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Mit dem Wort „Doppelleben“ assoziiert man etwas Negatives, etwas Unehrliches. Man denkt an Zwiespältiges, an zwei Strömungen in einem Körper, die augenscheinlich nicht miteinander vereinbar sind. Dass sich, vor allem in der freilebigen Kunst, zwei unterschiedliche Strömungen nicht automatisch ausschließen müssen, sieht man jedoch an der aktuellen Ausstellung von René Burri in der Galerie Ostlicht.

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[dropcap]Als Fotograf habe ich ein Doppelleben geführt – eines in Schwarzweiß und eines in Farbe[/dropcap]

Zitat René Burri

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Anlässlich des 80. Geburtstags von dem Schweizer Fotografen René Burri wird versucht sein künstlerisches Doppelleben zwischen Schwarzweiß- und Farbfotografie zu durchleuchten. Der 1933 in Zürich geborene Künstler wurde in der dortigen Kunstgewerbeschule ausgebildet und zählt heute zu den etabliertesten Fotografen des späten 20. Jahrhunderts. Als ein Fotograf, der vor allem durch schwarzweiße Fotografien von Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Le Corbusier  und Ernesto „Che“ Guevara berühmt wurde, ist seine Affinität zur Farbfotografie durchaus erstaunlich. Üblicherweise wechselt man als Fotograf nicht einfach zwischen diesen doch so unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten hin und her -und schon gar nicht so erfolgreich wie Burri. Das Motiv des Doppellebens zeigt sich aber nicht nur an der festen Überzeugung, dass das eine das andere nicht ausschließen muss, es lässt sich auch an der fast unmerklich verlaufenden Grenze zwischen Journalismus und Kunst erkennen. René Burri ist also ein profilierter Fotograf, der sich ganz klar als Protagonist mit künstlerischem Anspruch einordnen lässt, sonst aber nicht wirklich in eine Schublade gesteckt werden kann.

In den sechs Jahrzehnten seines Schaffens als Fotograf setzte er sich mit vielen verschiedenen Gattungen der dokumentierenden Fotografie auseinander. Seine ganz eigenen Lösungen für Portrait, Landschaftsfoto, Architektur und Reportage zeichnen sein umfangreiches Oeuvre aus. Jedoch trafen seine Schwarzweißfotografien in der Vergangenheit auf ein größeres mediales Echo und erreichten so einen höheren Bekanntheitsgrad. Die Ausstellung im Ostlicht versucht nun auch seine bisher unbekannten Farbfotografien in den Fokus zu rücken. Die Farbfotografien, die seit Mitte der 50er entstanden, machen Burris ganz persönliche Reflexion der Farbe deutlich. Aber ein Versuch seine Farbigkeit vorzustellen kann nur gelingen, wenn man auch einen Blick auf seine Schwarzweißfotografien wirft. Denn bei René Burri gelingt es, dass sich diese beiden grundverschiedenen Formen nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig in ihrer Existenz bestärken. Der Fotograf beweist also nicht nur einen Blick für die Welt in Schwarz und Weiß, er zeigt auch, dass er Farbe reflektieren und immer wieder neu und auf überraschende Wege denken kann. Er hat die Gabe sich parallel beider Ausdrucksmittel zu bedienen. Es wird spürbar, dass ihm das Spiel mit Form und Farbe genauso liegt, wie das Spiel mit Schwarz und Weiß. In seinen Farbfotografien nutzt er die Farbe, um Verwirrung zu erzeugen. Er lässt sich bewusst auf das Experimentieren mit verschiedenen Perspektiven ein, zeigt dem Betrachter verwirrende Ein- oder Ausblicke und stiftet so Irritation. Sein Stil versprüht geradezu Weltoffenheit und zeigt Burris Neugierde für andere Kulturen. Dabei dokumentieren seine Bilder das von ihm auf Reisen erlebte, sie sind oft spontan entstanden, aber keinesfalls willkürlich. So zeigt das 1969 in Mexico City entstandene Bild von Häuserfassaden sein ausgeprägtes Gefühl für Form und Farbe. Die Anordnung der Flächen auf dem Bild erinnern an die geometrisch zerteilten Formen im Kubismus und auch die Farbigkeit könnte kaum kontrastreicher sein. Dass René Burri nicht nur ein Gefühl für Form und Farbe, sondern auch für Emotion hat, wird in dem in Bahia Brasilien entstandenen Bild von 1977 spürbar. Die Bewegung der zwei fröhlich tanzenden Männer wird auf erstaunlich simple Art und Weise von Burri festgehalten.

Diese einfache Ehrlichkeit in seinen Motiven ist es, die sein Werk so erstaunlich macht. Dadurch, dass einige seiner berühmtesten Schwarzweiß-Ikonen den Farbfotografien zur Seite gestellt werden wird die Authentizität seines fotografischen Blickes noch weiter betont. Es scheint fast so, als würde René Burri durch seine Kamera Dinge sehen, die der Rest der Welt mit bloßem Auge nicht zu erkennen vermag. Zu einer Zeit, als die Farbfotografie noch ganz am Anfang stand, ist es umso erstaunlicher, wie Burri es verstand souverän eigene Lösungen zu finden. Er positionierte sich als Zeitzeuge mit der Kamera und zeigt eine berührend ehrliche Welt. Es gelingt ihm kurzweilige Emotionen in seinen Bildern zu verewigen, ohne dabei zu eindeutig und flach zu sein. In seinen Bildern wird die Wahrnehmung der Betrachter auf den Prüfstand gestellt. Die Welt ist die Bühne, die Menschen die Protagonisten und René Burri platziert sich mittendrin mit seiner Leica-Kamera als Konstante, die feinfühlig beobachtet und durch die Linse sichtbar macht, was vom Auge ungesehen bleibt.

// Anna Maria Burgstaller

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René Burri
Doppelleben

17.01. – 15.03.2014

im Ostlicht Wien

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