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Daniel Lippitsch im Interview mit Dr. Renate Wiehager, Leiterin der Daimler Art Collection…

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Welche Ziele und Leitlinien verfolgt die Daimler Sammlung?

Ich würde unterscheiden zwischen inhaltlichen und kuratorischen Zielen sowie kommunikativen und bildungsbezogenen Zielen der Sammlung.

Inhaltlich und kuratorisch versuchen wir, der Sammlung eine klare, erkennbare kunsthistorische Ausrichtung zu geben, ohne den Bestand der rund 2.000 Kunstwerke stilistisch zu sehr einzuengen. Unser Schwerpunkt liegt im Bereich der abstrakten Avantgarden des 20. Jahrhunderts bis in die aktuelle Kunst. Von den frühen Schülern Adolf Hölzels in Stuttgart um 1910, unter anderem Willi Baumeister oder Oskar Schlemmer, über Bauhaus, konstruktive und konkrete Tendenzen, europäische Nachkriegsabstraktion und Zero Avantgarde, Minimal und Conceptual Art sowie Neo Geo und deren Nachfolger bis in die Gegenwart hinein.

Hinsichtlich der kommunikativen beziehungsweise bildungsbezogenen Ziele der Sammlung haben wir unser Angebot an verschiedenen Ausstellungsformaten seit 2001 kontinuierlich ausgebaut. Parallel haben wir auf Anfrage auch Ausstellungen in verschiedenen deutschen Museen durchgeführt, wie etwa in Würzburg oder Kiel.

Im Jahr 2003 haben wir dann die Welttournee der Daimler Art Collection gestartet. Mit einem ersten Überblick im Museum für Neue Kunst/ZKM Karlsruhe, gefolgt von großen Ausstellungen in Detroit, Singapur, Tokyo, Südafrika, Südamerika oder Wien.

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Wie würden Sie die Entwicklung der Sammlung unter Ihrer Leitung beschreiben? Welche thematischen Richtungen schlagen Sie ein?

Zunächst einmal habe ich die Sammlung von einer europäischen Unternehmenssammlung mit Schwerpunkt im Bereich der Süddeutschen Avantgarden und der Konkreten Kunst zu einer Sammlung internationaler Gegenwartskunst erweitert. Mit Werkgruppen amerikanischer, südamerikanischer, asiatischer, australischer, südafrikanischer Kunst, aber auch mit neuen Werkgruppen von europäischen Künstlern von den 1960er Jahren bis heute. Aktuell planen wir Neuerwerbungen chinesischer Gegenwartskunst. Die sogenannte Erweiterung betrifft auch die Überwindung des Schwerpunktes Malerei, wie er bis 2001 vorherrschend war, durch die verstärkte Einbeziehung von Fotografie, Video sowie Mixed Media. Diese Erweiterung ging einher mit der Einbeziehung politischer und gesellschaftskritischer Aspekte der Gegenwartskunst. Nur auf dieser breiteren Basis war es möglich, Ausstellungskonzepte zu entwickeln, die im Kontext unseres öffentlichen Ausstellungsraumes, der Daimler Contemporary am Potsdamer Platz in Berlin, im Rahmen der dreimal jährlich  wechselnden Themenausstellungen einen inhaltlichen Spielraum bieten, die nationale und internationale Besucherinnen und Besucher an das Haus bindet.

Die thematische und mediale Stärkung der Sammlung bot allerdings auch zu allererst für die von mir gestartete Welttournee der Daimler Art Collection die materiale Basis, um für ganz unterschiedliche Besucherstrukturen in den verschiedenen Metropolen der Welt jeweils spezifische Ausstellungen anzubieten: mal mit mehr figurativem, mal mit medialem Schwerpunkt. Wie beispielsweise in Südafrika und Tokyo oder mit einem Fokus auf die abstrakten Nachkriegsavantgarden für Madrid, Buenos Aires oder Sao Paulo.
Ein wesentlicher Teil der Welttournee ist dabei das Education Programm. Vor Ausstellungsbeginn kontaktieren wir Schulen, Universitäten und Kulturministerien, um sogenannte „Vermittler“ auf die Inhalte der Ausstellung und die damit verbundenen, möglichen Bildungsziele vorzubereiten. Das alles wird von spezifischen Publikationen. Publikationen mit je 300 bis 400 Seiten zu den Sammlungsschwerpunkten. Wie beispielsweise zu Themenausstellungen, zum Education Programm, zu den Stationen der Welttournee oder zu Künstlern und Künstlerinnen, die mit größeren Werkgruppen bzw. Auftragswerken in unserer Sammlung vertreten sind.

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Welche Hauptaufgaben und Verantwortungen bringt die Leitung einer Konzernsammlung mit sich?

Erstes Ziel ist es natürlich durch Kontinuität, Qualität, ein eigenständiges Profil, Innovation und Kommunikation eine führende Position unter deutschen und internationalen Unternehmenssammlungen einzunehmen. Die daraus entwickelten Hauptaufgaben beziehungsweise Verantwortungen sind die Formulierung und Umsetzung einer Ausstellungsplanung der Daimler Art Collection für Baden-Württemberg, Deutschland, national und international sowie einer langfristigen Ausstellungs-, Publikations- und Erwerbungsstrategie. Die Ausstellungen und Kunstkonzepte, die wir im Haus für die Daimler AG durchführen, aber auch die Ausstellungen in unserem öffentlichen Ausstellungsraum in Berlin, dem Daimler Contemporary, sowie in internationalen Museen, sind immer verbunden mit einem kulturellen Bildungsangebot für Daimler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Kinder an den jeweiligen Standorten.

Sämtliche Ausstellungen werden von mir, bis in Details der Hängung hinein, selbst kuratiert. Das hängt unter anderem mit meinem Selbstverständnis als Kuratorin zusammen: Dass eben jede Ausstellung immer auch für einen bestimmten Ort und Kontext entsteht und dafür eine bestimmte ästhetische Sprache der Präsentation entwickelt werden muss.

Eine grundlegende Verantwortung meiner Aufgabe bei Daimler ist der Erhalt und Ausbau sowie die Kommunikation der Daimler Art Collection – dazu braucht es langfristige Planungen, sowohl hinsichtlich einer substantiellen Erwerbungspraxis, aber natürlich auch schlicht logistisch und restauratorisch: verbunden mit den rund sechs bis acht Ausstellungen pro Jahr, die zum Teil parallel laufen, ist die ständige Rotation der rund 2.000 Werke unserer Sammlung.

Nicht unbedingt selbstverständlich für das Tätigkeitsfeld von Unternehmenssammlungen, bei uns jedoch ein zentraler Aspekt meiner Tätigkeit ist es, zu allen Ausstellungen wissenschaftlich erarbeitete Publikationen zu umgrenzten Sammlungskomplexen und Themen, aber auch Künstlermonographien vorzulegen.

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Wie bewerten Sie die Rolle von Konzernsammlungen in der heutigen Kunstlandschaft?

Die zentrale Aufgabe und Chance einer lebendig und mutig geführten Unternehmenssammlung sehe ich darin, dass mit Ausstellungs- und Führungsangeboten Menschen angesprochen und für den Umgang mit Kunst und Kultur gewonnen werden können, die üblicherweise vielleicht nicht in Museen gehen.

Dabei geht es zunächst darum, die Neugier der Kolleginnen und Kollegen zu wecken, über „den Tellerrand“ ihres unmittelbaren Arbeitsgebietes hinauszublicken, aber auch Toleranz einzuüben gegenüber Phänomen unserer Zeit, die sich vielleicht auch kritisch und provokativ in der Kunst äußern mögen. Wenn dann noch hier und da zu eigenen kreativen Tun angeregt wird durch die Präsenz und den Umgang mit der Kunst am Arbeitsplatz – dann freuen wir uns.

Das ist der eine Aspekt. Der andere ist der, dass wir natürlich auch unsere Aufgabe darin sehen, dass Feld der Corporate Social Responsibility, der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens mit zu gestalten. Wir erwerben Kunst von zeitgenössischen, deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstler und fördern gezielt die junge Kunst. Wir arbeiten mit Galerien in Deutschland, national und international zusammen. Wir kuratieren und co-finanzieren Ausstellungen aus der Daimler Art Collection für Museen und engagieren uns dann in dem jeweiligen kulturellen Umfeld für Kommunikation und Bildung – das alles sind immer auch gesellschaftliche Aufgaben.

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Wie bereichern Konzernsammlungen die heutige Kunstlandschaft? Welche positiven Effekte bringt das Sammeln von zeitgenössischer Kunst innerhalb eines Großkonzerns, beziehungsweise welche Möglichkeiten werden den Kuratoren innerhalb einer Konzernsammlung im Vergleich zu öffentlichen Einrichtungen eröffnet?

Wenn ich einmal nur, der konkreten und nachvollziehbaren Einschätzungen halber, auf den süddeutschen Raum und die Entwicklungen der letzten 20 Jahre schaue, dann konnte ich beobachten, dass viele Besucher mit Vorliebe zu Privat- und Unternehmenssammlungen pilgern, da diese eine fassbare, biographische Story und ein nachvollziehbares, umgrenztes Sammlungsfeld haben. Anders gesagt, die großen Sammlungen der öffentlichen Museen verursachen vielen Besuchern eine gewisse Scheu, da sie nicht wissen, wie sie sich in der überbordenden Fülle bewegen, wie sie auswählen sollen. Der positive Effekt einer Unternehmenssammlung kann also zum Beispiel darin liegen, dass wir Kuratoren den Vertrauensvorschuss nutzen, den die Beschäftigten Ihrem Unternehmen entgegenbringen. Die 1977 gegründete Daimler Art Collection, ist mit der jüngeren Geschichte des Unternehmens verbunden. Sie zeigt Kunst der Region aber auch Kunst aus den Ländern, in denen das Unternehmen aktiv ist. Man begegnet der Kunst jeden Tag im Arbeitsumfeld, man kann an speziellen Mitarbeiterführungen teilnehmen, und so weiter. Das alles kann, Barrieren zeitgenössischer Kunst und Kultur gegenüber abbauen helfen – und im nächsten Schritt die Kolleginnen und Kollegen animieren, aktiv am kulturellen Leben ihrer Stadt und Region teilzunehmen.

Die Frage, welche Möglichkeiten uns Kuratoren eingeräumt werden? Das ist sicher in jedem einzelnen Fall sehr verschiedenen, da viele Firmen beispielsweise mit externen Agenturen, Beratern, Jurys arbeiten. Das ist bei Daimler nicht der Fall: als Leiterin der Sammlung bin ich für alle inhaltlichen Entscheidungen verantwortlich, von der Gesamtplanung über die Erwerbungen bis zur thematischen und kuratorischen Betreuung jeder einzelnen Ausstellung sowie dem Verfassen und Korrigieren aller begleitenden Texte. Das gibt mir einen Gestaltungsspielraum, der sicher umfassender ist, als es für viele Kuratoren großer Museen heute der Fall ist. Und ist andererseits mit einer sehr großen Verantwortung verbunden, da Unternehmenssammlungen heute von vielen Seiten genau beobachtet werden.

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Konzerne sehen Kunst manchmal als dekoratives Element oder gebundenes Kapital an, welches notgedrungen still veräußert werden kann. Wie positioniert sich die Rolle der gesammelten Werke im Rahmen der Daimler AG?

Die Daimler Art Collection bietet zunächst ein kulturelles Bildungsangebot, das eine breite interne und externe Öffentlichkeit darstellt – wenn die Besucher unserer Ausstellungen die Werke gelegentlich auch einfach dekorativ finden, habe ich damit kein Problem. Und natürlich kann und darf eine Unternehmenssammlung auch Kapitalanlage sein, allerdings gilt für uns prinzipiell, dass wir die Sammlung kontinuierlich erweitern und an aktuelle Entwicklungen der Kunst anbinden. Daimler„investiert in Kunst als geistiges Kapital, in kuratorische Innovationskraft und ideenreiche Kommunikation der Kunst – danach richtet sich unsere tägliche Praxis aus.

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Vielen Dank!

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// Daniel Lippitsch

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www.sammlung.daimler.com
Launch der neuen Homepage der Daimler Sammlung: 01.05.2014

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