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Wenn die äußere Erscheinung des Minimalismus in den Arbeiten von Sébastian de Ganay auf seine relationale Ästhetik trifft, generiert er Räume, in denen uns ironische Kommentare in Form eines puristischen Materialfetischs vorgeführt werden. Ein ‚relationaler Minimalismus‘, der ambivalent anmutende Situationen hervorruft, den Betrachter die Topographie des Sehens erforschen lässt und auf paralinguistische Systeme verweist.

Was dem Betrachter zunächst als ein geräuschloses Universum erscheinen mag, entpuppt sich als reinster Dualismus. Denn die makellosen Hochglanzoberflächen der präzise ausgeführten Objekte suggerieren zunächst Analogien zu den Intentionen des Minimalismus und einer Strömung, die sich eines Inhaltes völlig entledigen möchte. Das Spiel von de Ganay mit dem Reflexionsvermögen und den sensuellen sowie haptischen Qualitäten der Materialien verleitet vielmehr zu einer Dynamik, die eine Interaktion mit dem Betrachter einfordert. Die Virtuosität wird zu einer Art Kodierung – und das auf verschiedenen Ebenen. Verweise von Internierungslagern sowie Zitate von Churchill werden – neben Auszügen aus Gedichten oder Tagebüchern – in diesen scheinbar rein materiellen Designobjekten mittels der Blindenschrift integriert. Doch nicht nur das verwendete Vokabular ist teilweise militärisch konnotiert. In ihrem Ursprung wurde die Punktschrift sogar für militärische Zwecke konzipiert: Eine Art Geheimsprache, die bei Nacht lesbar war. Eine Provenienz, die de Ganay mittels fluoreszierender Farben selektiv in seinen Werken zitiert. Form und Sprache sind unmittelbar miteinander verknüpft: Durch die formale Analogie zu ‚Warnzeichen‘ wird auf die Essenz in den Arbeiten ‚Spitfire‘ demonstrativ verwiesen. So ist auch die verunfallte Ampel ein Element aus dem Straßenverkehr, die die Sprache für Blinde in akustische Elemente transformiert. Ein Loop aus den verschiedensten Signalen. Die Sprache wird zu einer partiellen Kodierung, die aufgrund der limitierten Lesbarkeit eine Umkehrung erzielt: Der Sehende wird zum Nicht-Sehenden und kann nur in der Interaktion mit weiteren Betrachtern, die der Blindenschrift mächtig sind, eine Entschlüsselung vollziehen.

Eine Kodierung im weitesten Sinne implizieren auch die Bilder von de Ganay, die auf found footage im Internet basieren: Es sind Bilder von Uncle Haim, die im Internet zur freien Verfügung gestellt wurden. Diese Referenz ist als Bildindex auf die Oberfläche gedruckt und ermöglicht es dem Betrachter, das Originalbild im Internet selbstständig zu finden. Permanente Assoziationen mit bereits Gesehenem aus unserer Alltagswelt werden hervorgerufen.

Die Essenz der Arbeiten liegt im Detail und stellt die vorgeprägte Wahrnehmung des Betrachters auf die Probe. So konfrontieren die geometrischen Formen seiner „Triangels“, „Pentagonen“ und „Beerkapsels“ den Betrachter mit dem kommerziellen Charakter unserer Gegenwart. Intuitiv werden Assoziationen hervorgerufen: Das VIVA Logo und natürlich auch die formale Analogie zur Bierkapsel als Inbegriff einer industriellen Massenproduktion für unsere Spaßgesellschaft. Es sind einfachste Formen, deren Bedeutung durch unsere Gesellschaft so aufgeladen erscheint, dass der verknüpfende Blick des Betrachters für einen kurzen Moment über die minimalen Verschiebungen hinwegtäuscht.

Während die Schriftbilder von de Ganay mit explosiven Themen agieren, wird der ‚Hochstuhl‘ zum Prototyp seiner Ironie. Eine Hochstilisierung der Recyclingkunst – und ‚hoch‘ im doppelten Sinne. Sein aus Aluminium nachgebildeter ‚Kartonstuhl‘ lehnt sich an seine Stuhlobjekte, die sowohl vom Design als auch von einer Funktionalität gekennzeichnet sind: Sie lassen sich wie ein Karton zusammenfalten. Im Rahmen der Ausstellung geht de Ganay jedoch einen entscheidenden Schritt weiter, indem er aus dem Stuhl eine Art Hochstuhl konzipiert, der die Sitzfläche für das betrachtende Subjekt unerreichbar und erhaben macht. Das Sublime des Stuhls fordert den Betrachter auf, ständig seine Perspektive zu wechseln und wird zugleich durch seine sanft rosafarbene Pulverbeschichtung erneut ironisiert.

// Sabrina Möller

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SÉBASTIEN DE GANAY. over again forever

29. April bis 05. Juni 2014

Galerie Steinek
Eschenbachgasse 4
1010 Wien 
www.galerie.steinek.at

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