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Die Stuttgarter Galerie Parrotta Contemporary verführt momentan mit einer facettenreichen Doppelausstellung, die einem die künstlerische Verwandtschaft von sich unbekannt geblieben Künstlern veranschaulicht und deren gemeinsame Konfrontation mit dem Modernen unserer Zeit beleuchtet. Daniel Lippitsch über eine Ausstellung geprägt von konstruktiven Formen, transformativen Entwicklungen und klaren Bezügen.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich Benjamin Bronni (1985) und Mateusz Szczypinski (1984) bereits vor der Ausstellung “Somewhere Between- Kantum / Somewhere Between – Our Matters” stilistisch mit ihrem gegenseitigen Schaffen auseinandergesetzt haben. Auch wird dieser Umstand sehr schnell verständlich wenn man sich ihre Arbeiten beiläufig betrachtet, nur um auf den ersten Blick keine direkten Verbindungen der zwei Künstler feststellen zu können. Es liegt jedoch am Detail und der klaren Gegenüberstellung dieser beiden eher traditionsreich arbeitenden jungen Künstler, um die vorhandenen Divergenzen, Abschottungen und Aneignungen erkennen zu können. Bronnis Arbeit zerrt das Material und die Ebene des Betrachters bis zur Peripherie des Objekts. Man erkennt in seinen Skulpturen eine gewisse Spannung zwischen modernistischen Facetten, wie der klaren Verwendung monochromer Farbflächen und dem Motivs des Raster. Diese werden in einen Prozess der artifiziellen Produktion durch den Anschein von quasi-industriellen Resten reanimiert, um Fragen über die Bedeutung und Platzierung von Material offen im Raum stehen zu lassen.

Bronni arbeitet mit scheinbar recycelten Industrieplatten, dabei entstehen seine Arbeiten dank eindeutiger Präzision. Maschinell gefertigte MDF Platten bilden den Kern dieser Werke, wie es sehr deutlich an “Potemkinischer Komfort Karlos” aus dem Jahr 2014 zu erkennen ist. Die Flächigkeit seiner Skulpturen, die Platzierung an Störflächen des Raumes, sowie die konstante Implementierung des Rasters lässt einen an konstruktivistische Vorgänger denken. In seinen Fotografien beschäftigt er sich jedoch mit eindeutigen Gegenpolen. Diese spielen mit einem unklaren Definitionsmoment und zeigen offensichtliche Abfallprodukte der Skulpturen. Man sieht MDF Reste, Holzspäne oder Zigarettenstummel, welche jedoch durch ihre präzise Anordnung und den schwarzen Hintergrund als etwas Sublimes und beinahe Unantastbares wirken. Geschickt inszeniert fungieren die provokativen Fotografien dieser Reste als klare Überleitung seiner Arbeiten vom sinnlich Industriellen zum inszenierten Ready-Made.

Die Beschäftigung mit Verweisen wie dem Raster oder dem Ready-Made führen uns zum zweiten Künstler der Ausstellung – Mateusz Szczypinski. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die gerasterten Bilder, aus alten Kreuzworträtseln, entnommen von Kunstzeitschriften der 60er Jahre bestehen. Andere wiederum bestehen aus Schnittmustern längst vergangener Modezeitschriften. Erben einer modernen Welt. Szczypinski bemächtigte sich dieser Elemente um sie zu dekonstruieren, das Raster zu befreien und vom Konkreten zum Organischem zu gelangen. Diese Herangehensweise erkennt man ebenfalls in seinen Collagen. Die klare Hinwendung zu einer bereits existenten Art der Formensprache eröffnet ihm die Grundlage zur Transformation des Inhalts.

Beide Künstler veranschaulichen in dieser eingehend gestalteten Ausstellung ihre Fähigkeit zur Erweiterung des Gegebenen. Moderne Themen werden wieder aufgegriffen, neu gesehen und spezifisch erfahren. Es gilt sich zu fragen, warum junge Künstler diesen Rückbezug zu modernen Formen in ihrer Kunst suchen. Bis zu welchem Grad die Entwicklung diverser Themen ausdifferenziert wurde und heute neu gedacht werden kann. Progression mittels Regression als offensichtlich aktuelle Gegenposition oder Erweiterung der immateriellen Präsentation von Kunst unserer Zeit.

// Daniel Lippitsch

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Mateusz Szczypinski | Benjamin Bronni

24. Januar – 08. März 2014

PARROTTA CONTEMPORARY ART

www.parrotta.de

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