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Das zentrale Sujet von Michaela Spiegel sind gesellschaftlich produzierte Rollenbilder der Frau, die sie mittels verschiedenster Medien dekonstruiert. In ihrer aktuellen Serie „Fake“, die sie im Rahmen ihrer Ausstellung „Standbilder“ in der Galerie Steinek präsentiert, wird durch Filmzitate nicht nur das Rollenbild an sich stark thematisiert, sondern das Schauspiel unserer gelebten Realität in den Fokus gerückt. Schein vs. Realität. Wirkung vs. Gefühl. Sabrina Möller traf Michaela Spiegel und sprach mit ihr über ihre Arbeiten, den Fake und die gesellschaftlichen Hintergründe …

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Was sagt der Fake – der ja nicht nur rein beim Orgasmus vorkommt sondern sich etwa auch auf das Sex Face und Inszenierung des Selbst beim Sex bezieht – über uns und unsere Gesellschaft für dich aus?

Das ist ein mal-être! Wenn ich mich der Gesellschaft durch Verstellen unterwerfen muss, um in ihr überleben zu können, kann das bis zur Automutilation gehen. Jetzt war doch gerade dieser große Prozess, wo die falschen Busen – also die Implantate – einiger Frauen explodiert sind… das ist irre! Machen Männer so etwas? Nein, die machen das nicht in diesem Maß. Die ruhen in ihren Körpern bequemer. Frauen haben diese Ruhe in ihren Körpern hingegen nicht: Da geht es dann schon mal in eine Richtung, wo ich mir selber weh tu. Ich weiß nicht was die heutigen Idealmaße sind, aber wenn ich diesen entsprechen will, muss ich mir selber weh tun… und dann wird es wild!

Und es wird auch wild für heterosexuelle Männer, die auf die Barbie Puppen stehen. Wir haben beide mal Barbie Puppen in den Händen gehabt und wissen:

ZWISCHEN DEN BEINEN IST NICHTS! KEINE ÖFFNUNG, SONDERN HARTES PLASTIK.

Wenn jetzt ein junger Mann nur auf Frauen abfährt, weil sie Silikonbusen und aufgespritzte Lippen haben: Dann ist das wie Barbie Puppen spielen für Buben! Das ist auch wild! Und das sind jetzt nur sehr einfache Bilder und Beispiele. Aber das übersetzt sich natürlich …

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Was passiert in dem Moment des Fakes mit der Autonomie der Frau? Siehst du den Fake rein als logische Schlussfolgerung der Erwartungen der Gesellschaft oder ist es für dich auch ein Zeichen eines schwachen Charakters? 

Nein, mit Charakter und Schwäche hat das nichts zu tun. Ich glaube überhaupt nicht dass es die Gesellschaft erwartet. Aber ich glaube, dass Sexualität ein unglaubliches Politikum ist. Es gibt so etwas wie Erfolgszwang. Muss ich jederzeit Lust auf Sex haben? Und selbst wenn ich Lust darauf habe, kann es ja ohne weiteres vorkommen, dass ich mich im Partner geirrt habe. Da wäre ein fake dann eine sogenannte Hintertüre um flottestens wieder aus der Situation raus zu kommen.

Hast du selber auch schon mal gefaket?

Natürlich!

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Was war die Erkenntnis dahinter?

Gut! It’s over! Danke! Es ist eine Höflichkeitsfloskel.

Warum hast du dich für das Medium Zeichnung, Pastell und ein überdimensionales Format entschieden? Du hättest ebenso auch reine Filmstills zeigen können… Was passiert für dich in dem Moment wo du das Medium vom Film zur Zeichnung wechselst? Ändert sich die Message? 

Es verändern sich auf jeden Fall mal die Haptik und das Format an sich: Es wird dadurch der Moment. Es ist nicht mehr eine Abfolge von bewegten Bildern. Ich hab den Moment, in einem Bild festgehalten.

Und ich mag einfach das Handwerk: Den Umgang mit Papier und Kreide – das ergibt eine andere Dimension. Natürlich kann man ein Filmstill aufblasen und es digitalisiert auf jegliche Größe bringen… Das wäre dann aber nicht mehr meine Arbeit, sondern die Arbeit mehrerer Anderer.

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Gab es einen bestimmten Anlass für diese Thematik oder wo die Motivation für diese Serie ihren Ursprung?

Eines ergibt sich bei mir aus dem Anderen. In meinem Gehirn geht es immer über das Wortspiel. Und so entstehen auch meine Ideen zu Folgearbeiten. Ich habe diesen Film „Emmanuelle Kant“ gemacht, wo ich über den alten Film „Emmauelle“ aus den 70er Jahren gearbeitet hab. Der war in seiner Zeit ein Aufreger, ein Skandal. Es hat mehr als 2 Jahre gedauert, bis er in Amerika überhaupt erlaubt wurde. In Frankreich ist er hingegen jahrelang auf der Champ-Élysées in einem Kino gelaufen. Es ist einer der meist gesehenen Erotikfilme überhaupt. Unglaublich! Und das natürlich in einer Zeit vor dem Internet.

Ich habe den Film mit Texten aus Immanuel Kants „Die Kritik der reinen Vernunft“ und aus „Die Kritik der praktischen Vernunft“ synchronisiert. Ich fand es wirklich schade, diese Arbeit auf Film und Neuvertonung zu beschränken. Mir ist dann das Wort „Standbild“ gekommen – logischerweise bei „Emmanuelle“. (lacht) Der nächste Schritt war dann aus „Emmanuelle“ Standbilder zu zeichnen. Ich fand es dann aber idiotisch mich auf nur einen Film zu beschränken. Vielmehr dachte ich mir:

JETZT BAUE ICH MIR DIE GRÖSSTE EROTIKSAMMLUNG NORDFRANKREICHS AUF!

Das war der Anspruch…? (lacht)

Ja, wie der Pornojäger Humer! Das war ein Erzkatholik aus Österreich, der sich den ganzen Tag nur Pornofilme reingezogen hat, um sie dann der Filmzensur vorzuwerfen, damit sie wieder vom Markt genommen werden. Also habe ich mir, wie der Pornojäger Humer, wochenlang auf Amazon DVD’s der sogenannten Erotik-Klassiker bestellt – aber keine Porno DVD’s, denn davon gibt es ja genug im Internet. Die Klassiker zeigen von wo wir kommen, wie wir beim Sex ausschauen und was uns antörnt – aus welcher Zeit wir kommen…

Du hast ausschließlich Frauen porträtiert – doch die Fake Problematik wird auch seit kurzem öffentlich bei Männern diskutiert … Warum hast du dennoch mehr die Frau im Fokus?

Weil mir das ganz einfach näher ist und mich mehr interessiert. Damit kann ich mich mehr identifizieren. Das ist ehrlicher. Ich mach ja hier keine Gesellschaftsstudie. Ich mach Kunst.

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Hast du den Porno als Kategorie bewusst ausgeklammert?

Nein, ich hab jetzt eine Serie in Arbeit, in der es um Pornofilme geht. Da sind aber meiner  Meinung nach weniger Fakes dabei. Die Filme sind auch nicht aus der Jetztzeit, sondern eher aus den 80er Jahren.

Letzten Sommer bin ich von Brigitte Lahaie zu einem RMC-Interview (französischer Radiosender) eingeladen worden. Sie ist eine der bekanntesten französischen Pornodarstellerinnen aus den 80er Jahren. Heute hat sie eine Radiosendung, in der sie sich täglich mit Psychologie und Sexuologie beschäftigt. Zuvor hatte ich noch nie einen Film von ihr gesehen, doch in der neuen Serie werden drei oder vier Porträts von ihr sein.

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Welche Analogien und Diskrepanzen siehst du zwischen den Standbildern aus den Erotikklassikern und den Pornofilmen?

Ich hab diese Serie noch nicht fertig. Ich kann das jetzt selber schwer voraussehen. Aber ich glaube es wird anders. Es sind einfach andere Belichtungen. In diesen Erotikfilmen wird ja ganz großer Wert auf die Belichtung gelegt. Und in den Pornofilmen zwar auch, aber die DarstellerInnen, glaube ich, sind freier.

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Vielen lieben Dank!

// Sabrina Möller

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MICHAELA SPIEGEL

Standbilder

Ausstellungsdauer: 19.03.-18.04.2014
Galerie Steinek. Eschenbachgasse 4. 1010 Wien. 
www.galerie.steinek.at
 
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