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Die Galerie ViertelNeun wagt mit der Ausstellung „Versus“ den Versuch den Bogen zwischen den ‚alten’ und den ‚jungen Wilden‘ der Wiener Szene zu spannen, um so Kunst von 1952-2014 zu präsentieren. Entstanden ist eine Gegenüberstellung von der aggressiven, stark psychologischen und demaskierend alten Szene mit einer jungen Wiener Szene, die neue Medieninhalte in ihre Kunst mit einbezieht.

Der Tod von Otto Muehl – einem der Hauptmitbegründer des Aktionismus – und Franz West in den letzten zwei Jahren bildete den Nährboden zu dieser Idee der Gegenüberstellung. Diese Künstler erlangen in den 1960er und 70er Jahren mit der Bewegung des Wiener Aktionismus Weltruhm. Ein Erfolg, der Wien auch heute noch sehr stärk in der weltweiten Wahrnehmung prägt; schließlich gab es in Österreich im Wesentlichen nur zwei große Strömungen: Jene um Egon Schiele und den Wiener Aktionismus. Die Werke von Schiele und Klimt sind dabei durch ihre starke sexuelle Prägung – die teilweise bis ins Pornographische reicht – als exemplarisch für Wien einzustufen. Eine Entwicklung, die ohne die Errungenschaften von Sigmund Freud nicht denkbar gewesen wäre. Durch die Demaskierung der ‚Fin de Siècle‘-Gesellschaft vollzogen diese Künstler einen Bruch, der am Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend war für die internationale Präsenz. Dieser enorme Erfolg des Wiener Aktionismus sichert ihm eine Position, die ihn fest in der Wiener Kunstszene verankert; und ihn selbst in der Ausbildung an der Akademie zu einem wesentlichen Bestandteil werden lässt. Die neue Generation entkommt der Vergangenheit nicht. So gesellschaftskritisch, demaskierend und psychologisch der Wiener Aktionismus auch war, weibliche Künstlerinnen wurden in dieser Entwicklung jedenfalls nicht als künstlerische Impulsgeber mit einbezogen, sondern blieben lediglich ein Objekt oder ein Performancepartner. Selbst eine der wenigen berühmten Künstlerinnen dieser Zeit, Valie Export, war mehr eine Medienkünstlerin als Aktionistin. Ihr ging es um den Feminismus und nicht um Themen des Aktionismus wie Sexualität, Psychologie, Traumwelten und Geschichtsaufarbeitung.  Um zu zeigen, dass die Frau in der jungen Wiener Szene eindeutig Einzug gefunden hat, wurden bewusst drei zeitgenössische Künstlerinnen für die Ausstellung ausgewählt. Judith Rohrmoser, Jakob Lena Knebl und Marianne Vlaschits beschäftigen sich mit dieser wilden performativen Thematik und agieren dabei eigenständig und unabhängig. Wobei von Jakob Lena Knebl eine Thematik aufgegriffen wird, die im Wiener Aktionismus überhaupt keine Rolle spielte: das „Queer-Thema“. Durch die starke Auseinandersetzung mit ihrem Körper thematisiert sie die Doppelsexualität und Transgender. Auch wenn das Thema ein völlig neues ist, die Methode der starken Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper hat ihre Wurzeln durchaus im Wiener Aktionismus.

Wichtig ist, dass es trotz der starken Verbindung zwischen den ‚Alten‘ und den ‚Jungen‘ der Wiener Szene keine direkte Gegenüberstellung sein soll. Die jungen Künstler beziehen sich nicht explizit auf Otto Muehl, Günther Brus oder Hermann Nitsch, dennoch gibt es trotzdem eine interessante Koinzidenz, die sichtbar wird. Das große Spektrum der verschiedenen künstlerischen Positionen soll keiner Wertigkeit unterlegt werden. Auch wenn es Verbindungspunkte gibt: Eine andere Zeit bringt bekanntlich eine andere Kunst hervor.

„Versus“ zeigt wie sich der Aktionismus verändert, transformiert und den neuen Gegebenheiten angepasst hat. Heute muss niemand mehr malen wie Muehl, Brus, Rainer oder Frohner. Durch die technische Revolution stehen den Künstlern wesentlich mehr Medien zur Verfügung. Die jungen Künstler verwenden Fotografie und neue Medieninhalte, und mit der Veränderung des künstlerischen Mediums verändert sich auch ihre Kunst. Der Aktionismus hat sich mit der Zeit geformt und ist trotzdem auch heute noch absolut präsent – auch wenn es damals bestimmt einfacher war zu tabuisieren. Doch Skandale passieren weiterhin. Man braucht die Kunst, um diese Themen auf intellektueller Ebene aufzugreifen und so gesellschaftsrelevante Positionen zu beziehen.

// ANNA MARIA BURGSTALLER

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‘VERSUS’
WIENER SZENE (1952 – 2014)
13. Februar 2014 – 12. März 2014
Eröffnung am 12. Februar 2014 19:30

Mit Werken von Pirmin Blum, Günter Brus, Padhi Frieberger, Adolf Frohner, Martin Grandits, Jakob Lena Knebl, Michail Michailov, Mario Neugebauer, Hermann Nitsch, Otto Muehl, Arnulf Rainer, Judith Rohrmoser, Alex Ruthner, Hubert Schmalix, Marianne Vlaschits, Franz West, Erwin Wurm, Wolfgang Zeindl.

GALERIE VIERTELNEUN
Hahngasse 14, A 1090 Wien
www.viertelneun.com

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