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Noch bevor das Jahr 2013 sich dem Ende neigt, begeistern die Wiener Galerien nochmals mit facettenreichen Ausstellungen. Von Malerei bis Installationen nationaler sowie internationaler Künstler ist alles vertreten – das Dezemberprogramm der Wiener Schauplätze hat einiges zu bieten. Fanny Hauser hat den Überblick.

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Im ersten Bezirk erfreuen wie üblich vor allem die Galerien der Eschenbachgasse: Während die Galerie Mezzanin Arbeiten des von Thomas Bayrle und Sunah Choi im Rahmen der Ausstellung Josephine meets Sunah präsentiert, widmet die Galerie Meyer Kainer ihre Ausstellung Die gegenstandslose Welt dem gebürtigen Wiener Stefan Sandner. Sandner ist vor allem für seine „Shaped Canvases“ und seine „Textbilder“ bekannt, die handschriftliche Notizen auf Malerei übertragen. Die großen Formate Sandners sind nicht nur mit Text, sondern auch mit intuitiven Kritzeleien versehen, die Flächen füllen und artikulieren möchten. Mit seinen Arbeiten präsentiert Sandner eine Neu-Definition des Bildes, das nicht nur Abbild, sondern gleichsam Austragungsort einer Operation ist, in der Sandner Realitätspartikel vorgefundener Zeichensysteme in einer Form ins Bild bringt, die selbst die Gegensatzpaarung von Abstraktion und Figuration implodieren lässt. Die Galerie Martin Janda hingegen, zeigt noch bis 21.12. die neuesten Arbeiten des aus Venezuela stammenden Alessandro Balteo Yazbeck, die in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin Media Farzin entstanden sind. Die Arbeiten des Künstlers beschäftigen sich vor allem mit den politischen und ökonomischen Verflechtungen der Nachkriegsmoderne und den politischen und hegemonialen Interessen eines Staates und seiner Propaganda. Balteo Yazbeck greift in den präsentierten Arbeiten Werke von Alexander Calder auf und verbindet dessen ästhetischen Formalismus mit dem politischen Geschehen ihrer Entstehungszeit. Er arbeitet mit unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Film und Installation, oft unter Verwendung von bereits vorhandenem Material, beispielsweise Fotografien, Landkarten und Zeitungsausschnitten. Die Ausstellung zeigt neben Balteo Yazbacks Serie Cultural Diplomacy: An Art We Neglect außerdem noch Arbeiten aus den Serien Modern Entanglements und U.S. Interventions. In der Galerie Krobath ist momentan nicht nur Brigitte Kowanz vertreten, deren Ausstellung noch bis Mitte Februar verlängert wurde, sondern auch die in Berlin lebende, griechische Künstlerin Despina Stokou. Während sich Kowanz in ihren Arbeiten seit den 80er Jahren vor allem der Untersuchung wechselseitiger Beziehungen von Raum, Licht und Codes widmet und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Materie und der raumbildenden Lichtquelle untersucht, hinterfragt Stokou in ihren Malereicollagen die Gültigkeit von Medieninformationen. Das für Stokou charakteristische Medium der Collage verhandelt einerseits die Relevanz von Malerei als originären Bildträger künstlerischer Produktion, sowie die aktuelle Bezugnahme dieses (U)ursprünglichsten aller künstlerischen Medien auf den realen und digitalen Raum. Stokou, die sich auch als Kuratorin vorrangig mit Fragen des Displays auseinandersetzt, positioniert die Arbeiten in der Galerie Krobath als räumliches Geflecht in unterschiedlichen Anordnungen und offeriert den BetrachterInnen mit ihren eingefügten Worten oder Fotos ein mögliches Bild- und Textuniversum, das als Referenz an unterschiedliche Formen von Wirklichkeit angesehen werden kann.

Die Knoll Galerie in der Gumpendorferstraße widmet dem russischen Künstler Ivan Gorshkov seine erste Einzelausstellung. Gorshkov beschäftigt sich mit Malerei, Zeichnung und Skulptur und wendet in allen Medien eine charakteristische, lebendig abstrakte Formensprache an, die aber punktuell auf eine klassisch repräsentative Herangehensweise zurückgeführt werden kann. Sowohl in seinen Zeichnungen als auch in seinen Skulpturen schichtet der Künstler mehrere Ebenen übereinander, die konstruktiv miteinander konkurrieren. Die Galerie Nächst St. Stephan präsentiert noch bis 18.1. die Arbeiten des polnischen Künstlers Michał Budnys, dessen Objekte und Installationen spezifische Wahrnehmungsmöglichkeiten herstellen. Für seine dritte Einzelausstellung (Ashamed and Shameless) in der Galerie, ließ sich Budny von verlassenen Orten, Grenzbereichen und unscheinbaren Situationen inspirieren und verwendet diesmal nicht nur seine typischen Materialien, wie Holz, Karton, Folie und Klebeband, sondern auch Recycling-Material wie Stoffe und Decken, die er auf Hinterhöfen gefunden hat, um die Aura dieser Fundorte plastisch vermitteln zu können.

Auch die Galerien der Schleifmühlgasse beenden das Jahr 2013 mit beeindruckenden Ausstellungen und begeistern nicht nur mit Raum- und Lichtinstallationen, sondern ebenso mit Malerei und Skulptur. Christine König präsentiert in ihren Räumlichkeiten die Arbeiten der beiden rumänischen Künstler Mircea Stanescu sowie Ovidiu Anton. Anton beschäftigt unter anderem die Frage, wie man Themen und Aktionen des öffentlichen Raums in Kunsträume transferiert und bedient sich hierzu des Stilmittels der paradoxen Intervention. Sie steht in einem gedanklichen Zusammenhang mit jugendsubkulturellen Ausdrucksformen wie Sprayen, Stencil Art oder Street Art, stellt deren Arbeitsweisen und Intentionen jedoch völlig auf den Kopf. Stanescu hingegen dokumentiert seit 2008 die Konstanten seines Umraums, genauer seiner Wohnung, die gleichzeitig als sein Atelier fungiert. Stanescus fotografische Arbeit möchte das produktive Szenario enthüllen und dokumentieren, bewahrt jedoch gleichzeitig das Geheimnis, das sich hinter den Oberflächen der banalen Objekte verbirgt, für sich. Michaela Stock präsentiert in ihren unterschiedlichen Räumlichkeiten gleich drei verschiedene Künstler: Während im Unteren Stock die kurios-unheimlichen Tierskulpturen Michael Nitsches gezeigt werden, wird die Galerie selbst von den Lichtinstallationen Hans Kotters dominiert. Davon ausgehend, dass unsere Welt ohne Licht gänzlich farb- und konturlos wäre, interpretiert Kotter das Licht in Form von eindrucksvollen 3D-Grafiken und präsentiert einen Nimbus zwischen der Endlichkeit und Unendlichkeit des Raumes, der für Kotter ähnlich einer Leinwand als bespieltes Feld betrachtet wird und ohne den das Licht letztendlich nicht existieren könnte. Im Next Door der Galerie beziehen die Künstler Kate Terry und Lukas Troberg das Publikum in ihre Arbeiten mit ein, indem sie es mittels Rauminstallation in eine Zwischenwelt entführen. Kate Terry reinterpretiert mit ihren filigranen, aus Alltagsmaterialien geschaffenen Rauminstallationen architektonische Konstrukte bzw. Räume und bricht so selbst längst gewohnte Strukturen auf, durch welche die BetrachterInnen gezwungen werden sich durch die ungewohnte Architektur der neu erschaffenen Räume zu tasten. Einen Bruch mit den gewohnten Strukturen vollzieht auch Lukas Troberg, indem er Alltagsobjekte und -phänomene gekonnt abstrahiert, umarbeitet oder einfach nur als eine Art Ready Mades in neue Kontexte setzt. Kerstin Engholm präsentiert die Arbeiten des englischen Künstlers David Ben White, der sich allem voran mit seinem persönlichen Verhältnis zu moderner Architektur auseinandersetzt. In dieser Auseinandersetzung bewegen sich seine Arbeiten zwischen Formalismus und häuslichen Gegebenheiten des Raumes.

Abschließend sei noch auf die aktuellen Ausstellungen in der Wiener Secession verwiesen, die Arbeiten von Sarah Lucas, Tobias Pils und Guido van der Werve vorstellt. Die britische Künstlerin Sarah Lucas ist vor allem für ihre aus leicht verfügbaren Materialien (Nahrungsmittel, Hausrat) hergestellten Skulpturen und Objekte sowie für ihre fotografischen Selbstporträts bekannt, mit denen sie eine unverwechselbare, mit kunsthistorischen Verweisen angefüllte Bild- und Materialsprache entwickelt hat. In der Wiener Secession zeigt Lucas unter dem Titel der Ausstellung NOB (der Titel bezieht sich auf das englische Wort „knob“, das so viel wie „Penis“, aber auch „Türknopf“, „Volltrottel“ oder „Brustwarze“ bedeutet) eine Reihe neuer, großformatiger Skulpturen aus Betonguss, Bronze und industriell bearbeitetem Metall, die sie in einen Dialog mit den vor Ort angefertigten Elementen setzt. Motivisch orientiert sie sich vor allem am männlichen Geschlechtsteil, in dem sie ironisch „eine Glorifizierung des männlichen kreativen Prinzips“ sieht; ebenso reflektiert sie aber auch allgemeiner unser Verhältnis zum menschlichen Körper. Ferner lud sie die österreichische Künstlergruppe Gelatin dazu ein, einen Beitrag zur Ausstellung zu leisten, der aus vier frei im Ausstellungsraum herumlaufenden Hühnern und einem skulpturalen Einbau, welcher als Aufenthalts- und Rückzugsort fungiert, besteht. Tobias Pils zeigt einen neuen, eigens für die Secession geschaffenen Werkzyklus aus großformatigen Malereien und einer ortsbezogenen Installation. Bereits im Vorfeld der Ausstellung und vor dem eigentlichen Malprozess setzte sich Pils intensiv mit der Konzeption der Ausstellung auseinander. Das Ergebnis ist eine Malerei-Ausstellung, bei der Produktion und Präsentation als ein ganzheitliches Prinzip verstanden werden um zu einer Einheit verschmelzen zu können. Pils, der primär in den Medien Malerei und Zeichnung arbeitet, wählte für die Ausstellung Secession den Schauplatz selbst als Leitmotiv und Inspirationsquelle, sodass charakteristische Formen wie das Motiv der Lorbeerkuppel in seine Bildsprache mit einflossen. Der niederländische Video- und Performance-Künstler Guido van der Werve sucht in seinen Arbeiten Zugänge zur Welt- und Selbsterfahrung, indem er den existenzialistischen Wettbewerb mit sich selbst in Szene setzt und sich als Protagonist seiner Filme großen körperlichen Anforderungen stellt. Strukturell verarbeitet van der Werve, der auch über eine klassische Ausbildung als Pianist verfügt, in seinen Erzählungen häufig biografische Bezüge zu Komponisten wie Rachmaninow oder Chopin sowie eigene Kompositionen. So entstehen Arbeiten, die mittels körperlicher Anstrengung die Determinanten von Raum und Zeit vermessen und zugleich von einer tiefen Melancholie und der Verarbeitung von Einsamkeit zeugen. Die Ausstellungen in der Secession können noch bis 19.1. besucht werden.

           // Fanny Hauser

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