TOMAK. Ein Name der wie ein Massiv zwischen Selbstzerstörung und ständiger Neuentdeckung die österreichische Kunst der letzten Jahre erschütterte. Der Posterboy of Antikunst war bisher in zahlreichen Ausstellungen renommierter Museen und Galerien vertreten und reizte mit seinen Arbeiten ständig neue Grenzen der transdisziplinären Auffassung von Kunst aus. Daniel Lippitsch sprach in entspannter Runde mit TOMAK über seine neue Serie, Zerstörung in der Kunst, die Härte des Kunstgewerbes und den hinterfragbaren Nutzen von Kunstuniversitäten.

 

Ich sehe hier an der Wand ein gutes Dutzend Bilder die mir noch in keinem Katalog untergekommen sind. Was ist TRAFO?

TRAFO bedeutet „The Rise and Fall (of Tomaque Deville)“. Es ist meine aktuelle Bilderserie, die sich unter anderem weiterführend mit der Identität des Namens – dem Nom de Guerre: TOMAK – auseinandersetzt. Ein Thema, das mittlerweile absolut ausreichend besprochen wurde, daher will ich eher weniger auf diese inhaltliche Diskussion eingehen.

Deine Serien sind immer sehr umfangreich und dicht konzipiert. Gib uns doch einführend bitte ein paar Infos zu deinen neuen Arbeiten.


Die Serie spielt mit verschiedenen Verwandlungen der Identität. Vom Kind zum Elefant und weiter zum Berserker mit der Säge und so weiter…
Als grundlegende Technik habe ich die Collage zur Zerstörung der Identitäten verwendet. Meine bisherigen Zeichnungen und Textformen ziehen sich durch alle meine Kataloge, von daher kann man die aktuelle Serie mit der Verwendung der Collage als Voranschreiten der vorangegangenen Zyklen sehen.

Die Serie basiert generell auf Texten, Fotografien, Fundstücken etc. und arbeitet im Vorhinein mit einer materiellen Zufälligkeit. Dennoch arbeite ich ständig mit den Eigenschaften und Techniken der Malerei. Es fließt hier alles rein, was ich im letzten Jahr gelesen, geschrieben und geschaffen habe. Das waren nicht nur theoretische, sondern auch die tatsächlich materiellen Grundlagen für die Collagen.

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Seit wann arbeitest du mit der Technik der Collage?


Ich schätze seit circa einem dreiviertel Jahr. Es ist ein relativ junger Prozess.

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Aus  welcher Motivation heraus hast du die Serie mit den Collagen begonnen?


Diese Serie entstand mit einer Geschichte. Vor einem Jahr habe ich begonnen zu schreiben. Die Vortexte habe ich dann neu gelesen, ausgebessert oder ergänzt.
Dabei entstand ein wundervoller Psychopathenritt erster und letzter Klasse. Dann habe ich begonnen mir all diese wirr zusammengepickten Zettel fasziniert durchzulesen und mit Bildern, Fotos und Zeichnungen erweitert. Es wurden aus verschiedenen Vorlagen neue Identitäten und somit wurde die Transformation des TOMAK weiter geführt. Der totale Abschluss dieser Selbstdarstellung muss immer die Zerstörung sein. Der TOMAK wird zum Zombie und ich schließe es ab. Das klingt vielleicht jetzt alles etwas amorph aber man kann schwer erklären wie ich mir die Ästhetik der Arbeiten in meinem Kopf vorstelle. Ähnlich schwer zu erklären wie ein abstraktes Bild.

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In deiner neuen Serie stolpert man oft über die Verwendung einer gewissen offensichtlichen Symbolik, zum Beispiel in Form von Krawatten oder Künstlerzitaten.


Das Krawattensymbol zieht sich bei mir immer durch, da die Krawatte für mich als Symbol einer Kultivierung oder einer Anpassung steht.

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Siehst du das positiv?

Ja. Ich denke ein zwanghaftes Abschotten von einer Kultur und die Verneinung von absoluten Zuständen wie einer Kultivierung ist lächerlich. Kunst braucht Geld und wenn man sich aufführt wie ein Drecksschwein wird man nicht weit kommen. Man braucht eine gewisse Bildung und Kultur, sonst wird man einmal irgendwo eingeladen und dann nie wieder. Es geht auch um die Eigenpräsentation. So wie die Kunst ästhetisch ist, sollte auch der Mensch ästhetisch sein. Es geht um das sich Kultivieren, das sich Inszenieren. Man lädt bei mir ja auch den TOMAK und nicht irgendwen anders anstatt dieser Künstlerperson ein. TOMAK ist die Inszenierung – TOMAK die Marke. Ohne die Arbeit an meiner Person wäre das Leben, wie ich es führen darf, nicht möglich. Von daher ist für mich diese Heuchelei unnötig und führt nur dazu, dass die künstliche Härte zerstört wird.

Diese Härte muss man auch haben.

Absolut. Diese Härte geht mit einer Offenheit einher, durch welche ich die Leute an meinem inszenierten großen Leid teilhaben lasse. Man kann sich jeden Tag auf RTL2 den leidenden Trash der Menschen ansehen, der meiner Meinung nach nur peripher in der Kunst seinen Anspruch finden sollte. Von daher sieht man sich als Künstler gezwungen eine gewisse Attitüde zu entwickeln. Man muss diese Härte auch lernen sonst bleibt man auf der Strecke. Talent haben viele aber es ist nur die Arbeit die zählt. Es sind nicht die Leute am Laptop im Kaffeehaus die ein „Projekt“ haben. Projektideen habe ich am Tag 150. Zum Glück habe ich auch genug Leute hinter mir die mir dabei helfen einen Teil dieser Ideen zu realisieren.

Malerei und Zeichnung sind beinahe omnipräsent in deiner Arbeit. Wie gehst du mit dieser Vermischung der Disziplinen um?

Der Schwerpunkt auf die Zeichnung ist eher durch die Anwesenheit der Arbeiten in der Albertina und ähnlichen Ausstellungen geprägt worden. Verstärkt durch den Umstand, dass heutzutage sowieso keiner mehr malt. Es gibt in meinen neuen Arbeiten malerische Stellen, flache Stellen oder auch tiefe Stellen die definitiv von den malerischen Arbeiten geprägt sind. Das Problem ist für mich nicht etwa irgendetwas zu malen, ich kann ja alles malen! Gott sei Dank! Und jetzt setzte ich diese Gabe auf ganz besonders teuflische Art und Weise um (lacht)!
Ich versuche generell immer von meinen Bildern weg zu malen, zu verschieben, sie zu reinigen. Daher gehe ich jeden Tag um neun Uhr in die Hölle meines Ateliers und suche die Schwerpunkte, die Spannungen und die Form in meinen Bildern. Die Setzung der Verbindungen und inhaltlichen Systeme, wie zum Beispiel die Symbolik des Adernetzes, dringt von der Technik der Zeichnung in meine weiteren Arbeiten, wie ein Sprachsystem, ein. Ich sehe mich dabei in der Tradition von Dürer und ähnlichen Meistern. Das Adergeflecht ist eine eigenwillige und komplizierte Symbolik zur Zusammenführung von Form in meinen Bildern. Getreu dieser Logik wäre das Bild erst dann fertig, wenn die Sprache so kompliziert ist, dass ich es selber nicht mehr verstehe (lacht).

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Wann kannst du für dich eine Arbeit dann als fertig bezeichnen, wenn du ständig mit weiteren Übermalung und Veränderungen konfrontiert bist?

Wenn ich es abgebe hat es den ca. vier Wochen dauernden Prozess überstanden und ich bin damit durch. Ansonsten wird es wieder neu übermalt.

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Ähnlich wie bei Richter?

Naja, Richter ist ja der Meister der Oberfläche! Im Endeffekt ist das alles abgemalte Scheiße ohne Inhalt und wenn es nix wird dann fährt er mit dem Spachtel drüber und das wars. Das einfachste Kunstmodell das es gibt und es ist meiner Meinung nach uninteressant. Der Mann ist ja auch schon über 70. Er hat einige wichtige politische Arbeiten geschaffen die ihn bekannt gemacht haben aber ich bin einer der Menschen die ihn schon auf dem Zeichenblatt vernichtet haben, wie man in meinem Deutschlandzyklus mit der „Verstörung des Gerhard Richter“ sehen kann. Meine Galerie hat den Richter schon in den 70ern aufgrund von seiner Oberflächlichkeit abgelehnt. Er hatte mit Polke in den 70ern den großen Erfolg in Amerika und wenn die amerikanischen Galerien etwas machen, dann machen sie es klug und man wird zum Millionär. Die kaufen sich dann ihre Kritiker, ihre Ausstellungen und man ist mit der Geschichte durch. So läuft es nun mal, das sollte man einsehen und akzeptieren. Unter anderem ist genau das ja auch ein Problem der Kunstlandschaft in Österreich. Viele Galerien in Wien hören bei Preisen von 15.000€ einfach auf zu verkaufen. Andere österreichische Künstler sind im Gegenzug dermaßen exorbitant teuer und werden somit nicht regulär gekauft. Ist ja auch nachvollziehbar, der Markt ist gesättigt! So kann sich gar kein öffentlicher Kunstmarkt mit ordentlichen Preisrelationen entwickeln. Ich bin auf alle Fälle froh, dass ich mit meinen Arbeiten absolut frei bewegen kann und meine Zyklen sich sehr gut verkaufen.

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Es gibt da schon noch einige hochpreisige Österreicher: Rainer, Kogelnik…

Der Rainer macht es schlau! Man muss zugeben, dass er bestimmt einer der geschicktesten Geschäftsmänner unter den österreichischen Künstlern ist. Nitsch zum Beispiel hat seinen Preis nach der großen Tate Modern Ausstellung verhaut. Ich finde seine Arbeiten wundervoll und er ist mir ästhetisch bestimmt am nächsten aber so ist es nun mal wenn man sich seine Auktionspreise heute ansieht.

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Was ist mit Lüpertz?

Lüpertz hab ich als unglaublichen Selbstdarsteller kennengelernt. Wir haben gegeneinander Fußball gespielt: Attersee gegen Lüpertz Klasse im Horr Stadion. Lüpertz spielt ja auch relativ gut Klavier…

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So weit ich weiß warst doch auch schon mal in der Musik tätig…


Ja, Gesang und verrückte Instrumente, nur ein bisschen rockiger. Ich hab über einen umgebauten Kopfhörer gesungen der eine wahnsinns Verzerrung erzeugte. Damals hatte ich auch noch eine helle schöne Stimme. Die habe ich leider verloren…offensichtlich durch die Malerei (lacht).
Ich war ziemlich wahnsinnig mit meinem Cousin – der noch ein viel größerer Geist war als ich. Mit meinem Cousin habe ich Tür an Tür gemalt, musiziert und diskutiert. Etwas das heute noch passieren sollte in diesem Alter; die Welt abwägen, neu erfahren, wieder entdecken. John Zorn war für mich während dieser Zeit und noch heute unglaublich wichtig. Es ist bei ihm immer alles John Zorn, so wie bei mir auch immer alles TOMAK ist. Die Musiker haben mir von Beginn an geholfen, weil sie stets versuchen dieses Gefühl einer neuen Ästhetik zu finden und was dann schlussendlich wirklich gesagt wird, nur noch zweitrangig ist…

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Seit kurzem integrierst du auch Skulpturen in dein Oeuvre…

Meine Skulpturen waren bis jetzt eigentlich mein größter Erfolg. Ich habe begonnen mich mit dem Thema Kopf und Skulptur zu beschäftigen. Das ging mit der Vermessung meines Ohrs an der TU weiter, welches dann anschließend aus Polyurethan ausgefräst wurde. Weitere Formen wurden von einer deutschen Firma noch anschließend extra gegossen. Es war sehr spannend zu beobachten wie energisch man bei solch kostspieligen Projekten die gesamte Zeit über in Verhandlungen mit den Lieferanten stehen muss. Es wird einem dadurch wieder einmal schlagartig klar, dass Kunst ein Marathon ist, wenn du glaubst du bist am Ziel, bist du weg!
Auf alle Fälle habe ich mich daraufhin gefragt, was ich mit meinem Schädel machen kann, wenn ich ihn vermessen und ausfräsen lasse.

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Welche Deformierungen oder Umwandlungen gibt es bei den Skulpturen und warum?

Zu Beginn ging einfach mit dem Flammenwerfer auf die Köpfe los. Außerdem hatte ich noch Stahl, schwarze Farbe und eine Motorsäge um die Deformierungen der Köpfe zu erzeugen. Die Stahlpartien wurden mit Thermit bearbeitet um den Stahl formen zu können. Daraufhin haben wir im 15. Bezirk mit diesem ewig brennenden Zeug angefangen Zähne zu gießen, um diese durch die Köpfe zu treiben. Das zerstören macht mir durchaus viel Spaß. Es wird immer etwas über- und ausgelagert um die Arbeiten weiter voran zu treiben. Die Stücke sollen dennoch nicht direkt lesbar sein, sondern ihr Geheimnis und Rätsel behalten. Offensichtlich gelingt mir das immer noch ganz gut (lacht).

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Es zieht sich bei dir immer ein klares Spiel mit Materialien durch die Arbeiten. Diese werden aufgebaut und zerstört. Kann man diesen Arbeitsprozess als eine aufbauend, schöpferische Zerstörung verstehen oder distanzierst du dich von solchen Bezeichnungen?

Ich glaube an das picassoide Prinzip der ständigen Transformation. Picasso hat es sehr schön mit allen erdenklichen Techniken vorgemacht, wie die immer selben Themen von Körper, Proportion und Komposition verstanden werden können. Bei der Zeichnung verschieben sich diese Wertigkeiten vielleicht etwas. Bei der Malerei hingegen ist die Komposition das absolut Grundlegende! Es gibt auch nur wenige die das beherrschen — Neo Rauch etwa, Baselitz mit Abstrichen vielleicht.

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Du hast ja bei Attersee gelernt. Wie stehst du persönlich zu Kunstuniversitäten oder einer künstlerischen Ausbildung?

Mit Attersee habe ich offensichtlich wenig gemeinsam aber ich schätze ihn aufgrund seiner Fähigkeit neben sich zu treten und mit den Studenten zu arbeiten. Eigentlich habe ich mit ihm mehr gesoffen als gelernt (lacht).
Kunstuniversitäten halte ich jedoch beinhart gesagt für unnötig. Ich habe selber einen Kunststudenten als Assistenten und versuche ihm das gesamte Spektrum der Kunstindustrie von Katalogillustration bis zur eigentlichen Strichführung näher zu bringen. Daher bin ich ein Vertreter des klassischen Meister-Schüler Verhältnisses. Man muss lernen zu komponieren um zu verstehen, warum bei dem einen Bild etwas eingefügt wird und bei einem anderen nicht. Nur so lernt man wie die Kunst funktioniert. Am Besten lernt man dann noch bei einer Meisterin um den gesamten Bereich der geschlechtlichen Nähe zur Kunst kennenzulernen. Ich habe zum Beispiel einen typisch zerstörerisch männlichen Zugang in Tradition der großen Gockel wie Picasso oder Bacon. Frauen nähern sich ähnlichen Themen auf gesonderte Art und Weise. Sie arbeiten sanfter und selektiver. Ich bin ein großer Fan von Kahlo und Abramovic — beides Künstlerinnen, die mich sehr beeinflusst haben. Daher muss der Künstler sensibel sein. Ich habe zum Glück die Gabe meine Sensibilität in die Bilder hineinzutragen und dennoch den Leuten als totales Drecksmonster vor den Kopf zu stoßen (lacht).

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Das Thema der Provokation wird oft in Verbindung mit deinen Arbeiten angeführt. Ich persönlich finde deine Arbeiten zwangsweise nicht provokativ. Jedoch kann ich verstehen das einige Motive, zerstückelte Anatomien oder diverse Waffen von den Leuten als provokativ empfunden werden. Wie positioniert sich das Thema der motivischen Provokation in das Schema des Aufbauens und Zerstörens?

Diese anatomischen Sachen kommen von der Formsprache, denk an das Adergeschlecht, die Vernetzung der Form. Gewisse Dinge stehen einfach für etwas: Zähne für Aggression und so weiter — so kompliziert ist das nicht was ich hier mache. Die Poesie tritt in den Vordergrund und lässt Räume für Interpretation. Du könntest sonst einfach auch: „Denk mal nach“ drauf schreiben. Die Zeichnung arbeitet hingegen sehr viel analytischer als die Malerei. Zur Malerei komme ich vom Text und versuche anschließend das Geschriebene zu poetisieren — so verstehe ich die Kunst, ohne dem ganzen Gequatsche. Ich möchte kein Schriftsteller sein…

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Welche Schriftsteller beeinflussen dich am meisten?

Natürlich Nietzsche, obwohl ich meine, dass er immer falsch verstanden wird. Man muss ihn ungemein positiv lesen. Das Zerstören ist nur eine Überwindung aller Hemmungen und er verlangt die Zerstörung aller Hemmnisse. Diese Übermenschen-Scheiße über die sich viele auslassen ist zum Einen falsch interpretiert und falsch verstanden. Der Übermensch bei Nietzsche soll sich erheben und überwinden. Das kann man gleichschalten mit der These des Kultivierens über die wir bereits gesprochen haben.
Ich versuche immer in verschiedenen Disziplinen gleichzeitig quer zu lesen. Momentan versuche ich gerade wie ein Wissenschaftler zu lesen. Immer weiter zurück zu gehen und die Genauigkeit der Dinge wiederzufinden.

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Wie geht es weiter mit TOMAK?

Es wird bunt und abstrakt. Ich werde besonders mit neuen Farbkonzeptionen arbeiten.
Farbe hatte ich ja bereits bei früheren Serien integriert und zukünftige abstrakte Bilder theoretisch zu erklären halte ich generell für problematisch. Auf alle Fälle wird es großflächig und bunt!

Vielen Dank für das Gespräch!

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