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Mitte Februar schaffte es Sotheby´s erneut ein Richter Gemälde mit alt bekanntem motivischen Inhalt für 21,4 Millionen Euro unter den Hammer zu bringen. Ein stolzer Preis, der treu einem gegenwärtigen Paradigma des Kunstmarktes folgt: WAS TEUER IST, IST GUT UND DARAUS RESULTIEREND EIN VORREITER DER KUNST UNSERER EPOCHE.

Natürlich entbrennen bei einem dermaßen astronomischen Preis für ein Bild die Diskussionen um Geld und seine kapitalistische Zerstörungskraft. Jedoch wird solchen zu meist leeren Reden mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem eigentlich interessanten Faktor rund um ein derartiges Ereignis: Nämlich, dass die Käufer von Kunst und der Markt sich regelmäßig gegenseitig blenden lassen.

Man könnte eine mehr als umfangreiche Liste von Künstlern erstellen die vom Markt ihrer Zeit, von den führenden Kritikern und selbstverständlich von den Kunstliebhabern verachtet wurden, nur um später paradoxer Weise als Heroen gefeiert zu werden. Waren es nun die Impressionisten, Realisten oder Expressionisten des vergangenen Jahrhunderts um nur einige Strömungen zu nennen. Ihnen allen wurde derselbe Widersinn entgegnet und der Markt bestätigte wieder einmal sein Potenzial zur Fehleinschätzung.

Wenn nun alle diese großen Künstler erst in späterer Folge ihren Marktwert entwickelten und die damaligen Objekte der öffentlichen Aufmerksamkeit heute beinahe vergessen sind, fragt man sich, was das über die Künstler unserer Zeit aussagt. Werden wir noch in 100 Jahren ehrfürchtig vor Hirsts „For the Love of God“ oder Koons „Puppy“ stehen? Werden Sammler noch bereit sein für einen Pollock 100 Millionen zu bezahlen?

Die großen Namen unserer Zeit könnten genauso vergehen wie die Shooting-Stars der Pariser Salons. Sie könnten in die gleiche geschichtliche Peripherie und somit auch in die markttechnische Vergessenheit geraten wie es vor 150 Jahren der Fall war. Dieser Umstand wird außerdem von der marktkonformen, dogmatischen Haltung seiner aktuellen Akteure bestärkt. Solange die Doktrin des Kunstmarktes von einer Handvoll trendorientierter Käufer beherrscht wird, die nach dem HöhexBreitexReputation Prinzip einkaufen, wird es immer strategisch handelnde Galeristen geben, die es verstehen diese Blindheit auszunutzen, um die aktuell Großen unserer Zeit immer weiter voran zu bringen. Dass unter einer solchen Praxis die Qualität und Diversität der Kunst leidet, scheint nicht zu interessieren, denn jeglicher produktiver Auswurf eines teuer gehandelten Künstlers wird von den verstummten Kritikern nicht beurteilt sondern beworben. Hirst könnte seine Assistenten noch etliche weitere Bilder malen lassen, mittels Stempel eine Signatur auftragen und es wird sich mit Gewissheit ein passender Abnehmer dafür finden.

Man könnte auch meinen, dass diese Entwicklung des „heutigen“ Kunstmarkts schrecklich sei und das Gefühl für die Kunst zerstöre, nur um im selben Moment außer Acht zu lassen, dass der Wunsch nach Reproduktion, Einfachheit, Konformität und „sich etwas Hübsches ins Wohnzimmer hängen zu wollen“ diese Entwicklung über viele Jahre überhaupt erst hervorbrachte. Der Mangel an Reflektion, unbewusster Konsum und das schwache Interesse an weniger Bekanntem haben uns diesen Weg geebnet. Der einzige Unterschied unserer Zeit ist, dass die Orientierung an Trends einen nennenswerten Profit bringt. Die Kraft des Gutes setzt sich durch und was bleibt, ist ein barrierefreier Markt mit im Vorhinein produzierter künstlicher Nachfrage.

Leider, oder wohl eher zum Glück, verlangt die Kunst nach ihrem Markt. Er liefert den notwendigen Rückhalt und natürlich ist es mehr als erstrebenswert von seiner Kunst entsprechend leben zu können. Wenn Reichtum eine daraus resultierende Konsequenz sein sollte, kann man diesen nicht anhand von anti-kapitalistischem Fanatismus verurteilen, sondern muss bereit sein die gültigen Konsequenzen, die für die Produktion von Kunst von Bedeutung sind, herauszuarbeiten. Man kann nur hoffen, dass alle heutigen Helden und getätigten Investitionen in ferner Zukunft nicht der erwähnten Verblendung zum Opfer fallen werden und die Museen sich doch noch erbarmen werden Richter oder Murakami zu zeigen.

Falls dies jedoch nicht der Fall sein sollte, wären alle Studenten, die blauäugig in die populären Ausstellungen unserer Tage pilgern, alle Sammler, die nicht von Inhalten sondern Marken motiviert werden und alle Kuratoren, die sich der sozialen Erwünschtheit und nicht der Suche nach markanten Positionen zeitgenössischer Kunst verschrieben haben, gut beraten, ihren Blick auf die Unbekannten zu richten. Diese kleinen Namen die noch keine nennenswerten Preise erzielen und für die es sogar einmal den Begriff einer Avantgarde gab, welcher irgendwann noch Aussagekraft besaß und bewundert wurde. Diese Randerscheinungen einer Kunst, die auf seltsame Weise nicht in unsere Projektion von Kunst passen. Vielleicht haben sie bereits gewaltige Namen und wir sind einfach zu verloren in unserem Dogma um es zu erkennen.

// Daniel Lippitsch

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