee: Die Visualisierung von Zeit auf neuen Gebieten, um so eine kompositionelle Neugierde erwecken.

Insgesamt erstreckt sich die Ausstellung auf vier verschiedenen Stockwerken: Treppenhaus exklusive, denn auch das gehört dazu. Das weisse Haus stellt seine Räumlichkeiten zur Verfügung und beweist nicht zum ersten Mal, dass deren Motto „Förderung und Präsentation junger Künstler“ auch Taten folgen.

Die Universitätsprofessorin und Leiterin der Abteilung für Digitale Medien Prof. Ruth Schnell vergleicht die Arbeit mit den digitalen Medien mit der eines Bildhauers: „Anstelle von Stein arbeiten die Studenten hier mit digitalen Codes, erschaffen aus ihnen etwas Neues, entwickeln die neue Technik weiter und denken somit auch innovativer.“ Im Bezug auf das Weiterdenken wurde bereits eine Ausstellung unter dem Titel „Missed Used“ gezeigt, die digitale Objekte anders nutzt als es der Standard abverlangt. Neu eben. Aber auch bei der Namensgebung oder geschaffenen Objekte ist es oft nicht einfach – hier kann der Künstler eine neue Betitelung erfinden. 40 aktuelle Arbeiten werden ausgestellt: Von umweltthematischen Werken (Johannes Früh „Toaster“), gesellschaftskritischen Videoinstallationen (Christina Krämer „Familienportrait“ und Nikita Zhukovskiys‘ „Q-Water“ bis hin zum Traum der Weltverbesserung, welcher in diesem interaktivem Werk vor dem Bildschirm beginnt (Norbert Unfug „Smile“). Diverse hochaktuelle Themen werden von den Absolventen der Universität für Angewandte Kunst Wien in ihrer Kunst aufgegriffen. Alle mit einer Botschaft. Einige Installationen regen zum Nachdenken an, andere machen Spaß, andere sind nicht für Jedermann. Ein Werk von Kathrin Sturmreich und Conny Zenk, welches in dem Portierzimmer installiert ist, lädt Frauen ein, sich in einer privaten Kammer einen Schwingungsmesser vaginal (für Männer oder Frauen anal) einzuführen. Die Wellen, werden dann für alle sichtbar nach draußen projiziert. Eine neue Art des Fingerabdrucks als Identitätsnachweis? Wohl kaum. Die Idee dahinter ist die Thematisierung der Sexworkerinnen in Wien.

Was der Maler und Dichter Kurt Schwitters sagte, wird hier umgesetzt. Durch die Internationalität der Absolventen setzt sich der Besucher auch mit für ihn vielleicht fremden Problemen auseinander. Der russische Student Nikita Zhukovskiy kommt ursprünglich aus Moskau und stellt hier etwas aus, wofür man ihn in Russland vermutlich einsperren würde. Er kritisiert das russische Regierungsverbot eines Energydrinks, welches angeblich zur Homosexualität verleitet. Der Besucher kann gerne das hier frei erfundene Getränk Q-Water kosten und sehen, ob sich seine Orientierung verändert oder ob nicht. Russland ist in letzter Zeit, vor allem mit den kommenden Olympiaspielen, durch ihre Homophobie immer mehr in die Kritik der internationalen Presse geraten.

Wer bei der Ausstellungseröffnung dabei war, konnte live die Performance „The afterlife of glas“ sehen. Hierbei wurde eine Sicherheitsglasplatte mit 8 Schlägen zersplittert. Das Besondere an der Performance sind die Klänge der Scherben, die durch Mikrophone ein Klangbild erzeugen. Am Ende verlässt der Besucher die Ausstellung mit einem Lächeln. Vielleicht mit einer eigenen futuristischen Vision, aber auf jeden Fall mit dem Gefühl Teil der Digital Natives 3.0 zu sein.

 // Carolina Vinqvist

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AUSSTELLUNG

Ausstellungsdauer: 04.12. – 14.12.2013
das weisse haus
Argentinierstraße 11
1040 Wien

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