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Mit der Fertigstellung zweier großer Bauprojekte in Wien im vergangenen Jahr – das aufmerksamkeitserregende neue Campusgelände der WU, sowie der DC Tower in Kaisermühlen, seines Zeichens höchstes Gebäude Österreichs – fühlt man sich als architekturinteressierter Mensch dazu angeregt, etwas über die Architekturlandschaft in der eigenen Stadt zu reflektieren.

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Wien scheint vor allem durch seine stets präsente Geschichte, die sich besonders in den zahlreichen, aus vergangenen Jahrhunderten stammenden Gebäuden – sakral ebenso wie profan – erkennen lässt, Touristen aus aller Welt anzuziehen. Und doch ist das Bestreben, auch in der zeitgenössischen internationalen Architekturszene nicht unterzugehen, eindeutig spürbar.

Im Falle der neuen WU merkt man dies schon anhand der beauftragten Büros. Einzig das „rostige“ Teaching Center stammt von einem Wiener Architekturbüro, sämtliche andere Gebäude sind Planungen internationaler Architekten aus Portugal, Spanien, Großbritannien, Deutschland und Japan. Mit der Wahl dieser Entwürfe und der grundlegenden Idee, mit dem neuen Unigelände ein Modell einer Universität der Zukunft zu schaffen, gelang es tatsächlich, Wien erneut im aktuellen Architekturgeschehen zu positionieren. Dennoch drängt sich dabei die Frage auf, ob gerade ein Universitätsgelände passend ist um dies zu erreichen. Sollte es bei einem solchen Bau nicht primär um dessen Funktion gehen, und weniger darum sich damit zu profilieren? Wäre eine Architektur, die nicht sich selbst, sondern eher das Wissen, das in ihr weitergegeben und erlangt werden soll, in den Vordergrund stellt, nicht angemessener? Andererseits muss man sich dabei auch fragen, ob ein Projekt dieser Größe in einem anderen Rahmen in dieser Stadt überhaupt hätte verwirklicht werden können.

In mindestens einer Hinsicht ist diese für Wien besondere Architektur jedoch mehr als treffend, und diese ist wohl auch mit ein Grund für die mehrheitlich positive Stimmung diesbezüglich – die bisher eher verrufene Gegend rund um den Prater und das Stuwerviertel erlangte damit schließlich eine eindeutige Aufwertung. Gemeinsam mit dem neuen Studentenwohnheim, dem Neuen Messegelände sowie dem innovativen ViertelZwei ist dieser Teil des zweiten Wiener Gemeindebezirks richtiggehend zu neuem Leben erwacht.

Der DC Tower wiederum beeindruckt vorerst natürlich besonders mit seiner Höhe – mit 250 Metern ist er seit seiner Fertigstellung im Herbst vergangenen Jahres das höchste Gebäude Österreichs. Doch nicht nur dadurch setzte Architekt Dominique Perrault neue Maßstäbe in der Architekturlandschaft Wiens. Auch die neuartige grüne Bauweise und die feine Ästhetik, die er diesem so imposant wirkenden Gebäude verlieh, zeigen für das Bauen in der Stadt eine neue Richtung an. Das gesamte Areal zwischen Uno City und Donauinsel ist seit Jahren ein Ort ständiger Veränderung und seine Gebäude ein bedeutender Teil von Wiens Skyline, ragen doch bereits mehrere davon weit in die Höhe. Ist der DC Tower zwar keineswegs das erste nachhaltig geplante und errichtete Gebäude Wiens, so scheint die Signifikanz dieser Bauweise bei einem derart auffallenden Projekt besonders hervorzustechen.
Die schlichte Glasfassade des Towers, die durch die abwechselnd hervorspringenden Segmente(?) vertikal gegliedert wird, ist auch aus den Zügen der U-Bahnlinie U1 gut sichtbar und beeindruckt so täglich tausende von Menschen. Aber nicht nur die Passanten, auch die Kaisermühlener, deren Bild der Umgebung ihres Wohnviertels mit dem Neubau nachhaltig verändert wurde, erfreuen sich mehrheitlich daran und sehen die laufende Modernisierung durchaus als willkommenen Wandel der Zeit.

Bedenkt man die bisher oft negativen Reaktionen der Wiener Bevölkerung auf neue Projekte zeitgenössischer Architektur, so mag einen die Großteils positive Meinung zu diesen Bauwerken ein wenig überraschen. Einen wichtigen Punkt stellt hierbei aber sicherlich die Lage dar, liegen doch sowohl die neue WU als auch der DC Tower nicht in unmittelbarer Nähe zu historischen Gebäuden und stören somit nicht die Wirkung der älteren, von den Wienern geliebten Bauten. Ganz im Gegenteil unterstützen sie eher den sich zunehmend bessernden Status von Stadtteilen, die wegen ihrer geringeren historischen Bedeutung meist kaum Beachtung finden.

Man kann wohl die oft beschriebene Abneigung der Stadtbewohner gegenüber neuer, moderner Architektur somit auch etwas relativieren, scheint es die Wiener nämlich nur dann beinahe davor zu grausen, wenn es das „schon immer da gewesene“, historische Bild ihrer Stadt verändert.

// LISA RIBAR

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