___

Neofeminismus, Transgender, Psychovintage und das Institut für Heil und Sonderpädagogik als Inbegriff der österreichischen Seele. Nach einem ersten Interview über den „Fake“ und ihre aktuelle Ausstellung „Standbilder“ sprach Sabrina Möller mit Michaela Spiegel über ihre Perspektive auf unsere Gesellschaft und ihren künstlerischen Zugang….

 

Für deine Arbeiten hast du einen neuen Begriff eingeführt: Psychovintage. Eine Beziehung zwischen Psycho und Vintage – zwei Kategorien, die auf den ersten Blick nicht unbedingt eng miteinander verknüpft sind. Was verstehst du unter diesem Begriff genauer? 

Ich komme ja durch meine Institutsgründung auf den Kunstmarkt: Das Institut für Heil und Sonderpädagogik (ohne Bindestrich). Die Gründung des Instituts hat sich ergeben, als ich vor 20 Jahren von Frankreich zurück nach Wien gekommen bin. Zu dieser Zeit wurde gerade das alte AKH ausverkauft. Vor Ort bin ich dann auf das Schild „Institut für Heil- und Sonderpädagogik“ gestossen. Damals habe ich gefunden, dass es nichts treffenderes gibt als dieses Institut für Heil und Sonderpädagogik – bewusst ohne Bindestrich – um die österreichische Seele zu erklären. Unter diesem Oberbegriff habe ich mich dann sehr lange mit den verschiedensten -ismen auseinandergesetzt: Rassismus, Sexismus, Nationalismus, usw. Obwohl ich das Wort selber noch nicht in meinem Kopf oder in meiner Arbeit hatte, habe ich zu dieser Zeit eigentlich bereits mit dem Psychovintage angefangen.

„Psycho“ kommt klar aus der Psychologie der menschlichen Seele, während sich „Vintage“ eher darauf bezieht, dass alles schon irgendwann einmal da war. Wir gehen alle so oft an Begriffen, Bildern, Einstellungen und Lebensformen im Miteinander der Menschen vorbei, ohne sie in der heutigen Zeit zu hinterfragen. Daher versuche ich mit alten Bildern, Filmen und alten Worten in meiner Arbeit genau das in die Jetztzeit zu transformieren.

___

Warum hast du dich gerade für die Kategorie Vintage entschieden? Schließlich gäbe es auch ausreichend gegenwärtige Phänomene, die die Problematik der von der Gesellschaft konstruierten Rollenbilder aufzeigen. Inwieweit untermauert diese Wahl deine Postion oder ist es vielmehr eine ästhetische Vorliebe? 

Man muss sich immer fragen, was in der Gegenwart woher kommt. Da bleibe ich bei Gerda Lerner :

„OHNE VERGANGENHEIT KEINE ZUKUNFT“

___

Gab es eine Art Urmoment, in dem du zu deiner eigenen Formen- und Ausdruckssprache – eben auch dem Psychovintage – gefunden hast? Aus welcher Motivation heraus ist diese Auseinandersetzung mit den Rollenbildern entstanden?

Die Rollenbilder kommen aus meinem eigenen Ich, aus meinem eigenen Selbst. So wie das jeder Mensch macht, habe ich mich auch immer wieder hinterfragt. In meinem Leben war ich in verschiedensten Situationen, die mich in großem Maß dazu herausgefordert haben, mich selber zu fragen, wer ich bin.

___ 

Aber gab es dann den einen Moment, in dem du begonnen hast diese Auseinandersetzung in deine Kunst zu integrieren bzw. es als so relevant zu erachten, dass du es mit dem Betrachter teilst? 

Ich kann mein Leben nicht von meiner Kunst trennen. In Österreich habe ich bei Wolfgang Hutter an der Angewandten die Klasse der Phantastischen Malerei besucht. Das habe ich dann für mich irgendwie umgedreht: Seither versuche ich bewusst das zu machen, was mit mir übereinstimmt. Denn das ist schließlich eine lange Suche, wenn man sich darüber bewusst werden möchte, was eigentlich mit einem selbst übereinstimmt. Meine Wortkreation für meine Arbeiten habe ich dann mit Rückbezug auf den Phantastischen Realismus gewählt: Die Schule des „Irrealistischen Feminismus“. Eine reine Wortspielerei – denn auch wenn ich das Handwerk der Malerei gelernt habe, bin ich heute ja in einer total gegenteiligen Haltung von Blumenmädchen.

___

Auf den ersten Blick sind viele deiner Werke ästhetisch sehr ansprechend, fast schon liebreizend und schön, sodass eine Kritik an den gesellschaftlich konstruierten Rollenbildern nicht jeden Betrachter auf den ersten Blick direkt anspringt, sondern man darauf schon gewissermaßen sensibilisiert sein muss. Du präsentierst dem Betrachter eine gelebte Scheinrealität – geht es dir darum mit diesen Eindrücken zu spielen und den Betrachter so zu einer kritischen Auseinandersetzung herauszufordern? 

Das hoffe ich sehr! Aus der Rezeption meiner Arbeiten kann ich nicht beurteilen, wie sie auf die verschiedenen Menschen wirkt.

Man kann Menschen Einstellungen und Gefühle vermitteln. Und das ohne ihnen ins Gesicht zu springen. Mir ist meine Ästhetik – also das was ich selbst als ästhetisch empfinde – wichtig. Was nicht bedeuten soll, dass hinter einer schöne Fassade nicht auch Grauenhaftes stecken kann. Wer sich mit den Arbeiten auseinandersetzt, kommt auch darauf.

___

Du arbeitest mit verschiedenen Medien um die produzierten Rollenbilder unserer Gesellschaft zu dekonstruieren: Film, Fotografie, Objekte, Collagen und Zeichnungen. Inwieweit siehst du diese Vielzahl an Medien als Verstärkung dieses Ziels? Ist es eine noch deutlichere Message, wenn du mit verschiedenen Medien arbeitest und damit den Betrachter auf unterschiedlichen Wegen erreichst? 

Nein, überhaupt nicht. Was ich tue ist in keiner Weise – gerade von der Arbeitstechnik her – auf den Rezipienten kalkuliert. Ich habe einen wahnsinnigen Spaß und sage immer wieder: Ich lebe im Paradies. Mein Paradies ist das Hier und Jetzt. Ich darf das tun was ich will. Wenn ich mich da selber beschränken würde, nur weil ich am Kunstmarkt damit identifiziert werde und meine „Marke“ leichter erkannt wird und leichter zu vermarkten ist oder weil ich eine Technik nicht gelernt habe – na dann werde ich sie halt lernen – das wäre doch verrückt.

___ 

Deinen Arbeiten ist natürlich auch ein starker feministischer Standpunkt eingeschrieben – neben dem Anspruch, dass wir eine Gesellschaft werden, die von Rollenbildern befreit ist. Wie beurteilst du die aktuelle und hart erkämpfte Position der Frau in der Gesellschaft? 

Ich finds großartig wenn man sagt: Die Frau hat sich etwas erkämpft. Weil Frau hat sich etwas erkämpft – es stimmt! Diese Erkenntnis ist ganz richtig.

Wer kennt schon einen Menschen, den man fragen würde: „Hey, bist du Rassist?“ Und dieser antwortet darauf: „Ja, klar!“ Nichtsdestotrotz gibt es in der heutigen Welt viele Menschen – Frauen und Männern – denen man die Frage stellt: „Bist du Feministin? Bist du Feminist?“ Derjenige dreht sich eher um und fragt: „Was soll das?“ In der weiblichen Geschichte wurde schon wahnsinnig viel Propaganda gegen Frauen gemacht – und wird es immer noch. Aus diesem Anspruch heraus ist es mir wichtig zu sagen: Ja, natürlich bin ich eine Feministin! Ich versuche – und das ist meine Erfindung – eine Neofeministin zu sein. Das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, das hat mit Gleichgewicht zu tun. Es ist eine ganz klare Haltung.___

Frauen wurden in der ganzen Vergangenheit  – und nicht nur – benachteiligt und darauf gehört hingewiesen. Das ist der entscheidende Punkt. Alles andere – wie sie sich heute ihr Leben gestalten und wie sie sich ihre Weiblichkeit gestalten – wie sich auch Menschen in männlichen Körpern ihre Weiblichkeit gestalten dürfen, bleibt dann jedoch sehr oft an der Karikatur hängen. Es gibt sehr wenige Transgender, Transvestiten, die Frauen nicht karikieren. Es ist immer ein Frauenbild, das ins lächerliche geht. Warum soll eine Frau lächerlich sein? Für mich sind die Feministinnen in Frauenkörpern, die sich Anti-Männer-Regeln unterwerfen, dann aber selbst wie Männer ausschauen oder Frauen die ihre Weibliche Seite ins Extreme quasi „vermarkten“ und selbst wie Transvestiten ausschauen keine annehmbaren Rollenbilder. Die gesamte Thematik hat aber weitem nicht nur mit Bekleidungsvorschriften zu tun…

___ 

Eigentlich wird dadurch wieder ein Rollenbild geschaffen und vor allem untermauert…

Es gehört einfach immer hinterfragt. Was im Internet herumschwirrt gehört ebenfalls hinterfragt. Inwiefern ist es diskriminierend oder nicht?  Darum geht es mir.

___ 

Hat sich die Existenz von Rollenbildern in den vergangenen 50 Jahren überhaupt in der Masse oder Anzahl verändert, oder haben sich lediglich die Rollen an sich verändert? 

Ja, selbstverständlich. Aber das sind ganz kleine Prozesse. Wo hätte es vor 50 Jahren den Gedanken Transgender gegeben? Diese Gedanken muss man sich erlauben und dann ist es noch ein ganz langsamer Prozess, bis die Gesellschaften das als ihre Norm erkennen.___

Du bist selber eine Frau mit einem sehr starken Auftreten und einer starke Persönlichkeit. Ertappst du dich dennoch immer wieder in Situationen, in denen du dich plötzlich einem Rollenbild identifizierst oder dir ein Rollenbild zugeordnet wird? Wie gehst du damit um?

Zugeordnet wird einem permanent etwas. Gegen Projektionen kann sich kein Mensch verwehren. Aber Projektionen kann man annehmen oder eben nicht. Diese Entscheidung hat jeder Mensch.

Ich liebe es mit Rollenbildern zu spielen. Es ist mir einfach ein Vergnügen. Warum sollte ich mich immer nur ernst nehmen? Ich nehme mich in meiner Liebe zur Freiheit ernst. Das ist mir das höchste Gut. Aber Rollenbilder sind nichts Schlechtes insofern sie nicht diskriminierend sind. Wieso auch nicht? Sie geben einem Sicherheit. Das ist so wie die Religion in vergangenen Zeiten den Menschen eine Sicherheit gab. Später war es die Politik. Das sind lauter Anker, an denen man sich festmacht um nicht abzudriften. Insofern ist das nichts schlechtes. Doch bewusste Gedanken hinter all diesen Dingen sind das, worauf man achten muss: Ist es diskriminierend? Ist es mich selbst diskriminierend? Oder den Menschen gegenüber diskriminierend?

___

Wie würde eine solche Gesellschaft aussehen, die völlig von Rollenbildern befreit ist? Funktioniert das überhaupt oder ist es wirklich ein nicht realisierbares Traumszenario? Schließlich erlebt jeder in seinem Umfeld immer wieder Menschen, die mit Freude in Rollenbilder schlüpfen und scheinbar alles dafür tun…   

Es ist ein Spiel. Der Punkt ist die Diskrimierung. Wenn man sich von einem Rollenbild unterdrücken lässt, weil es auf den ersten Blick der einfachere Weg scheint durchs Leben zu kommen, ist es mit Sicherheit eben nicht der richtige Weg, weil man nicht ident bleibt.

Heute morgen habe ich einen Artikel gelesen, der besonders spannend für mich war, da ich selber im Rahmen meiner aktuellen Ausstellung einen Dark Room gemacht habe. Dort habe ich gelesen, dass es in den 70er Jahren in New York den ersten Dark Room für lesbische Frauen gab. Der weibliche Körper, der sich von einer anderen Frau angezogen fühlt, das war irgendwie okay. Aber der Begriff weibliche, vor allem homosexuell weibliche Promiskuität ist dann schon nicht ins System reingegangen. Dieser Dark Room hat einige paar Wochen überlebt, bis dann irgendwann mal eine Frau reingegangen ist und gemerkt hat, die Frau die sie küsst hat tatsächlich Bartstoppel. Irre! (lacht) Da haben sich dann überkluge Typen reingeschlichen, um zwischen vielen Frauen Sex zu haben. Ich mein: Hey, zu viel Traditionelles ist echt nicht okay.

___

Vielen Dank für deine Zeit!

// Sabrina Möller

___ 

Interview mit Michaela Spiegel „Fake“ 

MICHAELA SPIEGEL „Standbilder“
Ausstellungsdauer: 19.03.-18.04.2014
Galerie Steinek. Eschenbachgasse 4. 1010 Wien. 
www.galerie.steinek.at
__