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Digital produzierte Muster, ein diagonales Raster und Übermalungen als Repräsentation unserer menschlichen Existenz. Die türkisch-österreichische Künstlerin Pinar Du Pre präsentiert mit ihrer ersten Soloshow in Österreich ihre Perspektive auf die Welt und unser Dasein. Übersetzt in farbintensive, großformatige und übermalte Prints generiert Du Pre ein morphogenetisches Feld und kombiniert es mit unserer Wirklichkeit. Anlässlich ihrer Ausstellung ‚Snapshot‘ sprach Sabrina Möller mit Pinar Du Pre …  

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Eine große Frage, die sich hinter deiner künstlerischen Arbeit verbirgt, ist jene nach unserer Existenz im Universum. Eine Frage auf die es nicht nur scheinbar keine Antwort gibt, sondern die uns auch an die Grenzen unserer Vorstellungskraft bringt. Wie verstehst du Realität und inwieweit äußert sich deine Auffassung unserer Realität, unseres Daseins, in deinem Werk?

Der Mensch ist für mich ein Teil des Ganzen – dessen, was wir Universum nennen. Ein Teil, der durch Zeit und Raum begrenzt wird. Seine Gedanken, Gefühle und sich selbst erfährt der Mensch als separiert vom Rest. Das ist eine Art optische Täuschung unserer Wahrnehmung. 

Ich glaube daran, dass wir in einer holographischen Welt leben. Was nicht bedeutet, dass wir in einer Illusion leben, sondern in einer Projektion. Dieses holographische Realitätsmodell wurde bereits in den 1960er Jahren von Physiker David Bohm zusammen mit Neurowissenschaftler Karl H. Pribram entwickelt. Es besagt, dass unser gesamtes Universum eine holographische Projektion ist. Seine ausführliche Herleitung beschreibt Bohm in seinem Buch „Die verborgene Ordnung des Lebens“. Ich versuche in meinen Werken diese verborgene Ordnung durch mein diagonales Raster wiederzugeben.

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„Snapshot“ – der Titel deiner Ausstellung erinnert zunächst an fotografische Schnappschüsse, die wir im alltäglichen Leben machen – sei es nun mit einer Digitalkamera oder dem iphone. Doch „Snapshot“ kann auch auf eine Arbeitsweise verweisen, die auf eine detaillierte Planung verzichtet und von einer gewissen Spontanität zeugt. Ist der Titel deiner Ausstellung so zu verstehen? 

Obwohl auch sehr viel Spontanität bei der Erschaffung der Bilder zum Spiel kommt, verweist der Titel dieser Serie auf das Erstere: Die alltäglichen Posen und die flüchtigen Momente unseres Daseins, die spontan festgehalten werden.

Wenn ich an meinem Tablet arbeite und zeichne, verzichte ich vollkommen auf eine Planung. Ich erlaube mir völlig intuitiv zu sein und überlasse die Interpretation, die Rasterung und Texturierung völlig meinem ‚inneren Wissen’. Bei der Übermalung selbst hingegen gehe ich sehr gewissenhaft und detailliert vor.

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Du versuchst flüchtige Momente des menschlichen Daseins einzufangen und die Disparitäten zwischen der äußeren und inneren Welt eines jeden Individuums zu visualisieren. Wer sind die Porträtierten in der aktuellen Serie? Sind es real existierende Personen, mit deren Innenleben du vertraut bist oder ist es vielmehr eine Idee des Innenlebens dieser Individuen?

Es sind teilweise real existierende Personen und teilweise meine Fantasiefiguren. Ich habe mich bei dieser Serie völlig von künstlich gestellten Posen vor einer Kamera inspirieren lassen. Mir geht es nicht so sehr darum das detaillierte Innenleben jeder Figur zu erfassen, sondern eher darum zu zeigen, dass wir alle Teil einer viel tieferen Wahrheit, eines Gleichseins und einer Einheit sind. Ich möchte ein momentanes, metaphorisches Röntgenbild darstellen.

Meine Texturen stehen für die Elemente, die unseren Körper formen. Die Elemente selbst wiederum repräsentieren Gefühle und Eigenschaften des Menschendaseins. Sie wiederholen sich in jeder Figur. Es gibt schließlich keinen einzigen Gedanken, der noch nicht gedacht wurde. Es gibt kein einziges Gefühl, das wir nicht alle kennen. Wir alle bestehen aus denselben Elementen. Wir sind uns alle eigentlich nicht nur ähnlich, wir sind uns so gleich. Das Spiel des Lebens ist es diesem Gleichsein zu entkommen. Deshalb habe ich gestellte Posen bevorzugt, bei der die Figur versucht aus dieser Gleichheit auszubrechen.

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Wie gehst du vor bei der digitalen Erstellung deines Musters? Gibt es eine Art Formenvokabular, auf das du immer wieder zurückgreifst und welches du nach einer Art Setzkastenprinzip verwendest oder entwickelt sich alles direkt vorm PC jedes Mal auf Neue? 

Ich greife immer wieder zurück auf Muster, die ich bereits erstellt habe. Für mich repräsentieren diese Muster ja die Bausteine unserer Existenz, deswegen benütze ich immer wieder dieselben. Ich setze meine Figuren auf mein diagonales Raster und ‚zerteile’ diese. Es gibt jedoch kein bestimmtes Prinzip oder keinen Plan, ich erstelle alles völlig intuitiv.

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Warum gibt es bei all deinen Werken eine Art diagonal gesetztes Raster?

Das diagonale Raster stellt eine Art von Matrix des Daseins dar. Eine Art DNA, der unserer Formenwelt unterliegt. Ein morphogenetisches Feld auf dem unsere Wirklichkeit basiert.

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Retrospektiv betrachtet: Wann war der Punkt erreicht, an dem du zu deiner eigenen Formensprache gefunden hast?

Ich glaube das war vor 2 Jahren, als ich die Notwendigkeit einer Matrix gefühlt und das diagonale Raster für mich entdeckt oder erfunden habe.

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Du hast auch lange Zeit in Wien gelebt und bist daher auch mit Künstlern wie Arnulf Rainer vertraut, die das Prinzip der Übermalung entscheidend geprägt haben: Manchmal übermalt er ganze Teile des Werkes oder er fügt Ergänzungen hinzu. Deine Übermalungen hingegen greifen eher vorhandene Strukturen des C-Prints auf und versuchen sie mittels des Materials in ihrer Struktur zu untermauern bzw. deutlicher hervorzuheben. Was macht diese Übermalungen für dich so wichtig?

Ja, wie du schon sagst, glaube ich, dass Arnulf Rainer und ich nicht denselben Ausgangspunkt für das Prinzip der Übermalung haben. Für mich ist die Übermalung eine absolute Notwendigkeit meine Werke wortwörtlich zu erfassen. Nicht so sehr, an dem Werk etwas zu ergänzen. Ich kreiere meine Bilder zunächst sehr spontan an meinem grafischen Tablet. Sowohl die Komposition als auch die Partitionierung werden somit digital erstellt. Ich finde jedoch, dass mein digitales Werk noch nicht wirklich lebt. Es ist fast wie eine Idee, die noch keine Aktion gefunden hat. Als ob meine Bilder nicht wirklich zu unserer Wirklichkeit gehören, wenn Sie nicht in die materielle Ebene geboren werden. Die Übermalung selbst, mein eigenes Handanlegen, ist für mich die Geburt in unsere Realität, der formale Ausdruck einer vorher virtuellen Idee.

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Deinen Arbeiten ist – neben der Farbenpracht – auch eine gewisse formale Analogie zur Ornamentik eingeschrieben. Nachdem du in Istanbul lebst, könnte man davon ausgehen, dass die islamische Kunst für dich ein zentraler Einfluss ist. Inwieweit spielt deine persönliche Erfahrung und der Ort an dem du lebst, eine Rolle für deine Werke? 

Man könnte leicht meinen, dass der farbenreiche Orient mich beeinflusst. Dem ist jedoch überhaupt nicht so! Meine Inspiration kommt völlig und ausschließlich von meiner eigenen inneren Reise. Die islamische Kunst  – so dekorativ sie auch sein mag – oder der Islam selbst haben in meinen Werken keinen Stellenwert.

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Deine Arbeiten verstehst du selber als eine Mischung als Art Deco und Pop Art. Was macht diese beiden Stilrichtungen so aktuell, dass du sie wieder aufgreifst?

Ich habe diese Stilrichtungen eigentlich nicht wissentlich aufgegriffen. Es sind einfach nur die zwei, die sich in meinen Werken – meiner Meinung nach – widerspiegeln.

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Inwieweit wird deine Kritik an unserer vom Konsum besessenen Welt in deinen Arbeiten visuell greifbar? Denn auf dem ersten Blick gliedern sich deine Arbeiten durch Format, Form und natürlich besonders durch die Farben als kleines Pop-Art Zitat in dieser ästhetische Kategorie der Konsumwelt ein… 

Das liegt wahrscheinlich daran, dass meine Bilder an sich keine Kritik darstellen, sondern einfach nur eine Erkenntnis. Ich bin vollkommen verliebt in unsere Existenz, so konsum-besessen und fake sie auch manchmal sein mag. Ist sie nicht auch wunderschön in ihrem Reichtum? Ich bin ein Teil dieser Menschheit, ich posiere und habe Masken wie wir alle und finde nicht, dass ich ein Recht zu jeglicher Kritik habe. Meine Feststellung hier ist keine Aufforderung uns zu ändern. Ich habe kein Ziel einer bestimmten Message, mein Ziel ist die Reise und das Werk selbst. Vielleicht sind meine Bilder so farbenfroh weil ich selbst unbeschwert bin?

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Was möchtest du dem Betrachter deiner Werke mitteilen? Gibt es eine Art Ziel oder Message? 

Ich habe keine konkrete Message, die ich – neben dem bereits erwähnten – verbreiten möchte. Die Wahrheit, die ich für mich gefunden habe, versuche ich in meine Arbeiten zu integrieren. Und vielleicht schwingt diese Wahrheit mit, wenn sich jemand meine Werke anschaut – und eröffnet ihm einen anderen Blick auf die Welt.

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Du präsentierst – nach vielen Erfolgen in der Türkei – nun deine erste Einzelausstellung in Wien. Was sind deine Erwartungen an diese Ausstellung?

Weltherrschaft! Nein, Spaß beiseite! … zu viele Erwartungen sind nie gut. Bisher hatte ich nur das Vergnügen eines internationalen Publikums bei der Contemporary Istanbul Messe und habe die verschiedensten Reaktionen unendlich genossen. Ich vermisse Wien sehr und bin sehr aufgeregt und neugierig über die Reaktionen hier. Ich wünsche mir, dass möglichst viele WienerInnen meine Bilder sehen.

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Vielen Dank für deine Zeit! Wir wünschen dir eine erfolgreiche Ausstellung in Wien!

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PINAR DU PRE

SOLOSHOW ‚SNAPSHOT‘

Eröffnung: Mittwoch, 26. März 2014 ab 18.30 Uhr

Ausstellungsdauer: 27. März bis 25. April 2014

AIC Gallery. Wallnerstraße 4/37. 1010 Wien
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