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Algorithmen treffen auf die Modewelt: In den Arbeiten von Pascal Marchev trifft der strenge Automatismus seiner selbst geschriebenen Programme auf die sich ständig verändernde Modewelt. Fotografien aktueller Fashion Shows werden dabei zur Basis, aus denen mittels des Programms ein Durchschnittsbild generiert wird. Sabrina Möller sprach mit Pascal Marchev über seine Arbeit und die Erkenntnisse, die er aus der Auseinandersetzung mit dieser auf die Ästhetik fokussierten, schnelllebigen Branche zieht…

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Ihre Arbeiten sind eine Hommage an die Vergänglichkeit des letzten Schreis, wobei mit dem letzten Schrei die Mode der aktuellen Fashion Shows gemeint ist. Aus den Fotografien dieser Shows erstellen Sie ein Durchschnittsbild. Wie funktioniert das technisch im Detail? 

Der Prozess bis zum fertigen Bild besteht aus zwei Schritten: Dem Sammeln und der Berechnung. Als erstes werden dafür nach den Fashion Weeks in den vier grossen Modemetropolen London, Mailand, New York und Paris über die Website einer Modezeitschrift sämtliche gezeigten Labels notiert und in ein mit der Programmiersprache Processing geschriebenes Programm eingespeist. Das Programm übernimmt danach den Download und das Sortieren aller Abbildungen aus den Präsentationen der jeweiligen Kollektionen. Im nächsten Schritt wird für jede der Kollektionen einer Saison mit Hilfe eines weiteren selbst entwickelten Programms Pixel für Pixel die Durchschnittsfarbe berechnet, wodurch jeweils ein Durchschnittsbild pro Kollektion resultiert.

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Gibt es zu jeder Saison nur ein einziges Bild oder nach welchen Kriterien werden die einzelnen Bilder ausgewählt, die für ein Durchschnittsbild die Basis bilden? Denn es erscheint überraschend wie konkret das sichtbare Durchschnittsmodel ist – so nimmt die Frisur als auch das Gesicht teilweise recht klare Formen an

Grundsätzlich entstehen für jede Saison jeweils so viele Bilder wie Kollektionen gezeigt wurden, inklusive der teilweise nicht auf den Laufstegen sondern in speziellen Showrooms oder in Fotostrecken gezeigten Pre-Collections (für die Zwischensaisons) wie auch der Haute Couture Shows. Das heisst, ich erhalte eine Unmenge von Bildern, aus denen ich zum Schluss eine Auswahl treffen muss, da nicht jedes visuell spannend genug ist, um damit weiterzuarbeiten.

Für die Klarheit der Models gibt es verschiedene Gründe. Zum Einen variiert die Anzahl der Outfits innerhalb einer Kollektion markant von circa 20 Looks bis zu 150. Dabei verschwindet natürlich die Deutlichkeit je mehr Bilder in der Berechnung integriert sind. Für mich gilt aber die Regel, dass ich vor der Berechnung keinerlei Manipulation oder Selektion der Fotos vornehme, um die Objektivität zu bewahren. Nicht zuletzt erstelle ich mit meinen Berechnungen, wenn man es ganz genau nimmt,  auch nicht Durchschnitte der Models sondern von deren Abbildungen. Magritte lässt grüssen: „Ceci n’est pas un model“. Pressefotografen haben jeweils die beste Position an den Modeschauen, von der aus sie sämtliche Models bildfüllend und frontal ablichten können. Diese Einheitlichkeit der Position der Models und deren Haltung innerhalb des Fotos bildet eine wichtige Grundlage für die Sichtbarkeit meiner „Zeitgeister“. Ein weiterer ausschlaggebender Punkt für die Klarheit ist ausserdem die Konsequenz der Designer in der Wahl der Models und deren Styling. Je ähnlicher die Models aussehen, umso deutlicher erscheinen sie als eine einheitliche Figur im resultierenden Bild.

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Wie kam es zu dieser Serie? Gab es einen bestimmten Anlass, der Sie zu dieser Serie motiviert hat?

Stark beeinflusst hat meine Wahl des Ausgangsmaterials die Idee, dass ich mit einer Ästhetik arbeite, die sich jemand anderes ausgedacht hat. Jedes Bild unterscheidet sich vom nächsten, weil ein anderer Designer dafür verantwortlich ist. In deren Köpfen entstanden die Figuren auf meinen Bildern bereits lange im Voraus. Sie denken sich Typen aus, für die sie ihre Kleidung konzipieren und splitten diese Persönlichkeiten anschliessend auf in einzelne Outfits. Zusätzlich entwickeln sie das Konzept jeder Fashion Show oder Fotostrecke für die Looks, was einen signifikanten Einfluss auf das resultierende Bild hat, immer wieder neu – passend zum Typ und zur Mode. Die Grundfigur als Ganzes bleibt aber unsichtbar bis ich sie als Essenz der gesamten Kollektion wieder hervorhole.

Das Arbeiten mit fremden Ideen und Found Footage ist damit einer der Gründe für die Wahl, mit Modesujets zu arbeiten. Ein anderer ist, dass der Fundus an Material unerschöpflich ist und sich alle sechs Monate von selbst erneuert. Jeden Februar/März und September/Oktober wird eine neue Saison eingeläutet und damit der Fundus aufgestockt. Die entstehenden Bilder sind daher immer auch repräsentativ für den Puls der Zeit, daher auch die Bezeichnung meiner Figuren als „Zeitgeister“ – neben der Tatsache, dass deren letzter Schrei nach nur wenigen Monaten bereits wieder vergangen ist.

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In einem weiteren Arbeitsschritt übermalen Sie das entstandene Durchschnittsmodel mit einem angedeuteten Modeentwurf. Lehnt sich dieser an die Kollektionen an oder ist der Entwurf völlig unabhängig von diesen präsentierten Arbeiten? Und warum ist diese Übermalung bzw. der Entwurf als Hinzufügung zum Durchschnittsbild wichtig für Ihre Arbeit?

„Übermalung“ ist wohl nicht das richtige Wort. Es handelt sich dabei um die Werkserie, die sich aus den ausschliesslichen Durchschnittsbildern entwickelt hat, in dem ich meinen Figuren die Farbe entziehe und mit eigenen Kreationen neu einkleide. Dabei verwende ich, wie schon bei den darunter liegenden Bildern, ausschliesslich Material, das bereits im Internet vorhanden ist, meistens Fotos von Schmuckstücken oder Accessoires wie Halsketten, Finger- und Ohrringe, Sonnenbrillen, etc. In digitaler Handarbeit, oder bei den allerneusten Werken ebenfalls durch generative Programmiercodes, forme ich Kompositionen, die den Durchschnittsmodels auf den Leib geschneidert werden. Ich nehme zwar nicht direkt Bezug auf die darin enthaltene Modekollektion, aber durch den jeweils ganz individuellen Charakter der Figuren, der durch den Stil des Designers, dem Ort und der Art der Aufnahmen sowie dem Styling der Models entsteht, lasse ich mich inspirieren und schaffe aus den Schmuckstücken Kleidung, die sich wie automatisch den Figuren anschmiegt und deren Persönlichkeit im Optimalfall noch verstärkt. Wichtig für mich ist dabei der Schritt, dass ich der Fremdbestimmtheit der Durchschnittsbilder nun Herr werde und mir die Models mit meinen Kreationen zu Eigen mache.

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Es zeigt sich bei Ihren Durchschnittsbildern ein deutliches Übergewicht an weiblichen Models. Gibt es dafür eine konkreten Grund? 

Zum Einen hängt es damit zusammen, dass weniger Männerkollektionen designt bzw. an den Modewochen gezeigt werden. Aber der wohl ausschlaggebendere Grund ist, dass den Modeschöpfern beim Designen von Frauenkleidern viel mehr Türen offen stehen und die Bandbreite an Schnitten, Proportionen und Farben deutlich breiter ist als bei Männermode, was oft das gewisse Etwas in meinen Bildern mitbestimmt. Ich bewahre aber sämtliche berechneten Bilder auf. So ist es durchaus denkbar, dass auch einmal eine komplette Männerserie zustande kommt.

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Das Endprodukt vermittelt tatsächlich einen sehr konkreten Frauentyp. Inwieweit ändert sich dieser Frauentyp von Saison zu Saison? 

Jede Kollektion und die daraus entstehende Durchschnittsfigur sind einzigartig, was deren Charakter und Stil angeht. Manche wirken reifer und eleganter, andere jünger und urbaner. In etwa sind dies auch genau die Eigenschaften, die man den Modehochburgen, wie Mailand und Paris, oder London und New York nachsagt. Ich habe dies, wie auch den Aspekt der saisonalen Veränderungen von Trends und Frauentypen untersucht, in dem ich die Durchschnittsbilder nicht nur aus einer einzelnen, sondern aus sämtlichen Kollektionen einer Stadt für eine Saison berechnete. So entstanden für mehrere Saisons jeweils vier Bilder (eins für jede Stadt) aus jeweils ca. 3000 Fotos. Erstaunlicherweise lassen sich diese schlussendlich  kaum auseinanderhalten. Das frische, moderne, urbane New York sieht gleich aus wie das schicke, vornehme Paris. Auch der Vergleich verschiedener Saisons zeigt so gut wie keine Unterschiede. Das einzige was sich erkennen lässt, ist ob es sich um  Frühling/Sommer oder Herbst/Winter handelt, durch die etwas hellere und kürzere Kleidung in den wärmeren Monaten. Von saisonalen Trends also keine Spur, obwohl da jede Modezeitschrift widersprechen würde und jede Kollektion in sich absolut individuell und originell ist.

Betreffend Frauentypen scheint ebenfalls erstaunlich, dass trotz Verschmelzung von 3000 Bildern noch immer deutlich die so typische Model-Figur sichtbar bleibt, wie sie über die Laufstege stolziert. Zwar sind die meisten Farben ausser der Hauttöne im Prozess der Berechnung zu gräulichen Tönen verblasst, das Model aber bleibt deutlich erkennbar, da es nur den Einheitstyp davon zu geben scheint. Ein Punkt, der in den letzten Jahren ab und zu Schlagzeilen gemacht hat und kritisiert wurde, nämlich das Ungleichgewicht von dunkelhäutigen Models im Vergleich zu hellhäutigen, hat sich dabei deutlich bestätigt. Die zartrosa Hauttöne zeugen von einer deutlichen Überzahl hellhäutiger Frauen.

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Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihren Durchschnittsbildern? Inwieweit betten sie sich ein in einen kritischen Umgang mit den gesellschaftlich konstruierten Idealbildern unserer Zeit? 

Ich möchte mit meinen Bildern nicht kritisieren, oder eine Meinung formulieren, die ich für richtig halte. Ich glaube aber, dass durchaus viele Gedanken und Fragestellungen darin aufgeworfen werden, über die es sich lohnt nachzudenken.

Was den offensichtlichsten Punkt betrifft, dem scheinbar standardisierten Schönheitsideal der Frau von heute, so sehe ich die Modeindustrie nicht als Bösewicht. Um einen Eindruck und eine Vergleichsmöglichkeit von Schnitten und Proportionen zu erhalten, was für Händler und Weiterverkäufer ausschlaggebend – und ursprünglich der Sinn der Fashion Weeks – ist, ist es nun mal notwendig, dass die Frauen, die die Kleidung präsentieren, in etwa die gleichen Masse haben. Dass man sich dabei an  Proportionen hält, die zur heutigen Zeit als schön gelten – was sich längerfristig auch verändern kann – ist dabei nur logisch. Klischees, wie die sich halb zu Tode hungernden Models und deren Drogenparties, halte ich im Grossen und Ganzen für übertrieben. Für diese ungesunden und aufgezwungenen Idealvorstellungen auf die Durchschnittsbevölkerung sind, denke ich, eher andere Medien verantwortlich. Dabei möchte ich nicht behaupten, dass es in der Modewelt nichts zu kritisieren gäbe – so etwa das Stichwort Pelz. Da kommen wir dann aber eher zum Thema des Konsumverhaltens allgemein, was an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde.

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In den künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts hat man mit dem Begriff der Avantgarde den Fortschritt eng verknüpft, als auch eine ausgeprägte Radikalität gegenüber gesellschaftlicher Normen. Warum haben Sie den Titel Avantgartistfür Ihre derzeitige Ausstellung verwendet?

Ich habe „Avantgartist“ – übrigens bewusst mit einem „t“ – gewählt als simples Wortspiel mit der Kunst und Modewelt. „Avantgarde“ ist ja nicht nur ein Kunstbegriff sondern fand und findet auch in der Mode Verwendung für zukunftsgerichtete, ausgefallene Ideen. Gleichzeitig erzeuge ich zeichnerisch als auch malerisch wirkende Arbeiten mit neuer Technik, ohne Stift oder Papier in die Hand zu nehmen.

Grundsätzlich möchte ich mit meinen Ausstellungstiteln Platz für Eigeninterpretation lassen, im Gegensatz zu meinen Werktiteln, die klar erklären woraus das Bild besteht.

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Was möchten Sie dem Betrachter mit diesen Arbeiten vermitteln? Gibt es eine Art Message?

Vieles wurde davon bereits gesagt. Ich bin der Meinung, dass die bildende Kunst etwas haben muss, das nicht in Worten vermittelbar ist. Jedenfalls sehe ich das für meine Arbeit als zwingendes Kriterium. Wenn ich eine konkrete Aussage beispielsweise über Politik oder Gesellschaft machen möchte, dann wäre die direktere Lösung, einen Text zu formulieren. Ich bin aber ein sehr visuell funktionierender und logisch denkender Mensch, weshalb ich in Zusammenarbeit mit meinem Computer versuche, visuelle Ergebnisse zu produzieren, die etwas unbeschreibliches enthalten. Etwas pur ästhetisches durch die Wahl des Materials, gleichzeitig aber die reine Logik des Programmiercodes.

Man mag meine Bilder für zu lieblich, zu schön halten, aber all die Gedanken und Emotionen, die durch die enthaltenen Elemente hervorgerufen werden, wie auch die nicht ganz fassbaren porträthaften Abbildungen meiner Models, die durch mich erschaffen wurden, geben der Lieblichkeit die nötige Tiefe um in einem kritischen Diskurs zu bestehen.

Alles in allem trifft wohl die während meines Medienkunststudiums unaufhörlich eingetrichterte Aussage Marshall McLuhans, dass das Medium die Botschaft sei, im Endeffekt auch auf meine Arbeiten zu.

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Vielen Dank für das Interview!

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PASCAL MARCHEV

AVANTGARTIST 

Ausstellung: vom 21. März 2014 bis zum 06. April 2014 in der Photobastei Zürich

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