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‚Home and Away and Outside‘: Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt die erste Überblicksausstellung zu Tobias Rehberger mit Werken aus 20 Jahren seines Schaffens. Stefanie Schneider war für art and signature vor Ort… 

Wie eine Flut aus optischem Flimmern wirkt Rehbergers erster Raum. Dabei ist nichts, wie  sonst üblich. Keine weißen Wände, keine im Fokus stehenden Objekte, keine klare Abgrenzung. Stattdessen eine Rauminstallation, die die Augen blinzelnd staunen lässt, die das Sehen gewissermaßen überströmt, die Grenzen verwischt und großformatig tarnt. Die Assoziation der Flut könnte dabei nicht passender sein, denn die britische Marine bemalte ihre Schiffe im Ersten Weltkrieg mit großflächigen Mustern, die einander überschnitten, sich überlagerten und durchkreuzten. „Dazzle Camouflage“ heißt diese an Op-Art erinnernde optische Täuschungsstrategie, über die Pablo Picasso behauptet haben soll, sie sei vom Kubismus gestohlen. Für die britische Marine sollte die Tarnung dem Gegner die Identifizierung des Kurses und der Geschwindigkeit erschweren. Für Tobias Rehberger ist sie eine künstlerische Ausdrucksform. Um seine Kunst zu definieren. Und das Bekannte neu zu interpretieren.

Dieser erste Raum innerhalb Rehbergers erster Überblicksausstellung ist nämlich eine Weiterführung seiner preisgekrönten Arbeit „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ für die Biennale in Venedig aus 2009. Dabei verwandelte er — ebenfalls nach „Dazzle-Camouflage-Prinzip“ — eine Cafeteria im Park der Giardini in erlebbare Kunst. Eine Symbiose von sozialer Kommunikation und ästhetischer Praxis, für die er verdient mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Die Arbeit in der Schirn allerdings ist kein Funktionsraum, sondern will als Kunstraum verstanden werden: Mit dem eigens für die Ausstellung konzipierten Muster, dem Tapezieren von Wand, Einrichtung, Boden und dem damit einhergehenden Verschmelzen von Raum und Kunstwerk wird die Wirkung neu interpretiert und verstärkt.

Die Überlagerung verschleiert die Genese jeder einzelnen Arbeit, die zum Effekt jeder anderen mutiert. Wechselt der Betrachter die Perspektive, ist die Veränderung der Gesamtsymbiose quasi vorprogrammiert. Jede weitere Skulptur, die sich in die Liaison einfügt und mit den Elementen auf faszinierende Weise verschmilzt, lässt den neugierigen Besucher umherwandeln – dem steten Wahrnehmungswandel praktisch ausgeliefert.

An die Elemente nah herantretend werden Defekte offenkundig. So tritt aus den „handicapped sculptures“ kontinuierlich Wasser, während aus anderen leichter Rauch aufsteigt. Andere wiederum haben eine große Delle mit abgeplatztem Lack oder eine permanent flackernde Neonröhre. Die Serie „Kim explores her face in the broken mirror“ zeigt großformatige Spiegel, die teilweise zersplittert und mit Klebeband fixiert sind. Ein auf den ersten Blick unspektakuläres Wandbild überrascht alle 15 Minuten als Kuckucksuhr, mit einer heraustretenden roten Kugel und den üblichen Kuckucksrufen.

Matthias Ulrich, der die Ausstellung kuratierte, definiert solche „Fehler“ als Rehbergers ironischen Kommentar auf das Bekannte. Es sei ein künstlerisches Stilmittel, um „dem regelmäßig auftretenden Idealismus einer Zusammenführung von Kunst und Leben zu widersprechen.“

Auch der zweite Raum arbeitet ironisch, wenn auch auf eine völlig konträre Art und Weise. Statt mit einer optischen Flutwelle überrascht der Künstler hier durch ein minimalistisches und nahezu akademisch seriöses Raumkonzept. Rehberger setzt sich in diesem Raum mit der Frage der Funktion von Kunst auseinander. Dazu sagte er einmal: „Kunst wird als Instrument für kulturelle Definition oder als Ware auf dem Kunstmarkt oder auch als ‚Glücklichmacher‘ an der Wand hinter dem Sofa gebraucht. Eine Funktion hat die Kunst immer.“

So präsentiert er Vasen, Stühle, Betten und Prothesen, die der gewöhnlichen Vorstellung dieser Gegenstände zwar nicht entsprechen, aber als solche dennoch fungieren könnten. Und folglich als Design, „wenn auch als Design im Kunstpelz auffassbar sind“, meint Schirn-Direktor Max Hollein. Dass Tobias Rehbergers Arbeit an der Grenze zwischen Kunst und Design operiere, ist ein immer wiederkehrendes Missverständnis in der Rezeption. Um diese werkimmanente Disposition zu hinterfragen, positioniert er die scheinbar angewandten und funktionalen Objekte in einer eigens konzipierten Ausstellungslandschaft, die den Besucher abermals aktiviert: Podest, Sockel, Sitzmöglichkeit, Lauf- oder Ausstellungsfläche – Rehberger verwischt wiederum die üblichen Grenzen einer Ausstellungslandschaft, um erst durch den umsichtig umherwandelnden und sich sichtlich wohlfühlenden Besucher Funktion zu stiften. Denn erst aus der Partizipation des Besuchers bestimmt sich der Zweck dieser konstruierten Wohnlandschaft, in der gewöhnliches Sitzen die Vollendung der Kunst bedeuten kann.

// Stefanie Schneider

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TOBIAS REHBERGER. ‚Home and Away and Outside‘

Schirn Kunsthalle Frankfurt
Dauer: 21. Februar – 11. Mai 2014
Öffnungszeiten: Di, Fr-So 10-19, Mi und Do 10-22 Uhr
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