Die fotorealistischen Werke der in Wien lebenden Künstlerin Julia Faber kreisen rund um Themen gesellschaftlicher Konzeptionen von Sexualität, der Wahrnehmung von Körperlichkeit und ihrer historischen Verortung. Zentral stellt sich die Frage eines Einflusses historisch verankerter Konzepte, wie der „Prüderie“ oder der Rollenbilder der Geschlechter und damit verbundener Moralvorstellungen auf die gegenwärtig wahrnehmbare Übersexualisierung der Gesellschaft. Talina Bauer sprach mit der jungen Künstlerin über ihren Zugang zur Malerei, sexuelle Methoden und Praktiken und das Leben als Künstlerin in Wien… 

 

Liebe Julia, wenn man einen Blick auf Deinen Lebenslauf wirft, scheint es als ob du erst über einige Umwege zur Malerei gelangt bist. Stimmt das oder malst du bereits seitdem du ein kleines Mädchen warst?

Eigentlich nicht. Ich habe immer schon gemalt, habe mich aber immer auch für andere Medien interessiert. Ich habe mit elf Jahren angefangen in Öl zu malen, als mir mein Vater zu Weihnachten einen Ölmalkasten und eine Staffelei geschenkt hat und seitdem ist das mein Medium.

Die Ausbildung in Fotografie an der Grafischen war aber auch ein großer Wunsch von mir, da es mir als Ausbildung interessanter und sinnvoller erschien. Malerei kann man oder man kann es nicht – mit viel Übung – aber das kommt aus einem selbst. Fotografie hingegen ist eine komplizierte Technik, deren Ausbildung sich wirklich lohnt und mir immer noch auch in meiner jetzigen malerischen Arbeit sehr große Dienste erweist.

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Vermutlich ist das eine Frage, die du oft zu hören bekommst, aber im Angesicht unserer hyper-technisierten Gegenwart stellt sich die Frage warum du dir als Medium ausgerechnet etwas so Klassisches wie die Malerei ausgesucht hast?

Das ist eine berechtigte Frage, die sich vor allem auch in Zusammenhang mit meinem Background in Fotografie durchaus stellt. Ich habe das Gefühl, dass Malerei noch faszinieren kann, was in der Bilderflut der Gegenwart vielleicht schwer zu erreichen ist. Ich bin auch der Meinung, dass das Handwerk an sich und die Zeit und Arbeit, die man als Künstlerin investiert, vom Betrachter wahrgenommen werden kann; dass sich sozusagen das Herzblut, das man hinein steckt, vom Werk selbst wieder ausstrahlt.

In meinem Fall bietet sich die Malerei auch an, da ich hauptsächlich sehr gestellte und beinahe starr wirkende Kompositionen und Posen verwende. Die Malerei wie ich sie betreibe friert Bewegungen und Momente ein – sie scheinen ewig anzudauern.

Ich kreiere in meinem Werk Charaktere, deren einzige Funktion es ist in meinen Bildern aufzutreten, das Leben selbst in meiner Malerei ist eine Kreation, die in genau diesem exakten Moment still zu stehen hat.

Der Unterschied in der Rezeption zwischen Malerei und Fotografie ist dieser: In einem Foto wird ein Mensch als ein Mensch dargestellt und Menschen sehen sich andere Menschen als solche lebende und atmende Wesen auf diesen Fotos an. In einer Malerei wird der Mensch nicht als ein lebendes und atmendes Wesen von den Betrachtern wahrgenommen sondern als etwas Distanziertes von ihnen selbst, etwas ‚anderes‘.

Deshalb finde ich, dass in meiner Arbeit Malerei funktioniert, da das Distanzierte und Eingefrorene, das eben nicht ganz Menschliche meine Thematik und Ausdrucksweise gut unterstützt.

 

Welchen Stellenwert nimmt die Malerei für dich heutzutage ein?

Ich glaube, dass die Malerei immer einen Stellenwert in der Kunst einnehmen wird. Jene die schon mehrmals prophezeit hatten die Malerei wäre tot wurden immer wieder eines besseren belehrt. Der Mensch hat immer schon gemalt und er wird auch immer malen, es ist ein Grundbedürfnis des Menschen und der Gesellschaft das durch nichts ersetzt werden kann.

Trotzdem bin ich auch ein sehr großer Fan der transmedialen Kunst, diese Sparte ist in der Lage wieder ganz andere Felder abzudecken. Es ist wichtig und wertvoll, dass es ganz unterschiedliche Techniken der Kunst gibt und auch immer neue Formen ausprobiert und entwickelt werden. Jede Technik in der Kunst, ob das nun Installation oder Video oder Soundinstallation oder was auch immer ist, steht alleine in seiner Sparte; keine Technik kann die andere ersetzen.

 

Du bist erst vor einem Jahr mit deinem Studium an der Angewandten fertig geworden und hast bei LISABIRD Contemporary eine deiner ersten Ausstellungen. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe einen Tipp bekommen, dass wir – also die Galerie und ich – eventuell ganz gut zusammenpassen könnten. Da bin ich eines sonnigen Samstag Nachmittags mit meinem Portfolio vorbeigekommen und habe mich vorgestellt. Und so ist die Zusammenarbeit entstanden.

 

Nun zu deinen ausgestellten Werken: Betrachtet man deine Diplomarbeitsserie „Oh süßer Venuskampf“ so stechen neben deiner äußerst präzisen Malweise die sexuell konnotierten Sujets ins Auge. Du beschäftigst dich darin mit Methoden zur Masturbationsprävention, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen – worin lag der Reiz solche Methoden in die Gegenwart zu übersetzen und auf der Leinwand festzuhalten?

Was mich an diesem Thema fasziniert ist die Spannung zwischen dieser den Körper negierenden Gesellschaftseinstellung des 19. Jahrhundert bei gleichzeitiger medizinischer Fokussierung auf das Geschlecht. Ich glaube, dass nur in dieser Konstellation solche körperverachtenden medizinischen Maßnahmen, wie schmerzhafte Penisringe oder Beschneidungen und Verätzungen des Geschlechts bei Mädchen wie Jungen, getroffen werden konnten. Die Unwissenheit der Menschen über den Körper setzt eine grundsätzliche Verachtung dieses Körpers voraus, eine Scham und ein Schuldgefühl diese unzureichende Hülle zu besitzen. Deren menschliche Fehlbarkeit, ja Menschlichkeit, niemals an die moralischen Vorstellungen von seelischer Reinheit herankommen zu können, die die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sich selbst gesetzt hatte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Körper für seine Fehlbarkeit des Fleisches, mit der er den Geist und die Seele seines Besitzers plagt, bestraft wird. Dieser Kampf des Menschen mit seinem Körper und die Waffen, die er dabei einsetzt sind der Mittelpunkt meiner Faszination mit dieser Zeit und auch der Mittelpunkt meiner Arbeiten.

Die strengen restriktiven Praktiken des 18. und 19. Jahrhunderts im Körperumgang und in der Gesellschaft haben im 20. Jahrhundert einen Befreiungsdrang hervorgerufen. Dieser äußert sich nun darin, dass wir Angst haben in die veralteten Praktiken zurückzufallen. Wir schämen uns vor der Scham. Deshalb reden und reden wir über Sex als ob er uns aus unserem eigenen Zwang befreien könnte. Als wäre er der Schlüssel zu unserer Seele, die Antwort auf die Frage wer wir eigentlich sind.

 

Welche dieser Methoden ist besonders skurril? Kannst du uns eine davon näher erklären?

Besonders faszinierend und skurril finde ich in meiner Arbeit den Arzt John Harvey Kellogg, der ein angesehenes Kur Sanatorium in Battle Creek in den USA gründete und leitete. In seinen Schriften werden Sexualität und Masturbation im Speziellen extrem negativ gegenübergestellt. So hat er die heute noch beliebten Kelloggs Cornflakes eigentlich zum Beruhigen der Libido erfunden. Seine Lehre war: Kaltes Essen speziell am Morgen würde die sexuelle Energie der Menschen mindern und so frevelhaftes Verhalten, das den Körper schädigen könnte, verhindern.

 

Foucault schrieb, wir seien besessen davon von Sex zu reden und „(…) glauben (auf Grund eines seltsamen Skrupels) nie genug davon zu sagen. (…) wir glauben, dass uns das Wesentliche dauernd entgeht und wir darum stets aufs neue seine Spuren aufnehmen müssen.“ – Wie denkst du darüber? Glaubst du, dass sich die Grenzen unserer Schamwahrnehmung immer stärker erweitern und kann das in deinen Augen als eher positive oder negative Entwicklung beurteilt werden?

Im Vergleich zum 19. Jahrhundert erweitern sich die Grenzen der Schamwahrnehmung bestimmt. Aber es ist ein Irrglaube, dass es eine kontinuierlich progressive Entwicklung wäre. Man braucht sich nur an die 60er und 70er bis Mitte der 80er zurückerinnern als mit Sexualität und Partnerschaft oft wesentlich offener im Gegensatz zu Heute umgegangen wurde. Das Auftreten von Aids hat diesen offeneren und sehr positiven Zugang zu Sex wieder etwas gehemmt.

Auch wenn man an Zeiten vor dem 19. Jahrhundert denkt so gab es da auch wesentlich progressivere Gesellschaftssysteme und Moralvorstellungen.

Ich möchte diese Veränderungen in der Schamwahrnehmung und den Moralvorstellungen überhaupt nicht werten. Mir ist es wichtig die Veränderung aufzuzeigen um einen Eindruck der Relativität von Wahrheit und Moral zu vermitteln.

 

Wie beurteilst du die Chancen sich in Wien als junge Künstlerin/ junger Künstler zu etablieren? Wie geht es deinen KollegInnen dabei und hast du einen Vergleich zu anderen Städten?

Ich habe eigentlich sehr gute Erfahrungen mit der Wiener Kunstszene gemacht. Ich glaube es ist ein sehr guter Ort um Kunst zu machen, es gibt sehr viele kleine Ausstellungsräume und Project Spaces, wo man ausstellen kann. Dadurch, dass es auch zwei große Kunstunis gibt ist die junge Szene sehr lebendig.

Bei meinen KollegInnen ist es sehr unterschiedlich: Manche sind sehr aktiv in der Kunstszene, machen viele Ausstellungen und arbeiten auch viel. Andere weniger. Ich glaube das hängt auch sehr vom ‚Drive‘ ab.

Im Vergleich zu anderen Städten hat Wien eine unglaublich lebendige Kunst- und Galerieszene. Das Besondere in Wien, oder Österreich, ist, dass es hier einen durchaus großen Pool an Kunstkäufern gibt, was maßgeblich zur Qualität des Standortes Österreich für Künstler beiträgt.

In Holland beispielsweise ist das staatliche Interesse an der Kunst und Kulturszene sehr gering und daher sind auch die staatlichen Förderungen speziell von kleinen Kunstinstitutionen in den letzten Jahren beinahe gänzlich gestrichen worden. Das hat einen massiven Effekt auf die Lebens- und Arbeitsqualität der Künstler. Nicht nur gibt es nur mehr wenige Räume, wo junge Künstler sich versuchen können, es gibt auch keinen privaten Markt der Kunst kauft oder fördert. Der private Kauf von Kunst hat sich in den Niederlanden einfach nie etabliert, worunter die Künstlerschaft durchaus leidet.

 

Worin liegen die Vor- bzw. auch die Nachteile für dich persönlich als junge Malerin in Wien zu leben und zu arbeiten?

Meine gesamte Familie lebt in Wien, das ist für mich persönlich eine große Bereicherung. Leider lebt mein Freund nicht hier, das ist ein großer Nachteil, da kann die Stadt aber nichts dafür, nur das Leben.

 

Vielen lieben Dank für das Interview!

 

// INTERVIEW VON TALINA BAUER

 

AUSSTELLUNG

Die aktuelle Ausstellung von Julia Faber ist noch bis zum 26. Januar 2014 bei LISABIRD Contemporary zu sehen! Weitere Infos unter www.lisabird.at