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Langsam wird es ruhig. Der Rausch der Stadt, die Hektik fällt von einem ab. Sofas stehen in den Gängen, die Wände sind besprayed mit leuchtenden, aber gleichzeitig abblätternden Farben. Ein ungewohnter Geruch steigt einem dezent in die Nase. Er ist etwas unangenehm, erinnert an Feuchtigkeit. Es scheint, als würde man sich in der Vergangenheit befinden, doch der Schein trügt. Wenige Straßen neben dem Springer-Verlag im Herzen Hamburgs werden ein paar Gänge zu einem der Kunstszene-Viertel der Stadt: Das Gängeviertel.

Obwohl die Umgebung mit all den alten, zerfallenden Häusern nicht an Modernität erinnert, sind die Schöpfungen der Künstler visionär. Interaktive Ausstellungen, moderne Fotografie, skurrile Skulpturen mit Fratzen, vor denen man sich fürchten kann und projizierte Filme auf dem Boden einer Toilette, sodass die Person selbst zur Leinwand wird.

„Wir fühlen uns hier wohl. Auf diesen knapp 9000 Quadratmetern erhalten wir Raum für Kunst, Kultur und Lebensgefühl.“ Franziska Schilling gibt im Gängeviertel Rundgänge für Interessierte, Unterstützer, Freunde oder Künstler, die Inspiration suchen.

Man trifft sich an der „Puppenstube“. Vor dem historischen Gebäude hängen verschieden gekleidete kleine Puppen aus Stoff mit aufgemalten Gesichtern. Hier beginnt also das Abenteuer, ab hier betritt man offiziell die Welt des Gängeviertels. In 12 Gebäuden sind Ateliers, Wohnungen, Gewerbe-, Werk- und Lagerflächen. Von einem Tauschladen, einer Tischlerei bis hin zu einer Druckerei. Eben wie eine eigene kleine Stadt. Das revolutionäre Kunstviertel ist eine neue Heimat für ungefähr 2.000 Kreative und Freunde geworden. Hier können sich die Künstler von der Stadt abgrenzen, ihre Kreativität real werden lassen, Ideen verwirklichen und unter Gleichgesinnten leben.

Die Führung verläuft durch fast alle Gebäude und Gänge, dennoch besteht die Möglichkeit, alles ein Stück auf eigene Faust zu entdecken. In den schmalen Gassen sind überall Skulpturen versteckt, es hängen glitzernde Bilder an Ästen und es ist ein bisschen vergleichbar mit einem Spielplatz für Erwachsene, wo es gilt Dinge zu erforschen. Die Kunst für sich neu zu entdecken. Durch diese interaktive Art, mit welcher das Gängeviertel aufgebaut ist und mit der Offenheit, mit der man hier empfangen wird, werden auch einige Kunst- und Kultur-Muffel gelockt. Selbst einige, die diesen Ort als „alternativ“ bezeichnen würden, wagen einen Blick in diesen Stadtteil, um zu sehen wie die Menschen hier leben und wirken.

Doch wie lange kann das Gängeviertel unter der Belastung der verkommenen Gebäude bestehen? Im April 2010 wurde der Stadt Hamburg ein Nutzungs- und Sanierungskonzept vorgelegt. Das hauptsächlich durch Spenden erhaltene Gängeviertel wünscht sich nun von der Stadt Hilfe beim Erhalt der historischen Gebäude. Auch viele Prominente setzen sich für den Erhalt des Gängeviertels ein. „Ich fühle mich mit den Besetzern verbunden“ sagte Fatih Akin der ‚Welt am Sonntag‘ und bekennt sich offen zu seiner Gängeviertel-Sympathie. Auch die Direktorin des Museums für die Hamburgische Geschichte Prof. Dr. Lisa Kosok ist eine der Stützen. Mit diesem Beistand und der Power, die sich hinter dem ganzen verbirgt, wurde 2011 dann auch eine positive Rückmeldung seitens der Stadt Hamburg erzielt.

Die Künstler sind sich auf jeden Fall sicher: „Wir bleiben hier!“. Für sie kommen neue Bürogebäude, wie es um das Gängeviertel herum bereits realisiert wurde, nicht in Frage. „Das Gängeviertel wird es auch noch in 10 Jahren geben“ ist Franziska überzeugt.  Die Architektur wird wohl auch dann nicht futuristisch sein, aber hoffentlich nach den Sanierungsarbeiten im gleichen Stil erhalten bleiben. Die Künstler und Aktivisten werden auf jeden Fall  ihrem Motto „Komm in die Gänge- mehr Platz für Kunst“ treu bleiben.

// Carolina Vinqvist

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