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Mit der kommenden Ausstellung ‚Versus‘ fokussiert die Galerie ViertelNeun eine Gegenüberstellung der ‚alten Wilden‘ der Wiener Szene mit den ‚jungen Wilden‘. Anna Maria Burgstaller war vor Ort und sprach mit Raimund Deininger und Alexander Teissig über die Konzeption, den Wiener Aktionismus, die junge Szene in Wien und über Skandale in der heutigen Zeit… 

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Gab es einen konkreten Anlass für die Wahl dieser Gegenüberstellung oder wie sind Sie auf diese Thematik gekommen? 

Alexander Teissig: Es kam ein Vorschlag von mir – das war die Initialzündung! Es hat keinen wirklichen Aufhänger oder Anlass in dem Sinn gegeben. Was vielleicht dazu kommt, ist, dass in den letzten zwei Jahren zwei wirkliche Säulenheilige gestorben sind: Otto Muehl, einer der Hauptmitbegründer des Aktionismus, und Franz West.

Raimund Deininger: Natürlich kenne ich den Alexander Teissig schon viele, viele Jahre. Er ist ein profunder Kenner, Kunsthistoriker, Geschäftspartner und Freund. Unsere Galerie ViertelNeun steht für die junge Wiener Szene – das ist unser Programm. Die Künstler aus den 1960er und 70er haben Weltruhm erlangt. Es ist interessant eine so aggressive, psychologische, gesellschaftszersetzende und demaskierende Szene der neuen Szene gegenüberzustellen.

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Worin liegt der Reiz dieser Gegenüberstellung?

Raimund Deininger: Der Reiz der Ausstellung ist, dass die Bewegung des „Wiener Aktionismus“, der Wien immer noch in der weltweiten Wahrnehmung prägt, natürlich auch in der Wiener Kunstszene seine Spuren hinterlassen hat. Selbst in der Ausbildung bei jungen Künstlern auf der Angewandten und an der Akademie ist der „Wiener Aktionismus“ fest verankert und einfach nicht mehr wegzudenken. Nun lässt sich in der neuen Generation der 30-35 jährigen eine neue wilde Wiener Szene sehen und das finde ich wahnsinnig spannend. Insofern ist die Gegenüberstellung toll! Herr Teissig hat ganz hervorragende und außergewöhnliche Werke beigesteuert. Es ist nicht immer nur das eine große Thema – also „der Inhalt“ – wichtig, sondern es ist auch die Auswahl der Werke, die entscheidend ist. Wir zeigen Dinge, die noch nicht sooft gezeigt wurden, die aber exemplarisch für die Zeit der 60er und 70er Jahre sind und sehr stark reflektieren.

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Wenn Sie als Galerist – der viele junge Künstler in seiner Galerie unter Vertrag hat – sich für eine solche Gegenüberstellung entschieden, dann könnte man annehmen, dass Sie Ihre Künstler eben in dieser Tradition sehen oder eben eine bewusste Abgrenzung wahrnehmen… Ist der Wiener Aktionismus immer noch eine wichtige Inspirationsquelle?

Alexander Teissig: Der Wiener Aktionismus hat nicht nur in Wien, sondern weltweit große Bögen gezogen. Künstler wie Andy Warhol beziehen sich etwa auf diese Strömung. Es gibt im Wesentlichen nur zwei große von Österreich ausgehende Kunstströmungen. Die eine geht von Egon Schiele aus, die Andere ist der Aktionismus – was anderes haben wir nicht! Wobei das für dieses kleine Land natürlich eine enorme Leistung ist. Wichtig ist noch Sigmund Freud, da sich die Aktionisten in ganz hohem Maße auf ihn berufen haben. Fest steht, dass es ohne Freud nicht geht.

Raimund Deininger: Egon Schiele und Gustav Klimt sind exemplarisch für Wien. Ihre Arbeiten waren stark geprägt von Sexualität; teilweise bis ins Pornographische. Gustav Klimt war ebenfalls eine Demaskierung der Fin de Siècle Gesellschaft, des zu Ende gehenden Kaiserreichs. Für mich ist das mit ein Grund warum gerade diese beiden Künstler am Beginn des 20. Jahrhunderts so entscheidend waren. Österreich wird global als ein Land gesehen, das sich gerne einen Zuckerguss verpasst. Die Dinge werden alle beschönigt und es war „eh immer alles in Ordnung“. Der Kaiser war ein guter Kaiser und Hitler wurde Gott sei Dank ein Deutscher. Jene Künstler, die all diese merkwürdigen österreichischen Zuckergussgeschichten angreifen, sind die, die international am stärksten wahrgenommen werden. Das gilt sowohl für den Beginn des 20. Jahrhunderts – damals ging es um die Kaiserzeit – als auch für den Wiener Aktionismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

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‚Versus‘ vermittelt vielmehr die Tendenz einer Konfrontation statt eines Dialoges. Wo finden sich in der Ausstellung Momente dieser Konfrontation und wo treffen unterschiedliche Ansätze, Weiterentwicklungen und viel leicht auch Gegenbewegungen aufeinander?

Alexander Teissig: Ich bin nicht besonders Harmoniesüchtig, darum brauche ich auch ehrlich gesagt keinen Dialog. Für mich wird dieses ganze Dialog-Thema vollkommen überschätzt. Junge Künstler sollen machen was sie wollen. In dem Moment, wo sich die Betrachter auf irgendetwas beziehen, geht die Eigenständigkeit verloren. Heutzutage braucht man niemanden, der malt wie Schiele oder Nitsch. Wir brauchen keine Kopisten. Wichtig ist dem Künstler keine Vorschriften zu machen.

Raimund Deininger: Man entkommt dem, was vorher gewesen ist nicht. In irgendeiner Weise wird man durch die Geschichte ohnehin traumarisiert – wenn man es mal ganz übertrieben ausdrückt.

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Wie sind Sie bei der Konstruktion der Ausstellung vorgegangen? Was waren ihre Kriterien für die Auswahl der arrivierten Werke und jene der jungen Künstler? 

Raimund Deininger: Es gibt einen Aspekt, der mir schon sehr wichtig bei der Auswahl der jungen Leute war: Im Wiener Aktionismus gab es eigentlich keine weiblichen Künstler. Selbst Valie Export war mehr eine Medienkünstlerin, als eine Aktionistin. Ihre Aktionen und Performances im öffentlichen Raum waren feministisch motiviert. Es ging ihr nicht um den Aktionismus im Sinne des Wiener Aktionismus. Darin geht es nämlich um Sexualität, Psychologie, Traumwelten, Geschichtsaufarbeitung und all diese Dinge. Wenn man sich das Werk anschaut sind Frauen darin eigentlich eher Objekte oder Performancepartner, aber keine eigenständigen künstlerischen Impulsgeber. Ob das beabsichtigt war oder nicht, weiß ich nicht, aber es war auf jeden Fall so. Darum haben wir aus der jungen Szene drei Frauen ausgewählt, die sehr eigenständig und unabhängig agieren und dieses wilde performative Thema drauf haben. Das sind Judith Rohrmoser, Jakob Lena Knebl und Marianne Vlaschits. Wobei Jakob Knebel eigentlich etwas tut, was im Wiener Aktionismus gar kein Thema war: Das „Queer-Thema“; bin ich ein Mann oder eine Frau? Sie spielt mit Doppelsexualität, mit Transgender und greift es auf besondere Weise auf. Sie heißt ja auch „Jakob“, hat also einen männlichen Vornamen, obwohl sie als Frau geboren ist. Sie spielt auch stark mit ihrem Körper, was die Wurzeln wiederum im Wiener Aktionismus haben kann.

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Wie werden Sie bei der Hängung der Werke vorgehen? Wie wird die Ausstellung aufgebaut sein?

Raimund Deininger: Am Anfang habe ich mir gedacht wir machen wirklich eine Gegenüberstellung von Werk zu Werk. Ich bin davon abgekommen, denn das wäre einfach zu schulmeisterlich. Es ist auch nicht die Absicht der jungen Künstler gewesen sich explizit auf Otto Muehl, Günther Brus oder Hermann Nitsch zu beziehen. Die machen ihre Werke, weil sie es jetzt machen wollen. Es gibt eine interessante Koinzidenz, die man gegenüberstellen kann. Das heißt wir werden in Gruppen hängen und keine direkten Gegenüberstellungen machen. Die Ausstellung in sich ist eine große Gegenüberstellung. Wir haben auch Leute wie Franz West, Erwin Wurm und Hubert Schmalix, die gar nicht zu den Wiener Aktionisten und auch nicht zur jungen Szene gehören. Sie haben aber Werke abgeliefert, die sehr mit dem Thema zu tun haben. „Mind Bubbles“ von Erwin Wurm hat etwa mit dieser psychologischen Geschichte zu tun. Und die erotisch aufgeladenen Arbeiten von Hubert Schmalix ebenfalls. Das war in den 1990ern oder Anfang 2000 ein Thema. Darum war es uns wichtig, diese Bilder dabei zu haben. Es ist jetzt kein Zeitsprung, sondern Kunst von 1952 bis 2014.

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Was ist das Ziel dieser Ausstellung? Gibt es eine große Message und einen großen Faden oder wird dem Betrachter eher ein großes Spektrum an verschiedenen Positionen präsentiert?

Raimund Deininger: Aufgrund der Anzahl der Künstler ist es natürlich ein großes Spektrum verschiedener Positionen. Es wird auch keine Wertigkeit vorgenommen. Andere Zeit – Andere Kunst!

Alexander Teissig: Es gibt schon ein Ziel: Eine Galerie ist immer dazu da, Kunst nicht nur herzuzeigen, sondern auch unter die Menschen zu bringen. Das heißt ganz simpel formuliert ist das Ziel auch etwas zu verkaufen. Ohne Kunst zu verkaufen, kann der Künstler auch nicht leben. Kunst ist ein Produkt, nur halt ein ganz besonderes.

Raimund Deininger: Ja, das ist auch ein wichtiges Thema. Kunst als Ware ist ein bisschen ein Tabuthema. Es geht aber auch um das Verkaufen. Natürlich gibt es eine Botschaft und die ausgestellten Werke werden mit Fachverstand ausgewählt, aber ohne Verkauf geht nichts weiter. Ein Künstler macht etwas ganz wichtiges: Er gibt eine gesellschaftlich relevante geistige Information weiter – in Form von Kunstwerken. Und wer das nicht kauft ist selber schuld, sag ich jetzt mal ein bisschen übertrieben. Denn ohne diese geistigen Inhalte würden wir innerlich verkümmern. Ein Kunstwerk ist aber auch materiell, hat also eine wesentlich längere Lebensdauer was den Informationsgehalt betrifft. Oft ist die Kunst sogar visionär und wird erst später verstanden und leistet daher einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Blick auf die Welt.

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Wenn Sie die jüngeren Positionen den arrivierten gegenüberstellen – was ergeben sich aus Ihrer Sicht für Schnittstellen und Unterschiede? Aktionismus damals und heute… ?

Raimund Deininger: Natürlich gibt es Aktionismus noch, nur wir leben in einer völlig anderen Gesellschaft. Man muss sich nur vorstellen, dass es 1959 – als Nitsch seine erste Aktion in der TU gemacht hat – gab es nichts an Kommunikationsmitteln, wie wir sie heute kennen. Es gab eine weltweite Kommunikation nur über die schreibende Zunft, also über Nachrichtentexte die übermittelt wurden. Und das konnte oft Tage dauern. Das heißt die Kommunikation und die Einflüsse durch die Kommunikation auf das Werk der Künstler war völlig anders. Allein die Bevölkerungszahl hat sich in den 60iger Jahren verdoppelt, es gibt um 3,5 Mrd  mehr Menschen, die wesentlich schneller miteinander kommunizieren, wodurch das künstlerische Medium wiederum verändert wird. Und das sieht man in den aktuellen Werken. Es braucht heute keiner mehr Aktionen wie die von Otto Muehl oder Hermann Nitsch zu machen. Ein junger Künstler verwendet die Fotografie und neue Medieninhalte und trotzdem ist das demaskierende Thema des Aktionismus absolut vorhanden. Es gibt den Aktionismus also, nur in einer anderen Form, weil uns andere Medien zur Verfügung stehen.

Alexander Teissig: Die ‚political correctness‘ hat uns dahin geführt, dass auch die Kunst in einer gewissen Art und Weise prüde geworden ist. Ich würde behaupten: Hätte es den Wiener Aktionismus damals nicht gegeben, heute würde es ihn sicher nicht geben. Es ist also ein ganz klares Phänomen einer anderen Zeit, einer anderen Epoche.

Die 1960er Jahren in Wien wurden durch exzessive Körperaktionen, expressive Malerei zu einer skandalträchtigen Zeit. In welcher Relation befinden sich die ‚jungen Wilden‘ zu dieser Generation von innovativen Künstlern? Kann man sie in der heutigen Zeit überhaupt noch als ‚wild‘ bezeichnen und kann es überhaupt noch Skandale geben?

Raimund Deininger: Das, was damals passiert ist, war sicher total wild. Aber was will man in einer Zeit, wo das Thema Körper durch ist? Jeder 12-jährige kann sich pornographische Inhalte auf sein Handy herunterladen. Daher ist es heute kein Thema mehr die Sexualität weiter nach außen zu bringen. Es gibt aber auch heute noch künstlerische Aktionen, die als Skandal wahrgenommen werden, die aber eigentlich vielmehr eine Aktion sind. Richtige Skandale passieren zwar, aber wir sitzen heute gerne alles aus und schweigen es tot. Diese Haltung hat gewonnen, zu viele verantwortliche Menschen haben gelernt, Dinge auszusitzen. Und irgendwann interessiert es keinen mehr. Gott sei Dank gibt es noch Künstler, die diese Themen auf der intellektuellen künstlerischen Ebene aufgreifen und damit eine gesellschaftsrelevante Position beziehen.

Alexander Teissig: Heute kann man im Prinzip nicht mehr tabuisieren. Wogegen soll die Jugend heute noch rebellieren? Es ist ja nichts mehr da! Die Eltern erlauben alles, also gibt es auch keinen Grund mehr zur Rebellion. Das einzige Tabu, das es heute noch gibt, sind Mohammed Karikaturen. Ansonsten ist das Thema ‚Tabus brechen‘ vorbei. Skandale jedoch gibt es genug, zum Beispiel in der Politik und der Wirtschaft. Grundsätzlich glaube ich auch, man sollte das Wort Skandal nicht allzu inflationär benutzen. Vor ein paar Wochen hat sich auf dem Roten Platz ein Mann als Protest gegen Putin nackt ausgezogen und sich mit einem Nagel die Hoden am Boden festgenagelt. Wenn wir ganz ehrlich sind, wurde fast nichts darüber berichtet – verglichen mit Nachrichten zu Justin Bieber. Das zeigt, dass man nichts mehr unternehmen kann, das tabuisierend wirken würde. Vor einigen Jahren hätte das noch anders ausgesehen.

Worauf dürfen sich die Besucher der Ausstellung freuen? Gibt es ein persönliches Highlight Ihrerseits? 

Raimund Deininger: Die Position von Jakob Lena Knebl ist wirklich etwas Neues und zudem sehr österreichisches. Sie unterrichtet an der Akademie und ist bildende Künstlerin, die auch selber Kulturprojekte kuratiert hat. Durch die starke Arbeit mit ihrem Körper hat sie eine Position entwickelt. Ihr Körper wird im Bild, als auch in Performances stark thematisiert.

Alexander Teissig: Wir haben zwei museale und schöne abstrakte Werke von Otto Muehl aus den Jahren 1984 und 1991, die so herausragend sind, weil Muehl nicht für eine so abstrakte Kunst steht. An diesen Werken sieht man erst, wie gut der Mann eigentlich ist und was er abseits seiner Biografie wirklich kann. Außerdem haben wir zwei wirklich phantastische Arbeiten von Arnulf Rainer. Eine weitere Position ist aus der noch aktionistischen Zeit von Adolf Frohner – das sind Werke, die am Markt kaum noch zu bekommen sind. Kurz: Wir haben teilweise museale, historische Sachen ausgesucht. An erster Stelle steht sicherlich Muehl, gefolgt von Brus, Rainer und Frohner.

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Vielen Dank für das Interview! 

// Dieses Interview  wurde gesponsert von VIERTELNEUN.

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‚VERSUS‘
WIENER SZENE (1952 – 2014)
13. Februar 2014 – 12. März 2014
Eröffnung am 12. Februar 2014 19:30

Mit Werken von Pirmin Blum, Günter Brus, Padhi Frieberger, Adolf Frohner, Martin Grandits, Jakob Lena Knebl, Michail Michailov, Mario Neugebauer, Hermann Nitsch, Otto Muehl, Arnulf Rainer, Judith Rohrmoser, Alex Ruthner, Hubert Schmalix, Marianne Vlaschits, Franz West, Erwin Wurm, Wolfgang Zeindl.

GALERIE VIERTELNEUN
Hahngasse 14, A 1090 Wien
www.viertelneun.com

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