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Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung. Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt.

Walter Benjamin

 

Zur gegenwärtigen Rolle des Kunstkritikers und der Machtpositionen in der Kunst allgemein kann man nur Überlegungen anstellen, wenn man sie im Kontext einer medialen und wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet. Die technischen Errungenschaften der Medien etablieren nicht nur rasant wachsende Märkte, die sie zum essentiellen Bestandteil der Wirtschaft machen, vielmehr sind sie mit dem alltäglichen Leben verflochten. Ihre Stränge bilden ein System, das für die heutige Arbeitswelt und den Alltag konsistenzgebend ist. Die Verfestigung der sich ständig weiterentwickelnden Strukturen vollzog sich als schleichender Prozess und vor allem die kognitive Wirkung darf dabei nicht unterschätzt werden. Längst hat man sich im Rahmen der Medientheorien von der Idee verabschiedet, dass diese lediglich als neutrales, vermittelndes Medium oder eine Art Verstärker fungieren.[2] Schon Marshall McLuhan sagte, dass es die neuen Medien sind, die im Zeitalter einer visuellen Existenz die Gewichtung unserer Sinneswahrnehmungen und damit unsere Wahrnehmung der Welt verändern.[3] Wenn die Authentizität weicht, und das Subjekt mit einer zunehmend synthetischen Welt konfrontiert wird, wirft das die Frage nach der Reaktion auf diesen Wandel auf.

 

Zur Krise der Kunstkritik

Albert Dresdner erhob die Macht der Kunstkritik im Jahr 1915 über jene der Literaturkritik:

Wenn Goethe die Rezensenten die wahren Königmacher genannt hat, so trifft diese Charakteristik auf die Kritik im Reiche der bildenden Kunst noch mehr, noch unbedingter zu als auf die literarische Kritik.

Albert Dresdner

Die Position des Kunstkritikers ist bei Dresdner diejenige Instanz, die über den Erfolg oder Misserfolg eines Künstlers urteilt und diesen Prozess als Konsequenz direkt vollzieht.[5] Reduziert man die Kunstkritik auf diese Machtposition, so wird diese Kategorie zu einer historisch determinierten. Mit dem Wandel der Zeit und der medialen Entwicklung verschieben sich die Verhältnisse im Feld der Kunst.

Längst sind die lukrativen Zeiten der Kunstkritiker vorbei, sodass sie sich im Feld der Kunst durch eine Doppelrolle definieren. Der Kunstkritiker der ZEIT – Hanno Rauterberg – beurteilt die Situation noch pathetischer indem er behauptet, dass die heutigen Kunstkritiker „[…] ein Leben als multiple Persönlichkeiten führen“.[6] In der Interaktion mit Galerien, Künstlern und Museen gerät die Kunstkritik in eine devote Position. Die Ursache ist wahrlich unprätentiös: als beträchtliche Einnahmequelle fungieren Beiträge für Ausstellungskataloge, das Kuratieren von Ausstellungen sowie Engagements bei Kunstmagazinen. Dass die Conclusio ein gewisser Positivismus ist, erscheint nachvollziehbar.

Als Paradebeispiel dieser Knechtschaft präsentiert sich die wirtschaftliche Situation der Magazine: ihre Finanzierung wird durch Anzeigenkunden gesichert, infolgedessen sie sich mit dem Verriss ihrer Kunden – Galerien und Museen – enorm schaden würden.[7] Ferner führen mäßige Budgets dazu, dass Redaktionen zwangsläufig auf bereits vorhandenes Textmaterial zurückgreifen, Pressetexte der Institutionen einflechten oder logistisch leicht erreichbare Ausstellungen bevorzugen. Die Autonomie der Kunstkritiker mit ihrem ursprünglichen Habitus scheint somit wesentlich beeinflusst. Freiberufliche Kunstkritiker werden sich mit Bedacht äußern, insofern ihre übrige finanzielle Sicherung durch die textuelle Gestaltung von Ausstellungskatalogen erfolgt. Es wäre nur naturgemäß, wenn ein Künstler keinen Kritiker mit dieser Aufgabe betraut, der zuvor sein Werk in sämtlichen Einzelteilen zerrissen hat.

Die Rolle der Kunstkritik mit der von Dresdner zugeschriebenen Machtposition als „Richter“ über das Schicksal der Künstler erscheint somit enorm geschwächt. Vielmehr erweckt dieser Vorgang den Eindruck, dass die Kunstkritik in eine Meta-Position als dissoziierter Beobachter gedrängt wurde – eine Art Degradierung ihrer Funktion hin zu einer Form der Kunstvermittlung, die ihren Einfluss auf die Entwicklung der Kunst aufgeben musste. Der Kunstvermittler kann nicht der von Dresdner zugeschriebenen Funktion eines „Richters“ entsprechen, vielmehr versteht er sich als Herold der Kunst und Künstler.[8] Verglichen mit dem Kunstkritiker wird der Kunstvermittler in seiner Rolle als Fürsprecher keineswegs mit Argusaugen betrachtet, hingegen bewirkt eben diese Absicht eine gewisse Wertschätzung.[9] Evident ist, dass die Kunstkritik, solange sie in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, in ihrem Urteil unmöglich neutral sein kann. Doch selbst wenn der Kritiker solchen Bedingungen nicht untergeordnet ist, erscheint ein interessenfreies Handeln des Subjekts eher als eine Utopie.

// Sabrina Möller

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[1]Benjamin 2002, S. 356.

[2]Hartmann 2008, S. 41.

[3]McLuhan 1967, S. 41.

[4]Dresdner 2001, S. 18-19.

[5]„Der Appell von der schlecht unterrichteten Kunstkritik an das besser zu unterrichtende Publikum ist kaum oder doch kaum mit Erfolg durchführbar, die macht der Kunstkritik ist daher absoluter als die der literarischen Kritik, und man sagt im ganzen nicht zu viel, wenn man behauptet, daß es in erster Linie die Kritik ist, die über das Los des modernen Künstlers entscheidet, indem sie seinen Ruf macht oder ihm durch ihren Widerstand den Erfolg erschwert oder gar – was für den Künstler das Bitterste ist – ihn durch ihr Schweigen in die Grabesnacht der Unbekanntheit verbannt.“

Vgl. dazu Dresdner 2001, S. 19.

[6]Diese Definition darf nur als ein Sinnbild für die Position des Kunstkritikers gelten. Denn der Begriff der multiplen Persönlichkeit inkludiert eine dissoziative Störung der Wahrnehmung, indem die einzelnen Persönlichkeiten um die Kontrolle ringen und sich nur selten an das Verhalten des anderen Ich erinnern können. Von einer solchen dissoziativen Identitätsstörung ist in diesem Falle nicht zu sprechen, da der Kunstkritiker sehr wohl noch die Macht über seine Rollen behält. Rauterberg möchte vielmehr auf dem Umstand hinweisen, dass die einzelnen Positionen, die der Kunstkritiker im Feld der Kunst besetzen kann, sich durch völlig unterschiedliche Perspektiven definieren respektive der Kritiker hier unterschiedliche Meinungen vertreten kann oder sollte.

Vgl. dazu Rauterberg 2012, S. 142.

[7]„Insbesondere die führenden, internationalen Fachzeitschriften für Kunst – wie z.B. Art Forum, Art in America und Frieze – sind zum Großteil darauf angewiesen, dass Galerien bei ihnen Anzeigen schalten. Das heißt für die Kunstkritiker, dass diese nicht unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen der Zeitschrift arbeiten können.“

Vgl. dazu Stahl 2009, S. 65.

[8] Demand 2003, S. 115.

[9] Ebd.

[10]Demand 2012, S. 82.